Montag, 8. Juli 2019 22:48 Uhr

Filmkritik „Kursk“: Das Grauen in der Tiefe als Dokument des Scheiterns

Im Jahr 2000 sank das mit Marschflugkörpern bestückte russische Atom-U-Boot „Kursk“. Die ganze Welt bangte damals um das Leben von 118 Besatzungsmitgliedern. Mit zahlreichen europäischen Star-Schauspielern wie Max von Sydow und Colin Firth hat Thomas Vinterberg das Drama jetzt verfilmt.

Filmkritik "Kursk": Das Grauen in der Tiefe als Dokument des Scheiterns

Foto: Wildbunch

Zu den harten Riffs von Metallicas Alptraum-Song „Enter Sandman“ geht Kapitänleutnant Mikhail Averin mit seinen Männern an Bord des russischen Atom-U-Bootes „Kursk“. Es sollte eine Reise ohne Wiederkehr werden: Der Untergang der „Kursk“ im Jahr 2000 hielt die ganze Welt in Atem. Nach der Explosion eines Torpedos war das U-Boot in der Barentssee gesunken.

Trotz fieberhafter Rettungsversuche kamen schließlich alle 118 Mann ums Leben. 23 Überlebende, die sich zunächst in einer hintere Sektion retten konnten, erstickten schließlich bei einem Brand an Bord – ausgelöst durch eine verhängnisvolle chemische Reaktion.

Hollywood auf dänisch

Es ist eine bittere Geschichte des Versagens, die jetzt von dem dänischen Regisseur Thomas Vinterberg – zwischen Fakten und Fiktion – verfilmt wurde. Einigermaßen überraschend, denn im Mainstream hatte man den Dogma-95-Mitbegründer, der eine neue Kargheit des Kinos einforderte, die zu größerer Wahrhaftigkeit führen sollte, bisher nicht verortet.

Vor allem in den U-Boot-Szenen, wenn Mikhail (Matthias Schoenaerts) und eine paar Kameraden um ihr Leben kämpfen, der Wettlauf um die immer schneller verrinnende Zeit immer unerbittlicher wird und das Versagen der Politiker und Militärs Fassungslosigkeit erzeugt, zeigt Vinterberg, dass er auch Hollywood kann – mit großartigen europäischen Star-Schauspielern wie Léa Seydoux, Max von Sydow, Matthias Schoenaerts, Colin Firth und Matthias Schweighöfer. Und die schwermütig-dramatische Musik kommt von Oscar-Preisträger Alexandre Desplat.

Filmkritik "Kursk": Das Grauen in der Tiefe als Dokument des Scheiterns

Foto: Wildbunch

Wie immer: Menschenverachtende Regierung

Aber um den Beweis seiner Virtuosität geht es dem dänischen Regisseur nicht, was besonders in den Landszenen zum Ausdruck kommt. Hier stehen vor allem die hoffenden, bangenden und leidenden Frauen der Matrosen im Mittelpunkt – allen voran Mikhails Frau Tanya (Léa Seydoux). Sie alle durchleben nicht nur den schlimmsten Alptraum ihres Lebens, ihnen werden aus obskuren Gründen der Geheimhaltung auch alle wichtigen Informationen vorenthalten.

Über das Schicksal ihrer Männer wird kein Wort verloren. So verwandelt sich die anfängliche Furcht und Ohnmacht immer mehr in Wut und Empörung.

Filmkritik "Kursk": Das Grauen in der Tiefe als Dokument des Scheiterns

Foto: Wildbunch

Eingefangen mit einer nervösen Kamera, die die innere Unruhe und den sich steigernden Wahnsinn in stark naturalistische Bilder umsetzt, ist Vinterberg ganz dicht an seinen Filmen wie „Das Fest“ oder „Die Kommune“, die wie auch „Kursk“ als Dokumente des Scheiterns gelesen werden können.

Und 100 Meter unter der Wasseroberfläche wird für Mikhail und seine Kameraden die Zeit knapp. Sie tauchen bis zur Atemnot nach Sauerstoffkapseln, während das Wasser unaufhörlich steigt. Nur die Klopfzeichen, die die Eingeschlossenen mit ihrem Hammer abgeben, bleiben bis zum Schluss ein Symbol der Hoffnung. Die Rettungsmaßnahmen aber scheitern immer wieder – dennoch lehnt die wie so oft eiskalt agierende russische Regierung jede angebotene Hilfe von außen strikt ab.

Filmkritik "Kursk": U-Boot-Drama als grauenhaftes Dokumente des Scheiterns

Foto: Wildbunch

Das letzte Abendmal in 100 Metern Tiefe

Es ist eine Geschichte der Wut und Ohnmacht, der Empörung und Verzweiflung, die Thomas Vinterberg erzählt, der bewusst darauf verzichtet hat, aus „Kursk“ ein politisches Drama zu machen. Der dänische Regisseur hatte etwas Elementareres im Sinn – „eine Geschichte über Leben und Tod“, wie er in einem Interview erzählte.

So beginnt „Kursk“ mit einem Hochzeitsfest, mit einem Fest unter Wasser steuert der Film auch auf sein Ende zu – Mikhail und seine Männer feiern im Angesicht des Todes das letzte Abendmahl. Immerhin mit viel Wodka. (Wolfgang Marx, dpa)

Filmkritik "Kursk": U-Boot-Drama als grauenhaftes Dokumente des Scheiterns

Foto: Wildbunch

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