Montag, 20. Mai 2019 23:08 Uhr

Filmkritik: Lars Eidinger in „All My Loving“

Drei erwachsene Geschwister, die allesamt eigene Leben leben. Erst der labile Zustand der alternden Eltern zwingt sie sich zusammenzuraufen. Zu sehen gibt’s das mit „All My Loving“ ab Donnerstag im Kino.

Filmkritik: Lars Eidinger in "All My Loving"

Foto: Jens Harant / Port au Prince Pictures

Dass man auch als Erwachsener seine Familie nie ganz los wird, stets Bruder oder Tochter bleibt, ist eine Binsenweisheit. Auch der neue Film „All My Loving“ von Edward Berger („Jack“, „Deutschland 83“) erzählt von den Kräften, die erwachsene Geschwister auf der Suche nach Lebenssinn – offen oder subtil – binden und abstoßen.

In ultraruhigen Bildern fließen die Episoden dahin, bohren dabei zwar nicht immer erfolgreich in die Tiefe, aber in den Momenten, wo dies gelingt, schürfen sie Gold.

Stefan (Lars Eidinger), Julia (Nele Mueller-Stöfen) und Tobias (Hans Löw) sind alle drei um die 40, eigentlich bürgerlich arriviert, aber definitiv nicht glücklich und einander in freundlichem Desinteresse verbunden. Nur der labile Zustand der alternden Eltern zwingt sie sich zusammenzuraufen.

Eidinger („Was bleibt“, „Familienfest“, „25 km/h“) ist auf die Rolle des beruflich erfolgreichen, aber Beziehungs-gescheiterten Bruders fast schon abonniert: Stefan, ein Hedonist mit schnell wechselnden Freundinnen kaum älter als seine Teenager-Tochter, kommt nur schwer damit klar, dass er nach einem Hörsturz seinen Beruf als Pilot nicht mehr ausüben kann.

Filmkritik: Lars Eidinger in "All My Loving"

Ein Hund grätscht dazwischen

Also schlüpft er einfach weiter in seine Piloten-Uniform, um in Bars Frauen abzuschleppen. Familiäre Verantwortung? Erstmal Fehlanzeige. Nur den Hund seiner Schwester versorgt er für ein paar Tage, als die statt zu den Eltern zu einem langen Turin-Wochenende aufbricht, um eine schwelende Ehekrise zu heilen.

Doch die zarten Wiederannäherungsversuche werden durch einen verletzten Straßenhund durchkreuzt, den Julia kurzerhand adoptiert und aufopfernd im Hotelzimmer-Bett pflegt. Erst bei einem Abendessen mit Freunden wird klar, welche Wunden da zuvor geschlagen wurden.

Filmkritik: Lars Eidinger in "All My Loving"

Foto: Jens Harant / Port au Prince Pictures

Sich um Menschen kümmern, das tut vor allem Tobias – allerdings im Übermaß. Als Hausmann und Dauerstudent versorgt er drei kleine Kinder, während seine Karrierefrau Geld verdient. Die abendliche Arbeit an seiner Diplomarbeit ist längst zur Farce geworden. Das nagt.

Tobias also fährt zu den Eltern, bietet Hilfe an und lässt sich vom selbst in der beginnenden Demenz noch dominanten Vater demütigen. Schließlich aber ist auch er es, der beim Vater ist, als dieser stirbt.

Filmkritik: Lars Eidinger in "All My Loving"

Foto: Jens Harant / Port au Prince Pictures

Verletzungen werden sichtbar

Das ist der Moment, wo sich die zuvor zusammenhanglos wirkenden Geschwistergeschichten zu verweben beginnen: Verletzungen werden sichtbar, aber auch Versuche, sich ihnen zu stellen und dann Verantwortung zu übernehmen. Der überraschende vierte Teil des Films markiert diesen Punkt, von dem aus alle Mitglieder dieser versehrten wie normalen Familie versuchen, neu aufzubrechen. Ob das gelingt? (Andrea Barthelemy, dpa)

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