30.12.2019 23:30 Uhr

Filmkritik: Renée Zellweger absolut oscarreif als „Judy“ Garland

© 2019 eOne Germany

Renée Zellweger kann singen, das hat sie schon in dem Filmmusical „Chicago“ bewiesen. In „Judy“ verkörpert sie nun die legendäre Show-Ikone Judy Garland – und überzeugt als Sängerin und Darstellerin.

Das Lied geht durch Mark und Bein. Die Gäste in dem vornehmen Londoner Nachtclub lauschen ergriffen. Von der Bühne tönt der Uralt-Klassiker „Over The Rainbow“, für den Film „Der Zauberer von Oz“ von 1939 geschrieben. Jener sehnsüchtige Song, den Judy Garland als Kinderstar weltberühmt machte. Die Sängerin klammert sich an das Mikrofon, mal bricht ihre Stimme zitternd ab, dann singt sie mit ganzer Seele.

Filmkritik: Renée Zellweger absolut oscarreif als "Judy" Garland

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Das ist eine der vielen packenden Szenen von „Judy“. Mit unglaublicher Intensität verwandelt sich Renée Zellweger in die legendäre Show-Ikone Judy Garland (1922-1969). Berühmte Songs wie „Get Happy“, „Have Yourself a Merry Little Christmas“ und den Welthit „Over The Rainbow“ singt die Schauspielerin selbst. Vor den Augen und Ohren der Kinozuschauer wird Zellweger zu dem zerbrechlichen, von Medikamenten und Alkohol gezeichneten brünetten Star.

Zellweeger kann’s!

Ausgerechnet die pausbäckige Blondine Bridget Jones? Die meisten bringen die 50-jährige Texanerin schließlich mit der Komödienreihe „Bridget Jones“ in Verbindung. Dreimal schon schlüpfte Zellweger in die Rolle der leicht chaotischen Londoner Single-Frau. Natürlich kann sie mehr: Für ihre Nebenrolle in dem Bürgerkriegsdrama „Unterwegs nach Cold Mountain“ (2004) gewann sie einen Oscar. In dem Filmmusical „Chicago“ hatte sie zuvor ihre Stimme unter Beweis gestellt. Die singende Hauptrolle brachte ihr 2003 einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung ein.

In „Judy“ läuft Zellweger nun zu Höchstform auf. Das biografische Drama unter der Regie des britischen Theaterregisseur Rupert Goold („True Story – Spiel um Macht“) zeichnet die letzten Monate im Leben Judy Garlands nach. Im Winter 1968 kommt die Amerikanerin für mehrwöchige Showauftritte in den Londoner Nachtclub „The Talk of the Town“, am 22. Juni 1969 stirb sie mit 47 Jahren an einer versehentlichen Überdosis Schlaftabletten.

Körperlich ein Wrack

Das tragische Leben des Hollywoodstars ist bei Goold in guten Händen. Gelegentlich trägt der Regisseur mit Rührseligkeiten etwas dick auf, doch Zellweger macht das mit ihrer vielschichtigen Garland-Verkörperung wieder wett. Körperlich ist sie ein Wrack, von Suchtproblemen, Geldsorgen und privaten Rückschlägen geplagt. Doch Humor, Schlagfertigkeit, Herzenswärme und eine mitreißende Bühnenpräsenz sind ihr geblieben.

Filmkritik: Renée Zellweger oscarreif als "Judy" Garland

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Zu Beginn des Films steht Garland mit ihren beiden Teenagern Lorna und Joey in Los Angeles in einem vornehmen Hotel an der Rezeption. Ihre Suite wurde vergeben, sie hatte das Konto überzogen, und nun kein Dach über dem Kopf. Im Taxi auf dem Weg zu ihrem dritten Ex-Mann Sidney Luft (Rufus Sewell) schluckt sie Pillen. Mama, bitte jetzt nicht schlafen, fleht die Tochter. Nein, nein, das sind die anderen, wehrt die Mutter ab – und greift zu den Aufputschern.

Ehemänner gegen Depressionen

Tochter Liza Minnelli ist schon erwachsen und als Sängerin erfolgreich, als Garland ihre beiden jüngeren Kinder in Kalifornien zurücklässt. Mit den Auftritten in London hofft sie, gutes Geld zu verdienen. Ihr Leben dort ist eine Achterbahnfahrt. Mal glänzt sie im Rampenlicht und wird stürmisch gefeiert, mal stolpert sie betrunken auf die Bühne und wird ausgebuht.

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Schlagfertig wischt Garland Bedenken zur Seite. Sie sei viel zu dünn und am Rande ihrer Kräfte, warnt ihr Arzt. Nehmen sie etwas gegen Depressionen, fragt der Mediziner. Ehemänner, witzelt Garland, doch das hätte nicht geholfen.

Die Weichen für Garlands Probleme wurden früh gestellt. Rückblicke zeigen das vom Showgeschäft völlig eingenommene Leben des Kinderstars. Der allmächtigen MGM-Studioboss Louis B. Mayer setzt den Teenager ständig unter Druck. Bei den Dreharbeiten zu dem Kinohit „Das zauberhafte Land“ (1939) wird das Mädchen auf Diät gesetzt, Freizeit und Freunde gibt es kaum.

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Packend und glaubwürdig

In „Judy“ leidet Garland stark an der Trennung von ihren Kindern. Sie wolle doch nur, was sich jeder im Leben wünscht, sinniert der Star. Es scheine für sie nur schwerer zu sein, dies zu bekommen. Die Zerrissenheit und die Einsamkeit der exzentrischen Show-Ikone setzt Zellweger packend und glaubwürdig um.

Mit ihrem mutigen Auftritt überzeugte die Schauspielerin schon viele Filmjuroren. Sie hat Chancen auf einen Golden Globe als beste Drama-Darstellerin. Auch Hollywoods Schauspielerverband (SAG) und die Verleiher der Spirit Awards für Independentfilme haben Zellweger nominiert. Dass der „Bridget Jones“-Star im Februar bei den Oscars mitmischen wird, ist so gut wie sicher. (Barbara Munker, dpa)

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