Sonntag, 8. September 2019 12:40 Uhr

„Joker“: Warum die völlig neue erzählte Geschichte in Venedig siegte

Foto: Warner Bros.

Nach einem durchwachsenen Wettbewerb endet das Filmfestival mit einigen Überraschungen: Der Goldene Löwe geht an die Hollywoodproduktion „Joker“ über die Entstehung der gleichnamigen Comicfigur (wir berichteten).

Das Filmfest Venedig endet mit gleich mehreren Paukenschlägen. Denn mit den Entscheidungen, die die Jury am Samstagabend verkündete, hatten wohl nur wenige gerechnet. Der Goldene Löwe für den besten Film geht an den düsteren Psychothriller „Joker“, in dem der Regisseur Todd Phillips von der Gewaltspirale eines psychisch kranken Mannes erzählt. Für noch mehr Diskussionen wird aber die Auszeichnung für „J’accuse“ von Roman Polanski sorgen. Sein historisches Drama um einen Justizskandal gewann den Großen Preis der Jury, die zweitwichtigste Trophäe.

"Joker": Warum die völlig neue erzählte Geschichte in Venedig siegte

imago images / Independent Photo Agency Int.

In Venedig von Publikum und Kritik bejubelt

Tatsächlich blieb „Joker“ als einer der intensivsten und verstörendsten Filme im diesjährigen Wettbewerb in Erinnerung. Joaquin Phoenix (44) spielt darin auf herausragende Weise Arthur Fleck, einen einsamen und tieftraurigen Mann, der unter einer schweren psychischen Störung leidet. Seine Mitmenschen ignorieren ihn oder verhöhnen ihn – bis der Frust mit aller Gewalt aus ihm herausbricht. Plötzlich ist er nicht nur gefürchtet, sondern wird als Symbol der unterdrückten Bevölkerung gefeiert.

Aus Arthur Fleck wird langsam der gefürchtete Joker: der Erzfeind von Batman.

"Joker": Warum die völlig neue erzählte Geschichte in Venedig siegte

Foto: Warner Bros.

So bekannt diese Figur des Jokers aus zahlreichen Comics und Filmen auch ist, so neu ist diese Geschichte, die Regisseur Phillips hier entwirft. Schließlich war zur Entstehung des Bösewichts kaum etwas bekannt, und diese Freiheiten nutzt Phillips für eine atmosphärische und packende Inszenierung.

Trotz der Euphorie gibt es aber auch Kritik am Film: Er verherrliche und zelebriere Gewalt, finden einige. Das sah die Jurypräsidentin Lucrecia Martel anders: „Es ist eine sehr wertvolle Reflexion über Antihelden“, sagte die argentinische Regisseurin nach der Preisverleihung. „Die Feinde sind nicht die Männer, sondern das System.“ Der Film startet am 10. Oktober.

"Joker": Warum die völlig neue erzählte Geschichte in Venedig siegte

Foto: Warner Bros.

Polanski irritiert

Der Erfolg für „Joker“ könnte allerdings von einer anderen Juryentscheidung in den Hintergrund gedrängt werden: Die Auszeichnung für Roman Polanskis „J’accuse“ dürfte die Debatte um den Regisseur weiter befeuern. Immerhin wird dem französisch-polnischen Filmemacher sexueller Missbrauch vorgeworfen. Neu ist das nicht, es geht im Kern um Sex mit einer Minderjährigen in den 70er Jahren.

Doch im Zuge der #MeToo-Bewegung hatte der Fall wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen, auch die Einladung in den Venedig-Wettbewerb sorgte für Aufregung.

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Foto: Warner Bros.

Letztendlich erkannte die Jury aber auch, dass sie Polanski bei der Preisvergabe nicht ignorieren konnte – schließlich gehörte „J’accuse“ zu den besten Werken im Wettbewerb: Langsam und konzentriert erzählt Polanski von der Dreyfus-Affäre in den 1890er Jahren, offenbart ein System voller Lügen, Antisemitismus und Vertuschung.

Die Jury habe nur den Film selbst bewertet, betonte Präsidentin Martel. (dpa/KT)

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