Donnerstag, 15. November 2018 23:34 Uhr

Filmkritik „Loro – Die Verführten“: Die große Berlusconi-Persiflage

Sittenbild mit Italiens berüchtigtem Ex-Ministerpräsidenten: Im Zweiteiler „Loro – Die Verführten“ persifliert Regiestar Paolo Sorrentino die dekadente Tristesse der Ära Silvio Berlusconi – und das Leben des Politikers mit all seinen Altherrengelüsten.

Filmkritik "Loro - Die Verführten": Die große Berlusconi-Persiflage

Foto: Gianni-Fiorito DCM

Paolo Sorrentino hat ein Herz für die Leidenschaften alter Männer. Schließlich drehen sich seine wichtigsten Filme um Altherrenfantasien: Macht, Sex und ewige Jugend. In seinem Zweiteiler „Loro – Die Verführten“ persifliert Sorrentino jetzt das Leben des früheren italienischen Staatschefs Silvio Berlusconi im Zeitraum zwischen 2006 und 2010. Während die erste Hälfte des Films die Menschen in Berlusconis Dunstkreis porträtiert und sich dem Potentaten in dessen Abwesenheit nähert, stellt die zweite Hälfte den Politiker selbst in den Mittelpunkt der halbfiktiven, halbrealen Geschichte.

Berlusconi für’n Arsch

Teil eins beginnt in Gesellschaftskreisen, in denen Berlusconi weiterhin verehrt wird wie ein höheres Wesen. Es ist das Milieu der Edelprostituierten und Zuhälter. Zu denen gehört auch der selbst ernannte „Talentscout“ Sergio Morra (Riccardo Scamarcio). Eines Tages, als Morra gerade eine seiner Prostituierten von hinten nimmt, hat er einen Geistesblitz.

Denn auf ihrem Allerwertesten entdeckt er ein Tattoo mit dem Konterfei Berlusconis, der umso freudiger grinst, je heftiger ihr Hinterteil wackelt. Fortan will Morra unbedingt Berlusconis Gunst erringen. Mit wilden Partys auf dem Nachbaranwesen neben dessen sardischer Villa Certosa möchte er den mächtigen Mann erst auf sich aufmerksam und dann mit seiner Hilfe Karriere machen.

Drogen, Sex und viel nackte Haut: Der für seine akribisch durchchoreographierten Partyszenen bekannte Regisseur Sorrentino inszeniert die durch Berlusconi berühmt gewordenen Bunga-Bunga-Partys, die Sergio Morra auf dem Nachbargrundstück veranstaltet, als Massenorgien mit in Zeitlupe schwebendem Ecstasy-Konfetti, auf den kleinen Pillen prangt Berlusconis Gesicht.

Filmkritik "Loro - Die Verführten": Die große Berlusconi-Persiflage

Foto: Gianni-Fiorito DCM

Starke weibliche Figuren hingegen sucht man vergebens. Frauen sind hier dazu da, sich oben- und untenrum freizumachen und ihre Körper mit den von der Brust-OP stammenden Narben unter den Achseln freigiebig allen Männern anzubieten, die gerade ihren Druck loswerden wollen.

Italiens größter Verkäufer

Teil zwei des Films dreht sich ausschließlich um Silvio Berlusconi (Toni Servillo). Der hat indes ganz andere Kämpfe auszustehen. So muss er Senatoren bestechen, um verlorene Macht zurückzuerlangen und sich gegen das Komplott eines Vertrauten in Rom zur Wehr setzen. Dennoch leidet er oft unter lähmender Langeweile – und den bissigen Kommentaren seiner zweiten Ehefrau Veronica Lario.

Sorrentino, der auch das Drehbuch geschrieben hat, porträtiert Berlusconi in seiner Persiflage als Italiens größten Verkäufer: als Betrüger, korrupten Politiker, der die Gesetze nach seinem Belieben zurechtstutzt, und als Selbstdarsteller, der am liebsten redet, anderen aber nur selten zuhört und sich von Kritik nicht aus der Ruhe bringen lässt, weil er jede Form von Beachtung als Kompliment empfindet.

Filmkritik "Loro - Die Verführten": Die große Berlusconi-Persiflage

Foto: Gianni-Fiorito DCM

In einer Szene, in der Berlusconis Frau ein Buch von José Saramago liest und ihren Mann vor einem Gast bloßstellt, als sie süffisant bemerkt, dass der Autor ihn beleidige, stellt Silvio bloß fest: „Die Aufmerksamkeit eines Nobelpreisträgers schmeichelt mir.“ Berlusconi selber zeigte sich über den Film allerdings wenig erfreut. So äußerte er Bedenken, es könnte sich dabei um einen „Akt politischer Aggression“ handeln.

Die große Stärke dieses faszinierenden neorealistischen Mammutprojekts liegt ja auch in Berlusconis grotesker Darstellung: mit seiner fratzenhaften Visage, seinen immergleichen dunklen Anzügen und glattgeplasterten Haaren. Die Figur wird brillant persifliert von Schauspielstar Toni Servillo, der schon in Sorrentinos früheren Filmen („Il Divo“, „La Grande Bellezza“) die Hauptrolle übernahm. Allerdings dauert die große Berlusconi-Show rund zweieinhalb Stunden. Und eine Politikerparodie in derartiger Überlänge dürften wohl nur eingefleischte Filmfans durchweg genießen. (Franziska Bossy, dpa)

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