Montag, 18. März 2019 23:10 Uhr

Filmkritik „Wir“: Wenn der Urlaub mit den Kindern zum Horrortrip wird

In „Get Out“ treiben Weiße ein grausames Spiel mit ihren schwarzen Bediensteten – ein grandioser Horrorfilm über Alltagsrassismus. Nun bringt Regisseur Peele erneut einen Schockerfilm ins Kino. In „Wir“ sucht er nach tiefsitzenden Ängsten und dem Grauen in uns selbst.

Filmkritik "Wir": Wenn der Urlaub mit den Kindern zum Horrortrip wird

Foto: Universal Pictures

Der wahre Feind, kommt er von außen oder steckt er vielleicht tief in uns selbst? Eine Frage, mit der sich auch der Horror-Thriller „Wir“ auseinandersetzt. Nach seinem oscar-gekrönten Kinodebüt „Get Out“ von 2017 hat der us-amerikanische Regisseur Jordan Peele nun nachgelegt, in den Hauptrollen mit Lupita Nyong’o und Winston Duke, beide im Marvel-Abenteuer „Black Panther“ zu sehen. Als Ehepaar Gabe und Adelaide fahren sie mit ihren zwei Kindern in den Urlaub.

Doch die Ferien geraten zum Horrortrip, als plötzlich vier Gestalten in roten Anzügen vor dem Ferienhaus auftauchen.

Das Schockierende: Sie sehen genauso aus wie die Wilsons und sind voller Mordlust. Ein blutrünstiger Albtraum beginnt. Die Gründe dafür scheinen tief in der Vergangenheit der Mutter Adelaide zu liegen.

Schuld haben immer die anderen

Wie schon in „Get Out“ verbindet Peele mit „Wir“ eine Kritik an der Gesellschaft. Dieses Mal geht es um den fehlenden Willen, sich den eigenen Fehlern und Dämonen zu stellen und stattdessen lieber die Schuld bei anderen zu suchen, bei Fremden. „Wir haben Angst vor dem Außenstehenden“, kritisiert der Filmemacher und verweist auch auf sein Heimatland, die USA. „Es ist ein Bestandteil jeder Form der Angst, vom Terrorismus bis zur Einwanderung.“

Filmkritik "Wir": Wenn der Urlaub mit den Kindern zum Horrortrip wird

Foto: Universal Pictures

Doch wer genau hinsieht, erkennt: Die wahren Monster stecken in uns selbst. Peele erweckt diese Ungeheuer zum Leben, als Doppelgänger, die in der Mythologie oft als schlechte Omen oder gar Vorboten des Todes gelten. In „Wir“ gleichen sie ihren Vorbildern nur äußerlich. Der Kern des Menschlichen scheint ihnen zu fehlen.

An Stelle einer Seele blitzt Wahnsinn in ihren Augen und wenn sie sich bewegen, wirken sie seltsam ferngesteuert. Sie sind die Vergessenen, Verdrängten, getrieben von einem unbändigen Hass, der ihnen gewaltige Kräfte verleiht. Jahrelang haben sie ein Leben im Schatten geführt, sich nach dem schönen, lichten Leben ihrer Ebenbilder verzehrt und den Hunger aus Verzweiflung mit Kaninchen gestillt, „roh und blutig“, wie Adelaides Alter Ego mit heiserer, stockender Stimme hervorpresst. „Wir sind auch Menschen, weißt du!“

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Foto: Universal Pictures

Doppeltes Spiel

„Der Film handelt von einer amerikanischen Familie, die versucht, den perfekten amerikanischen Traum zu leben“, beschreibt es Winston Duke, im Film der Vater Gabe. Dass er, Adelaide (Nyong’o) und die Kinder Zora und Jason schwarz sind, spielt keine Rolle. Normalerweise erlebe das Publikum schwarze Charaktere als erste Opfer der Handlung, findet Duke. Hier sei das zentrale Opfer der amerikanische Traum, der von der Familie als gefährlich, unsicher und unhaltbar entlarvt werde. Die vier spielen hervorragend, ebenso wie Golden-Globe-Gewinnerin Elisabeth Moss („Der Report der Magd“). Dabei treiben sie ein doppeltes Spiel – einmal als normale Familienmitglieder, einmal als seelenlose, irre Karikaturen ihrer selbst.

Filmkritik "Wir": Wenn der Urlaub mit den Kindern zum Horrortrip wird

Foto: Universal Pictures

Atemberaubend spannend

Peele erweist sich einmal mehr als Meister des Horrors, lockert das Szenario aber immer wieder mit einer gekonnten Mischung aus Satire und lakonischem Humor auf. Kurze Atempausen, bevor das Grauen gleich wieder gewaltig Fahrt aufnimmt. Eine kleine Einschränkung gibt es. Die Doppelgänger sind am Ende nicht nur ein Problem der Wilsons. Das verschiebt den Film hin zu einer Art Zombieapokalypse und lässt ihn so weniger persönlich wirken.

Atemberaubend spannend ist „Wir“ aber dennoch. Und unglaublich blutrünstig, denn die Doppelgänger planen ein Gemetzel. Die Waffe ihrer Wahl: große, spitze Scheren. In ihrer Mordlust sind sie unerbittlich, passend zu dem Bibelzitat Jeremias 11,11, auf das immer wieder Hinweise auftauchen: „Darum – so spricht der HERR: Siehe, ich bringe Unheil über sie, dem sie nicht entgehen können. Schreien sie dann zu mir, so werde ich nicht auf sie hören.“ (Cordula Dieckmann, dpa)

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