„Twin Peaks“ – Regisseur David Lynch wird 75

Regisseur David Lynch 2017 beim Filmfestival in Rom.

Luigi Mistrulli/AP/dpa

19.01.2021 15:45 Uhr

Seltsame Welten mit bizarren Abgründen, Gewalt und Perversionen sind David Lynchs Leidenschaft. Mit der Mystery-Serie „Twin Peaks“ setzte der Regisseur neue Maßstäbe - mit 75 Jahren sagt er auch das Wetter vorher.

Für seine täglichen Wetterberichte aus Los Angeles wird Kultregisseur David Lynch kaum einen Filmpreis gewinnen, doch unterhaltsam sind seine Videoauftritte während der Corona-Pandemie allemal.

Mit weiß-grauer Haartolle und einem freundlichen „Good Morning“ begrüßt der „Twin Peaks“-Regisseur die über 200 000 Abonnenten auf seinem YouTube-Kanal „David Lynch Theatre“. Jeden Morgen, seit Mai, gibt er eine Wetterprognose: oft Sonne und blauer Himmel, Temperaturen um 25 Grad.

Dazu liefert Lynch kleine Weisheiten und Musik-Empfehlungen. Heute würde er besonders an den Beatles-Song „Come Together“ denken, erzählt er etwa am 3. November 2020, am Tag der US-Präsidentschaftswahlen. „Dieser Mann kann alles spannend machen“, bescheinigt ihm ein Fan auf der YouTube-Seite.

Hollywoods Spezialist für bizarre Welten in Kultklassikern wie „Blue Velvet“, „Wild at Heart“ und „Twin Peaks“ wird am Mittwoch (20. Januar) 75 Jahre alt. Vermutlich beginnt auch dieser Tag mit einem kurzen Wettervideo. Und dann? Sie hätten nichts Großes geplant, teilte Lynchs Assistent Michael Barile der Deutschen Presse-Agentur mit. „Wahrscheinlich werden wir an dem Tag Donuts essen, Kaffee trinken und die Amtseinführung des gewählten Präsidenten Joe Biden anschauen – und auf eine bessere Zukunft hoffen.“ Interviews würde Lynch in nächster Zeit nicht geben, hieß es auf Anfrage. Der Regisseur und Künstler sei während der Pandemie in Selbstisolation mit neuer Malerei und dem Bau von Lampen beschäftigt.

Im vorigen Juni nahm sich Lynch allerdings Zeit, auf seinem YouTube-Kanal Fragen von Fans zu beantworten. Etwa, was ihm während so schwierigen Zeiten Hoffnung machen würde? Die Welt müsse sogenannte düstere Zeiten durchlaufen, um an einen „viel besseren Ort“ zu gelangen, sagte Lynch. Am Ende des Wandels hoffe er auf ein Ende von Leid und Negativität.

Lynch meditiert seit den 1970er Jahren nach der Lehre des Maharishi Mahesh Yogi, dem einst auch die Beatles folgten. Er leitet eine Stiftung für „Gesundheit und Wellness“ und setzt auf transzendentale Meditation als Friedensstifter. Zweimal täglich meditiere er, erklärt der Filmemacher. Das verschaffe ihm Zugang zu „unbegrenzten Energiereserven, Kreativität und innerem Glück“.

Auch im Alter ist seine Handschrift so einfallsreich und packend wie vor Jahrzehnten. 2017 brachte er 18 neue Folgen der Mystery-Kultserie aus dem fiktiven Holzfällerkaff „Twin Peaks“ auf den Bildschirm – noch brutaler, unheimlicher und verwirrender als die 30 Original-Folgen Anfang der 1990er Jahre. Was damals mit trügerischer Kleinstadt-Idylle um die tote Schönheitskönigin Laura Palmer und den jungen FBI-Agenten Dale Cooper (Kyle MacLachlan) begann, ist jetzt endgültig ein Höllentrip in die Abgründe der menschlichen Seele. Für Hardcore-Fans gibt es auch den Spielfilm „Twin Peaks – Der Film“ (1992), der die Vorgeschichte zur Fernsehserie erzählt.

Die blutrote Linie zieht sich konsequent durch das Werk des Regisseurs, vom surrealistischen Erstlingsfilm „Eraserhead“ (1977) zum bisher letzten Kinowerk „Inland Empire“ (2006). „Der Elefantenmensch“ (1980) über einen fürchterlich verunstalteten Mann, der im viktorianischen England als Jahrmarkts-Attraktion vermarktet wird, war ein internationaler Kassenerfolg mit acht Oscar-Nominierungen. „Blue Velvet“ (1986), mit Isabella Rossellini als missbrauchte Nachtclub-Sängerin, ist durch eine langsame Kamerafahrt in ein abgeschnittenes Ohr auf einer Wiese unvergessliches Kino geworden.

Das brutale Road-Movie „Wild at Heart“ über ein junges Liebespaar, mit Nicolas Cage und Laura Dern in den Hauptrollen, brachte Lynch 1990 die „Goldene Palme“ in Cannes. Den Thriller „Lost Highway“ (1997) um einen schizophrenen Killer unterlegte er mit Songs der deutschen Hard-Rock-Band Rammstein.

Mit „Eine wahre Geschichte – The Straight Story“ (1999) schuf Lynch seinen vielleicht geradlinigsten Film – ein alter Mann fährt auf einem Rasenmäher-Traktor wochenlang durch den Mittleren Westen, um seinen Bruder zu besuchen. Lynch selbst kam in einer Kleinstadt im US-Staat Montana zur Welt und wuchs auf dem Land auf. Mit „Mulholland Drive“ (2001) begab er sich dann ins Großstadtrevier seiner Wahlheimat Los Angeles und holte in Cannes einen weiteren Regie-Preis.

Eigenen Angaben zufolge mag er alle seine Filme, nur einen bereut er bis heute: „Ich bin mehr oder weniger stolz auf alles, bis auf ‚Dune’“, sagte er im vorigen Juni im YouTube-Gespräch. Schon im Jahr zuvor hatte er sich beim Manchester International Festival zu dem Film aus dem Jahr 1984 kritisch äußert: „’Dune‘ ist eine riesige, gigantische Traurigkeit in meinem Leben.“ Er habe nicht die volle kreative Kontrolle über den Film gehabt. Denis Villeneuve („Blade Runner 2049“) hat die Science-Fiction-Saga über einen Wüstenplaneten mit Timothée Chalamet neu verfilmt – die Großproduktion soll im Herbst in die Kinos kommen.

Als Regisseur und Drehbuchautor war Lynch vier Mal für einen Oscar nominiert, doch im Wettbewerb ging er immer leer aus. Ein Trostpflaster: die Filmakademie verlieh ihm 2019 einen Ehren-Oscar. Für seine künstlerische Vision habe er „angstlos“ Grenzen überschritten, hieß es zur Begründung.

Lynch ist vierfacher Vater. Nach drei Scheidungen ist er seit 2009 mit der Schauspielerin Emily Stofle („Inland Empire“) verheiratet. Der jüngste Nachwuchs, Lula Boginia Lynch, ist acht Jahre alt. Tochter Jennifer Lynch (52) aus erster Ehe hat wie ihr Vater eine Vorliebe für Psychopathen-Horror. Als Regisseurin drehte sie Thriller wie „Boxing Helena“ und „Unter Kontrolle“.

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