16.07.2020 23:45 Uhr

Filmkritik „Unhinged – Außer Kontrolle“: Amoklauf mit Russell Crowe

Mit "Unhinged - Außer Kontrolle" startet Hollywood in den Kinosommer. Eine Autofahrerin hupt, Russell Crowe rastet am Steuer seines Trucks völlig aus und sinnt nach Rache. Der Action-Thriller soll Zuschauer wieder vor die Leinwand locken.

Leonine

Für Rachel hat man sofort Mitgefühl. Die gestresste Mutter ist morgens wieder einmal zu spät dran. Mit Sohn Kyle auf dem Rücksitz, der in die Schule muss, steckt sie im Verkehrsstau.

Der Noch-Ehemann nervt am Telefon mit Scheidungskram, die wichtigste Kundin kündigt, weil Rachel zum Termin nicht pünktlich ist. Und dann noch das: Ein Lastwagen steht vor ihr an einer grünen Ampel und fährt nicht los. Rachel drückt genervt auf die Hupe, dann überholt sie etwas zu schnell auf der rechten Seite.

Filmkritik "Unhinged - Außer Kontrolle": Russell Crowe rastet aus

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Harmlos fängt’s an

Es ist ein eher harmloser Fall von Aggression im Straßenverkehr, der in dem Thriller „Unhinged – Außer Kontrolle“ zu einer wahren Wutorgie führt. Denn am Steuer des Trucks sitzt Russell Crowe. Ein Blick in sein bärtiges, leicht verquollenes Gesicht spricht Bände: Das kann nicht gut gehen.

„Weißt du was höfliches Hupen ist, junger Mann“, herrscht er Kyle bei nächster Gelegenheit durch’s offene Autofenster an. „Wie wär’s mit einer Entschuldigung deiner Mutter.“ Rachel feuert zurück. Es gäbe nichts, für dass sie sich entschuldigen müsse – doch ein kleines „Sorry“ hätte viel Kunstblut und Dutzende Autowracks erspart.

Amoklauf und Verkehrsstau

„Unhinged“, was wörtlich mit „aus den Angeln gehoben“ viel zu blass übersetzt wird, ist Hollywoods erster Action-Thriller, der nach der Corona-Pandemie mit Kinoschließungen nun wieder Zuschauer an die Sitze fesseln soll. Amoklauf und Verkehrsstau, dazu fällt einem auch Michael Douglas in „Falling Down – Ein ganz normaler Tag“ ein. 1993 verfilmte Joel Schumacher den mörderischen Wutausbruch eines vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelklasse-Mannes, der in Los Angeles völlig ausrastet. Er hat seinen Job verloren, die Ex-Frau meidet ihn.

Doch dieser William Foster hat immerhin einen Namen und eine Vergangenheit. In „Unhinged“ ist Crowe lediglich „der Mann“, über dessen Leben und Motive kaum etwas bekannt wird. Sie wollten die Figur von Menschlichkeit, Mitgefühl, Charme und Humor völlig loslösen, erzählt Crowe im Interview der Nachrichtenagentur dpa. „Keine seiner Handlungen sind irgendwie zu rechtfertigen.“

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Unglaubliche Autojagden

Statt Psycho-Tiefgang setzt Regisseur Derrick Borte („Familie Jones – Zu perfekt, um wahr zu sein“) also auf Nervenkitzel pur mit vielen Schockeffekten. Der gnadenlose Verfolger hat nichts anderes im Sinn, als Rachel und ihrer Familie eine Lektion zu erteilen. Bei halsbrecherischen Autojagden trifft es Passanten und Polizisten, auch Rachels Anwalt Andy (Jimmi Simpson) muss auf äußerst brutale Weise dran glauben.

Die junge Mutter (Caren Pistorius) drückt beherzt auf das Gaspedal ihres alten Kombi und setzt sich dem Angreifer zur Wehr. Das macht die gebürtige Südafrikanerin Pistorius („Mortal Engines“), die als Teenager nach Neuseeland kam, ganz souverän. „Ich sehe das als eine David-gegen-Goliath-Geschichte und freue mich, dass David eine Frau ist, die sich in der Situation behauptet“, erzählt Pistorius im dpa-Interview.

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Crowe wollte die Rolle gar nicht

Für Crowe ist dies eine eher ungewöhnliche Rolle. Zuletzt spielte der Charakterdarsteller in kleineren Produktionen vielschichtige Figuren. Im Januar gewann er den Golden Globe als bester Hauptdarsteller in der Mini-Serie „The Loudest Voice“. Darin verkörperte er Roger Ailes, Chef des rechtskonservativen US-Senders Fox News. Im Independent-Drama „Der verlorene Sohn“ war er ein Baptistenprediger, der seinen schwulen Sohn nicht akzeptiert. Den Oscar als bester Hauptdarsteller holte er als „Gladiator“-Star mit einer Mischung aus Herz und Härte.

Die Rolle in „Unhinged“ wollte Crowe erst ausschlagen. „Auf gar keinen Fall (’no fucking way‘)“, sei seine erste Reaktion auf das Drehbuch gewesen, erinnert sich der Schauspieler. Er habe sich wohl vor der düsteren Thematik gefürchtet, meint Crowe. Doch in seiner Karriere habe er häufig am Ende Stoffe gewählt, vor denen er am meisten Angst hatte.

Angst bleibt auch dem Publikum nicht erspart. „Unhinged“ rüttelt mit reichlich Blut und Schockmomenten an den Nerven, besonders nach langer Kinopause im Großformat auf der Leinwand. Eine Lektion lernt man dabei bestimmt: Am besten drückt man nicht zu lange auf die Hupe. (Barbara Munker, dpa)

© dpa-infocom, dpa:200715-99-803402/3

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