Es lebe die Menstruation!„Liebesdings“: Im Theater mit den tanzenden Riesen-Tampons

Ena ReziEna Rezi | 10.07.2022, 20:30 Uhr
Tanzende Riesen-Tampons im Film „Liebesdings".
Tanzende Riesen-Tampons im Film „Liebesdings".

Foto: Constantin Film Verleih / Violetta Grimm

Elyas M'Barek hat wohl noch nie einen merkwürdigeren Film gedreht, als „Liebesdings". Nicht nur, dass er als von der Boulevardpresse verfolgter Superstar quasi sich selbst spielt - in einer Szene fällt er aus Versehen, während er auf einem Mushroom-Trip ist, in ein Klitoris-Kostüm. Doch das ist definitiv nicht die verrückteste Szene des Films.

Elyas M’Barek (40) ist mindestens seit „Fack ju Göhte“ und internationalen Filmausflügen wie „Der Medicus“ ein echter Filmstar. Es gibt nichts, was der Schauspieler noch nicht gespielt hat – das dachte er sich bestimmt bis zu seinem neuen Film „Liebesdings“.

Elyas M’Barek spielt sich selbst in „Liebesdings“

Elyas M’Barek spielt in der neuen Komödie „Liebesdings“ den erfolgreichen und extravaganten Film-Megastar Marvin Bosch, der vor den aufdringlichen Medien und seiner eigenen Vergangenheit flüchtet – und sich in eine Liebesgeschichte verirrt. „Gegenpart“ des „Fack ju Göhte“-Stars ist Alexandra Maria Lara (42), sie spielt eine Boulevardjournalistin, in die sich der 40-jährige M’Barek alias Marvin Bosch, trotz seines Hasses auf die Medien, letztlich unsterblich verliebt.

Tanzende Riesen-Tampons im Film „Liebesdings"

Foto: Constantin Film Verleih / Violetta Grimm

Diese Rolle in Anika Deckers Komödie „Liebesdings“ ist wohl Elyas erste Rolle in einem Film mit feministisch angehauchten Zügen. Denn einige Szenen gehen bewusst humoristisch, aber auch tiefgründig zum Beispiel mit dem Thema weibliche Geschlechtsorgane oder Menstruation um.

„Liebesdings“: Eine verrückte Szene nach der nächsten

Die Komödie strotzt nur so vor lustiger und absurder Szenen: Als Marvin Bosch soll er beim Dreh seines neuen Films vom Wohnwagen zum Klo in einem Golfcart gefahren werden, denn Marvin ist richtig paranoid und hat Angst, dass ihm auf dem Weg zum Klo etwas passieren könnte… Oder: Ein Assistent der Boulrvardjournalistin soll die Kotze von Marvin aufsammeln, um sie auf illegale Substanzen testen zu lassen. Oder: Nachdem er ahnungslos eine Flasche Zauberpilztee („Der knallt euch schön die Glückssynapsen durch!“) auf Ex getrunken hatte, fällt der völlig weggetretene Marvin in eine riesige Plüsch-Vulva usw. usf.

Elyas M’Barek trägt in neuem Film einen Klitoris-Hut

Wer jetzt denkt, verrückter kann es nicht werden, der täuscht sich: denn auch Elyas M’Barek mit einer riesigen Vagina-Ding auf dem Kopf kann noch weiter getoppt werden.

Marvin Bosch landet auf seiner Flucht vor den penetranten Medien plötzlich im feministischen Off-Theater „3000“, das kurz vor dem Aus steht. Und dort sieht er, was wohl auch noch nie zuvor in der deutschen Filmgeschichte zu sehen war…

Hommage an den Feminismus: Die tanzenden Riesen-Tampons

Theater-Besitzerin Frieda führt nämlich ein Tampon-Tanz-Theater mit den sogenannten „Tamponettes“ auf. Dieses Menstruations-Spektakel hat einen tieferen Sinn.

„Mir ging es darum, Menstruation zu enttabuisieren“, meint Produzentin Anika Decker in einer Pressemitteilung des Verleihers. „Ich habe überlegt, wie man das am besten angeht. Und irgendwann habe ich spontan ins Drehbuch geschrieben: Auftritt Tamponettes.“ Decker fügt hinzu: „Die Zusammenarbeit mit Julia Fidel, die auch die Tanzszenen von ‚Babylon Berlin‘ choreografiert hat, war ein absoluter Glücksfall.“

Aber Choreografin Fidel ist auch ein musikalisches Genie: „Sie hatte auch gleich den ultimativen Menstruationssong parat: ,Bleeding Love‘. Dann haben wir uns gemeinsam mit dem Kameramann Moritz Anton für bestimmte Tanzfiguren entschieden und den roten ,Menstruations-Glitzerregen‘ für das Finale getestet und das Ganze schließlich in unserem Theater gedreht.“

Elyas M'Barek hat sich für seinen neuen Kinofilm mit einem Tabuthema auseinandergesetzt.

© Constantin Film Verleih / Violetta Grimm

Tamponetten-Theater soll Menstruation entstigmatisieren

Et Voilà: Das Tamponetten-Theater ward kreiert! „Davor hatten wir noch diverse Kostüm- proben und haben die Beschaffenheit und Beweglichkeit der Riesentampons getestet und die Länge des Fadens auf den Müt-zen ausprobiert.“

Aber warum gerade Tampons und Vulven? Dazu hat Anika Decker (Keinohrhase, Zweiohrküken, Rubbeldiekatz) eine klare Vision. Die meisten Menschen hätten ja keine Ahnung, wie das weibliche Geschlechtsorgan eigentlich beschaffen sei und viele ekeln sich immer noch vor der Menstruation oder Tampons.

Anika Decker weiter: „Fast jeder Mensch auf der Welt kann einen anatomisch korrekten Penis zeichnen, fast niemand eine Klitoris. Sogar in vielen Lehrbüchern ist sie noch falsch oder fehlerhaft dargestellt. Zwischenzeitlich war sie sogar nur als kaum erkennbarer kleiner Hügel gezeichnet, da sie durch Freuds Sexualanalysen in Verruf geraten war und als ,Symbol niederer Lust‘ galt.“



Wenn einem ein Tampon aus der Handtasche kullert…

Die weitverbreitete Tabuisierung sei der Grund dafür, dass die Klitoris und zum Beispiel die Menstruation in der feministischen Kunst allmählich wieder das Tageslicht erblickt hat, erklärt Decker. „Hier ein kleiner Test: Ist es Ihnen peinlich, wenn ihnen ein Tampon aus der Handtasche kullert? Falls ja, warum eigentlich? Es ist ein Stück Watte mit einem Faden. Um das peinliche Gefühl komplett zu vertreiben, empfehle ich, das Ding in Überlebensgröße nachzubasteln und darin zu einem Lieblingssong zu tanzen!“

„Wir sind der einzige deutsche Film mit tanzenden Tampons“.
(Anika Decker)

Es lebe die Menstruation! Charmanter kann man eigentlich kaum auf die Ungerechtigkeiten und Vorurteile gegenüber der weiblichen Sexualität und des weiblichen Geschlechts Bezug nehmen. Wahrscheinlich wird der Tamponetten-Song ein richtiger Ohrwurm!

„Liebesdings“- die Komödie von Constantin Film – ist seit dem 7. Juli 2022 in den deutschen Kinos zu sehen.