Mittwoch, 20. November 2019 23:51 Uhr

Filmkritik: Cate Blanchett als schräge „Bernadette“

Foto: Universum

„Boyhood“-Regisseur Richard Linklater holt Cate Blanchett für eine Drama-Komödie vor die Kamera. Die Oscar-Preisträgerin wird zur frustrierten Hausfrau Bernadette, die in der Antarktis eine Auszeit nimmt.

Bernadette Fox hat sich ans Ende der Welt abgesetzt. Mit riesiger Sonnenbrille paddelt die Amerikanerin in einem Kajak zwischen Eisschollen in der Antarktis. Etwas stimmt hier nicht, das merkt man der Drama-Komödie „Bernadette“ sofort an. „Wo steckst du, Bernadette?“ heißt die Bestsellervorlage, die „Boyhood“-Regisseur Richard Linklater hier auf die Leinwand bringt – das wollen auch Bernadettes Ehemann Elgie (Billy Crudup) und die Teenager-Tochter Bee gerne wissen. Wohin ist die exzentrische Mutter verschwunden, die unter Platzangst leidet und mit der Nachbarschaft im Clinch liegt?

Filmkritik: Cate Blanchett als schräge "Bernadette"

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Linklaters rührendes, vielfach ausgezeichnetes Kindheits- und Jugenddrama „Boyhood“ drehte sich um einen heranwachsenden Jungen. Seine Trilogie „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“ mit Julie Delpy und Ethan Hawke verfolgte die Liebesbeziehung eines Amerikaners und einer Französin. Nun setzt der US-Kultregisseur ganz auf die australische Schauspielerin Cate Blanchett und damit erstmals auf eine weibliche Hauptfigur.

Darum geht’s

Die zweifache Oscar-Preisträgerin („Blue Jasmine“, „Aviator“) glänzt als die titelgebende Bernadette, die auf den ersten Blick Alles im Leben hat: Tochter Bee ist smart und hängt an ihrer Mutter. Ehemann Elgie ist liebevoll, zudem erfolgreicher Alleinverdiener in der Tech-Branche. Ihr Zuhause ist eine heckenumrankte, riesige, alte Villa an der Westküste in Seattle.

Doch Bernadette fällt in ihrem gut situierten Umfeld erfrischend andersartig, aber auch nervend aus der Reihe. Ihr ungeschminktes Gesicht versteckt sie hinter der Sonnenbrille. Den Müttern von Bees Mitschülerinnen zeigt sie die kalte Schultee, mit ihrer pingeligen Nachbarin Audrey (Kristen Wiig) fetzt sie sich ständig. Die täglichen Geschäfte überlässt die frustrierte Hausfrau einem virtuellen Assistenten, wegen Platzangst geht sie nicht gerne aus dem Haus.

„Schatz, hast du Schlafprobleme“, sorgt sich Elgie um die pillenschluckende, neurotische Gattin. „Schlaf, was ist das“, witzelt Bernadette mit leicht gequälten Blick. Ernsthafte Probleme weist sie weit von sich, Tochter Bee macht sich dennoch Sorgen. Sie sei so auf die Familie fixiert gewesen, dass sie sich selbst „abhanden“ gekommen sei, analysiert die 15-Jährige die Defizite ihrer Mutter.

Filmkritik: Cate Blanchett als schräge "Bernadette"

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Blanchett  überzeugt nuancenreich

In Rückblenden erfährt man nach und nach mehr über die einst gefeierte Star-Architektin aus Los Angeles, die nach einer beruflichen Pleite das Handtuch warf. Mit Witz und Herz schafft Blanchett die schwierige Gratwanderung, dass man Bernadette trotz ihrer vielen Macken mag – auch, als sich ihr chaotisches Leben dramatisch zuspitzt und sie nur noch einen Ausweg sieht: Durch das Badezimmerfenster tritt sie die Flucht aus dem Alltag an. Sie stürzt sich ins Abenteuer, um sich selbst wiederzuentdecken.

Am Ende des Films zieht das Tempo deutlich an, als sich Ehemann und Tochter auf Bernadettes Fersen heften. Doch es sind gerade die ruhigeren Momente in der Gedankenwelt der schrägen Heldin und ihre hintersinnigen Dialoge, mit denen „Bernadette“ fesselt. An die Klasse und den emotionalen Tiefgang von „Boyhood“ reicht Linklater mit dieser Dramedy nicht heran. Doch Blanchett spielt die Figur mit so vielen Nuancen, Intensität und Humor, dass man sie auf der Flucht in die Antarktis gerne begleitet. (Barbara Munker, dpa)

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