Dienstag, 18. September 2018 23:26 Uhr

Filmkritik Terrordrama „Utøya 22. Juli“: Eine Zumutung!

Der Rechtsextremist Anders Behring Breivik tötete vor gut sieben Jahren 77 Menschen, darunter viele Jugendliche. Nun versucht ein norwegischer Regisseur, die Tat nachzuvollziehen. Er erzählt vom Horror auf der Insel Utøya.

Filmkritik Terrordrama "Utøya 22. Juli": Eine Zumutung!

Foto: Agnete Brun

Den 22. Juli 2011 werden die Menschen in Norwegen lange nicht vergessen. Es ist der Tag, an dem der Rechtsextremist Anders Behring Breivik zuerst in Oslo eine Bombe explodieren ließ und danach auf der Insel Utøya auf die Jugendlichen eines Ferienlagers schoss. 77 Menschen starben bei den Anschlägen, viele wurden schwer verletzt. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg erklärte es zur schlimmsten Katastrophe in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg. Nun versucht der norwegische Regisseur Erik Poppe, die Tat zu verstehen und erzählt in „Utøya 22. Juli“ von dem Terror.

Flucht ohne Filmschnitt

Im Mittelpunkt steht Kaja, eine 18 Jahre alte Teilnehmerin des Jugendcamps. Sie und ihre Freunde haben gerade von der Explosion in Oslo erfahren und machen sich Sorgen um die Betroffenen und Gedanken über die Hintergründe. Kaja ist mit ihrer jüngeren Schwester Emilie auf der Insel und hat sich wieder einmal mit ihr gestritten, als der Attentäter das Feuer eröffnet. Von nun an folgt die Kamera Kaja. Wie sie in den Wald flieht, sich hinter einen Erdhügel kauert, auf der Suche nach einem besseren Versteck weiterläuft, stolpert und wieder losrennt. Zwischendrin kehrt sie zurück ins Zeltlager, um ihre Schwester zu suchen, ruft mit dem Handy verzweifelt ihre Mutter an und steht einem sterbenden Mädchen bei. All dies ist fast dokumentarisch und mit wackelnder Kamera gefilmt.

72 Minuten dauerte der Horror auf der Insel Utøya. Quasi in Echtzeit erzählt Regisseur Poppe seine Geschichte in einer Mischung aus Drama und Thriller – und spitzt dafür auch noch die Handlung zu. Denn die Figur der Kaja gab es so nicht, sie ist Fiktion. Doch mit der geschaffenen Kunstfigur hat Poppe die Möglichkeit, alle Facetten des Schreckens und Leidens gebündelt zu zeigen. Und so treibt er seinen Thriller mit konstanter Bewegung immer weiter voran.

Was soll das Ganze?

Dadurch wird „Utøya 22. Juli“ zwar zu einer „Tour de Force“ fürs Kinopublikum. Gleichzeitig sind die Geschichte und die Zuspitzung aber auch die Schwäche des Films. Warum muss ein horrender Anschlag noch überhöht werden? Warum muss man das Grauen erzählerisch so ausbeuten? Und warum soll das Kinopublikum das überhaupt mit durchleiden?

Filmkritik Terrordrama "Utøya 22. Juli": Eine Zumutung!

Foto: Agnete Brun

Viel spannender ist da der Ansatz, den der Brite Paul Greengrass kürzlich beim Filmfest Venedig vorstellte. In „22 July“ schaut er ebenfalls auf die Anschläge, räumt den Terrorakten selbst aber nur wenig Platz ein. Ihn interessiert vielmehr, was die Attacken mit den Überlebenden machen: Wie sie von Erinnerungen verfolgt werden und ihre Familien das traumatische Erlebnis zu verarbeiten versuchen.

Auch in dieser Hinsicht ist Poppes „Utøya 22. Juli“ das schwächere Werk. Am Ende des Films mag man zwar eine Ahnung davon haben, wie furchtbar so ein Anschlag für die Betroffenen sein mag. Darüber hinaus aber trägt der Regisseur mit „Utøya 22. Juli“ nichts Wesentliches zum Thema und zur Aufarbeitung bei. Der Film ist dine Zumtung. Für den Zuschauer. (Aliki Nassoufis, dpa)

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