Donnerstag, 20. September 2018 23:48 Uhr

Filmkritik „Searching“: Dieser Desktop-Krimi könnte zum Hit werden

Was passiert mit uns, wenn sich ein Großteil unseres Lebens auf Bildschirmen widerspiegelt, ein Gutteil unseres Daseins im Netz passiert? Fragen dieser Art geht Aneesh Chaganty in einem packenden Thriller nach.

Filmkritik "Searching": Dieser Desktop-Krimi könnte zum Hit werden

Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Die Digitalisierung der Welt wird auch auf großer Kinoleinwand verhandelt. Seit kurzem ist gar von einem neuen Genre die Rede, dem sogenannten „Desktop-Film“. Gemeint sind Filmwerke, deren Geschehen sich gänzlich auf Bildschirmen abspielt, ob auf der Oberfläche eines Handys, eines Computers, eines Laptops oder Tablets. Nun gelangt mit „Searching“ ein Kinowerk in die Kinos, das dem Genre des Desktop-Films zu noch größerer Aufmerksamkeit verhelfen dürfte.

Weltweit soll das, in den USA schon im August angelaufene Werk, an den Kinokassen bereits mehr als 32 Millionen Dollar eingebracht haben. Die Regie kommt vom gebürtigen, in den USA aufgewachsenen Inder Aneesh Chaganty. Der ehemalige Google-Mitarbeiter berichtet in „Searching“, seinem Kinodebüt, von einem völlig verzweifelten Vater (verkörpert von John Cho aus „Star Trek: Beyond“), der auf der Suche ist nach seiner urplötzlich verschwundenen Tochter.

Darum geht’s

Nach dem tragischen Krebs-Tod der Mutter hat David Kim seine Tochter alleine großziehen müssen. Nun ist sie 16 und auch, wenn das Verhältnis der beiden zueinander liebe- und vertrauensvoll anmutet, so wird doch schnell klar, dass nicht alles gut ist, was hier zunächst so glänzt. Eines Tages nämlich ist Margot weg, wie vom Boden verschluckt, und dabei wähnte sie der ahnungslose Vater doch eben noch bei der Klavierstunde. Margot aber, das bestätigt ein Anruf bei der Klavierlehrerin, ist nicht mehr das artige Töchterlein, längst hat sich Margot im Netz eine zweite Identität aufgebaut.

Als auch die eingeschaltete Polizei nach 37 Stunden keine Spur von ihr hat, macht sich der verzweifelte David selbst auf die Suche. Eine Suche, die ihn über Margots Laptop hinein in die Untiefen der sozialen Netzwerke, Video-Blogs und anderer digitaler Plattformen führt. Und die den konsternierten Vater auch mit der Tatsache konfrontiert, dass es sich bei seiner vermeintlich so beliebten Tochter um eine ziemliche Einzelgängerin handelt.

Filmkritik "Searching": Dieser Desktop-Krimi könnte zum Hit werden

Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Das Internet vergisst nie

Großartig an diesem Film ist vor allem, mit welcher Leichtigkeit, mit welcher Konsequenz hier ein Computer-Bild das nächste jagt. Lange etwa hat man im Mainstream-Kino (lanciert wird der Film von Sony Pictures) keinen so imposanten, so packenden Einstieg erlebt wie hier. In wenigen Minuten erzählt uns Regisseur Chaganty nur anhand von Netz-Bildern, von Videos und anderen digitalen Formaten, welches Leben Margot bisher führte: von ihrer Geburt über wichtige Ereignisse wie ihre Einschulung bis hin zur folgenschweren Erkrankung der Mutter.

Zugleich muten schon diese ersten Einstellungen wie eine Warnung an: Das Internet vergisst nie, überall hinterlassen wir unsere Spuren. Spuren, das zeigt dieser Film, aus denen sich leichthändig ein ganzes Leben rekonstruieren lässt. Spannend auch, dass „Searching“ kaum je unter der Abwesenheit von genuin filmischen Mitteln wie etwa langen Kamerafahrten oder beeindruckenden Totalen leidet. Vielmehr fesselt der 102-Minüter zu beinahe jeder Sekunde.

Filmkritik "Searching": Dieser Desktop-Krimi könnte zum Hit werden

Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Ist das die Zukunft?

Auf geradezu erschütternde Art und Weise gelingt es diesem Film, den riesigen Stellenwert zu verdeutlichen, den die digitalen Medien, den die sozialen Netzwerke bei vielen Jugendlichen (und Erwachsenen) inne haben. Dies gelingt „Searching“ noch besser und nachhaltiger als etwa einem deutschen Film wie „LOMO“, der inhaltlich einige Parallelen aufweist. Auch in „LOMO“ (Kinostart war im Juli) droht sich ein Jugendlicher voll und ganz im Internet zu verlieren. Die Konsequenz aber mit der „Searching“ ausschließlich auf Bildschirm-Bilder setzt, die ist wahrlich staunenswert.

So ist es dann auch kein Wunder, dass sowohl in internationalen als auch deutschen Film-Besprechungen bereits die Frage aufkam, ob wir es hier mit der Zukunft des Kinos zu tun haben. Das bleibt abzuwarten; um einen hochaktuellen, im besten Sinne zeitgenössischen Film aber handelt es sich bei „Searching“ in jedem Fall. Und es ist stark anzunehmen, dass auf Kinobesucher noch einige ähnliche Werke warten. (Matthias von Viereck, dpa)

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