Filmkritik „Fast & Furious 9“: Ohne Gurt und ohne Schwerkraft

Filmkritik "Fast & Furious 9": Ohne Gurt und ohne Schwerkraft
Filmkritik "Fast & Furious 9": Ohne Gurt und ohne Schwerkraft

© Universal Pictures

12.07.2021 20:00 Uhr

20 Jahre nach dem Auftakt der „Fast & Furious“-Reihe quietschen wieder die Reifen. Helen Mirren und John Cena sind zwei der vielen prominenten Gesichtern, die im überdrehten Raserfilm am Steuer sitzen.

Als im Sommer 2001 der trashige Actionfilm „The Fast And The Furious“ in die Kinos kam, war nicht damit zu rechnen, dass er acht erfolgreiche Fortsetzungen und eine Spin-off-Reihe nach sich ziehen würde.

20 Jahre später gehört die „Fast & Furious“-Marke zu den weltweit erfolgreichsten Kino-Franchises und hat kommerziell selbst „Mission: Impossible“ und „Star Trek“ überholt. Die Ideen gehen den Machern bislang nicht aus, doch sie werden zunehmend absurder. In „Fast & Furious 9“ geht es nun sogar ins Weltall.

Filmkritik "Fast & Furious 9": Ohne Gurt und ohne Schwerkraft
Michelle Rodriguez als Letty neben Vin Diesel als Dom in einer Szene des Films «Fast & Furious 9».

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Bitte nicht anschnallen!

Dominic Toretto (Vin Diesel) hat sich zurückgezogen. Wieder einmal. Mit seiner Frau Letty (Michelle Rodriguez) und seinem kleinen Sohn Brian lebt er abgelegen auf dem Land, ohne Telefon und Internet. Der Straßenrennfahrer, Mechaniker, Ex-Lastwagenräuber und gelegentliche Spezialagent mit dem großen Herzen will nichts mehr von geheimen Regierungsaufträgen wissen.

Als seine Freunde Roman (Tyrese Gibson), Tej (Chris „Ludacris“ Bridges) und Ramsey (Nathalie Emmanuel) mit einer Botschaft auftauchen, überlegt es sich Dom natürlich anders.

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Sein früherer Auftraggeber Mr. Nobody (Kurt Russell) ist nach einem Flugzeugabsturz in Zentralamerika verschwunden. Cyber-Terroristin Cipher (Charlize Theron), die für den Tod von Brians Mutter Elena (in „Fast & Furious 8“) verantwortlich ist, konnte entkommen. Zu allem Überfluss ist Doms jüngerer Bruder Jakob (John Cena) involviert, von dem weder seine Freunde noch die Zuschauer bis zu einem Rückblick am Anfang des Films etwas wussten. Klar, dass Jakob nicht nur Profifahrer, sondern auch Meisterdieb und krimineller Superagent ist.

Im tiefsten Dschungel findet Doms Crew ein Gerät namens Ares im Flugzeugwrack, mit dem sich jedes computergesteuerte Waffensystem der Welt steuern lässt. Nach einem Schusswechsel mit der örtlichen Armee und einer wilden Verfolgungsjagd taucht Jakob auf. Er schnappt sich das Ares und rast über eine Klippe. In der Luft wird sein Auto von einem Magnetflugzeug aufgefangen. Das ist nur der Auftakt zum wohl verrücktesten Film der „Fast & Furious“-Reihe, kurz „F9“, in dem sich trotz waghalsiger Überholmanöver, Klippensprünge, halsbrecherischer Überschläge und Zusammenstöße mal wieder niemand anschnallt.

Ist albern, sieht aber klasse aus

Die Gesetze der Logik und der Schwerkraft gelten in der Filmreihe sowieso nur in Ausnahmefällen. In „Fast & Furious 7“ sprang ein Sportwagen in Abu Dhabi aus einem der oberen Stockwerke eines Wolkenkratzers in ein Hochhaus nebenan. Obwohl es gelegentlich ins Lächerliche abdriftet – diese Szenen machen die Raserreihe so unterhaltsam. Es wird nur zunehmend schwieriger sie zu toppen.

In „F9“ werfen die Macher deshalb die letzte Glaubwürdigkeit, falls es sie überhaupt gab, aus dem Auto. Supermagneten sind das neueste Gimmick nicht nur der Schurken, sondern auch von Torretos Crew. Damit lassen sich Autos, Motorräder und sogar ein Lastzug durch die Gegend wirbeln. Ist albern, sieht aber klasse aus. Obendrein lassen Tej und Roman einen Wagen von dem Trio aus „The Fast and the Furious: Tokyo Drift“ – Sean (Lucas Black), Twinkie (Bow Wow) und Earl (Jason Tobin) – aufrüsten. Mit Raketenantrieb düsen die beiden sogar ins All, um einen Satelliten zu deaktivieren. Nicht logisch, aber lustig.

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John Cena ist kein zufriedenstellender Ersatz

Eine weitere Herausforderung für die Macher war es, den Abgang des Charmebolzens Dwayne „The Rock“ Johnson zu kompensieren, der gemeinsam mit Jason Statham nun seine eigene Spin-off-Reihe „Hobbs & Shaw“ hat. Der Versuch, den charismatischen Ex-Wrestler Johnson durch den zwar selbstironischen, aber schauspielerisch äußerst limitierten Ex-Wrestler John Cena zu ersetzen, ist nur bedingt geglückt. Als Held wäre Cena vielleicht noch durchgegangen. Als Schurke agiert er mit möchtegern-bösem Blick unfreiwillig komisch und hat sich eine Goldene Himbeere redlich verdient. Allerdings hat man in der „Fast“-Reihe schon mehrere Charaktere die Seiten wechseln sehen.

Veteran Justin Lin, der schon bei den Teilen drei bis sechs Regie führte, kehrte für „F9“ als Regisseur zurück. Zum Jubiläum holten die Macher ein Arsenal an Stars aus den bisherigen Filmen vor die Kamera, darunter erneut auch Helen Mirren als Queenie Shaw, die prollige Mutter von Stathams Deckard Shaw, und Rückkehrer Han (Sung Kang), der eigentlich schon tot war. Rapperin Cardi B hat ebenfalls eine Szene.

Die meisten dieser Kurzauftritte wirken konstruiert und sind reine Nostalgie-Momente, die die unsinnige Story kaum voranbringen. Obendrein ziehen die vielen Rückblicke mit den Brüdern den fast zweieinhalbstündigen Film unnötig in die Länge. Der Film ist eine Aneinanderreihung von Spektakelszenen, die durch absurde Erklärungen, irre Wendungen und flache, repetitive Dialoge verbunden wurden. Das plötzliche Erscheinen von Jakob und die zwischenmenschlichen Dramen könnten aus einer Seifenoper stammen – Fortsetzung folgt.

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Kunterbunte Weltreise

Mit den vielen Charakteren, Rückbezügen und effekthascherischen Zeitlupen soll das Jubiläumswerk – Zusatztitel: „Die Fast & Furious Saga“ – wohl besonders episch wirken. Vielleicht dachten die Macher an „Der Pate“, das Ergebnis ist eher „Police Academy“ und wirkt stellenweise wie eine Parodie. Zwar enttäuscht „Fast & Furious 9“ im Vergleich zu seinen Vorgängern. Dank der kunterbunten Weltreise und der herrlich übertriebenen Action ist der neunte Film (der zehnte, wenn man „Hobbs & Shaw“ mitzählt) trotzdem noch recht unterhaltsam.

Das Publikum bleibt Dominic Toretto und seiner Crew ohnehin treu. In Nordamerika fuhr der Film am Auftaktwochenende 70 Millionen Dollar (60 Millionen Euro) ein – der beste Start eines Kinofilms seit „Star Wars – Episode 9“. Wer beim Abspann sitzen bleibt, sieht eine kurze Mid-Credits-Szene. Der nächste „Fast & Furious“- oder „Hobbs & Shaw“-Film ist also nur eine Frage der Zeit.

Fast & Furious 9, USA 2021, 143 Min., FSK 12, von Justin Lin, mit Vin Diesel, Michelle Rodriguez, Tyrese Gibson, John Cena, Nathalie Emmanuel, Charlize Theron, Helen Mirren