Mittwoch, 19. Juni 2019 22:49 Uhr

Filmkritik „Verachtung“: Zum 4. Mal Hochspannung von Jussi Adler-Olsen

Foto: Zentropa Henrik Ohsten

Der vierte Teil von Jussi Adler-Olsens Sonderdezernat Q kommt ins Kino. „Verachtung“ ist eine klassische Rache-Geschichte mit einer Gräfin von Monte Christo – und sie hat einen hochpolitischen Hintergrund.

Filmkritik "Verachtung": Zum 4. Mal Hochspannung von Jussi Adler-Olsen

Foto: Zentropa Henrik Ohsten

Millionen verkaufte Bücher in mehr als 40 Ländern, Millionen Leser und Fans – und jetzt der vierte Film. Die Krimi-Reihe über das Sonderdezernat Q von Jussi Adler-Olsen, Dänemarks Krimi-Star Nummer eins, wird auch im Kino zur Erfolgsgeschichte. Nach „Erbarmen“, „Schändung“ und „Erlösung“ kommt jetzt der nächste Fall für Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas) und seinen Assistenten Assad (Fares Fares) auf die große Leinwand.

Darum geht’s

„Verachtung“ heißt der Film, der mit dem bislang gruseligsten aller Tatorte beginnt, den Carl und Assad jemals untersuchen mussten: Hinter einer nachträglich eingebauten Mauer in einem alten Haus sitzen drei mumifizierte Leichen an einer gedeckten Kaffee-Tafel – die skelettierten Gesichter zu grauenvollen Fratzen verzerrt. Vor ihnen auf dem Tisch stehen ihre Geschlechtsorgane in Einmachgläsern. Der vierte Platz ist noch frei, so als sei die Kaffeegesellschaft noch nicht vollzählig.

Die Spur führt das ungleiche Ermittlerteam auf eine verlassene Insel, auf der sich einmal Unglaubliches zugetragen haben soll. Junge Frauen wurden dort – und das ist tatsächlich eine historische Wahrheit – eingesperrt und zwangssterilisiert. Von 1922 bis 1961 betrieben die „Kellerschen Anstalten“ auf der Insel Sprogø ein Heim für Frauen, die mit dem Gesetz oder der Moral in Konflikt gekommen oder wegen angeblicher Geistesschwäche entmündigt worden waren. Unter dem Vorwand medizinischer und psychologischer Notwendigkeit wurden sie dort grausamen Behandlungen unterzogen.

So erging es auch Nete (herausragend: Fanny Bornedal), deren fiktive Geschichte der Film in Rückblenden erzählt. Weil sie ihren Cousin liebte, ließ ihr Vater sie in die Anstalt bringen und dort einsperren. Damit lieferte er sie einem sadistischen Arzt, einer gewissenlosen Aufseherin und einer gnadenlosen Mitgefangenen aus, die das Leben des jungen Mädchens zerstörten.

Filmkritik "Verachtung": Zum 4. Mal Hochspannung von Jussi Adler-Olsen

Foto: Zentropa Henrik Ohsten

Wie genau die tragische Geschichte von damals mit den gruseligen, eingemauerten Leichen zusammenhängt – das herauszufinden ist Carls und Assads große Aufgabe in diesem Fall. Denn die Täter von damals – darauf weist einiges hin – gehen ihrer unmenschlichen Arbeit auch heute noch nach.

Eine klassische Rachegeschichte

Der Film erzählt eine klassische Rache-Geschichte mit einer Gräfin von Monte Christo als Racheengel, verwebt sie aber gekonnt mit einem mehr als aktuellen Thema: Rassismus und Rechtsruck in europäischen Gesellschaften.

Carl und Assad haben allerdings noch mit einer ganz anderen Sache zu kämpfen: ihrer persönlichen Beziehung. Assad wittert Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Polizei und hat seine Versetzung beantragt. Carl ist von dieser Entscheidung tief verletzt kann das aber – weil er nunmal Carl ist – nicht zeigen und hackt stattdessen gnadenlos auf Assad herum.

Filmkritik "Verachtung": Zum 4. Mal Hochspannung von Jussi Adler-Olsen

Foto: Zentropa Henrik Ohsten

„Verachtung“-Regisseur Christoffer Boe ist nach Mikkel Nørgaard („Erbarmen“/“Schändung“) und Hans Petter Moland („Erlösung“) der dritte Regisseur in der nun schon vierteiligen Reihe. Er fügt seinen Film gut ein in die düstere und – obwohl zum Teil in Hamburg gedreht – klassisch skandinavische Ästhetik, mit der die Geschichten über das Dezernat Q und ihre Cold Cases erzählt werden. Inzwischen dürften sich auch die Fans der Bücher daran gewöhnt haben, dass Carl im Film sehr viel jünger ist als von Autor Adler-Olsen beschrieben.

Ohne zu viel zu verraten: Bei aller Angst um das Zerbrechen der Freundschaft zwischen dem sturen Pessimisten Carl und dem optimistischen Menschenfreund Assad – die Buchreihe ist auf zehn Teile ausgelegt. Nicht unwahrscheinlich also, dass die Zusammenarbeit weitergeht. (Britta Schultejans, dpa)

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