Eigensinnig und kämpferisch: Franz Xaver Kroetz wird 75

Wutanfälle, Verbranntes und ein lustvolles Ende: Franz Xaver Kroetz wird 75.
Wutanfälle, Verbranntes und ein lustvolles Ende: Franz Xaver Kroetz wird 75.

picture alliance / dpa

24.02.2021 17:56 Uhr

Franz Xaver Kroetz ist eine Stimme, die man nicht überhören kann. Der Dramatiker ist ein Freund klarer und gerne auch kräftiger Worte. Scheu davor, anzuecken, hat er nicht. Ein außergewöhnlicher Künstler, der nun 75 Jahre alt wird.

Franz Xaver Kroetz ist nicht einfach nur ein Schauspieler, Dramatiker und Regisseur. Er ist so etwas wie eine Naturgewalt. Eigensinnig, kämpferisch und in der Wortwahl alles andere als zimperlich tritt der Münchner auf, der an diesem Donnerstag (25. Februar) 75 Jahre alt wird.

Egal ob auf der Bühne, im Film oder als Autor – die einen schockiert er, andere lieben ihn gerade wegen der unverblümten Art mit Hang zum Bayerisch-Anarchischen. Mit seinen Bühnenwerken zählt er zu den meistgespielten Dramatikern seiner Generation. Und seine Darstellung des Klatschreporters Baby Schimmerlos in Helmut Dietls Schicki-Micki-Serie „Kir Royal“ ist Kult.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) gratulierte und hob die Vorliebe des Dramatikers für Grenzfälle hervor: „In Ihren Werken loten Sie diese Grenzfälle aus und zeigen uns die Widersprüche und Katastrophen menschlichen Handelns, die aus kleinen und großen Lebens- und Weltentwürfen entstehen: in Bildern, Allegorien, in Sprache und im Schweigen“, schrieb Steinmeier. „Sie haben mit Ihrem Wirken zum kulturellen Ansehen unseres Landes beigetragen. Dafür sage ich Ihnen heute meinen Dank.“

Als Teenager hatte Kroetz, der im niederbayerischen Simbach am Inn aufwuchs, mit dem Schreiben angefangen. Der Titel des Stücks: „Das Medaillon“. „Dabei gings nicht um ein schweins – oder kalbssolches, sondern um Gott, Gottsuche bzw. Verlust“, schreibt der Dramatiker auf seiner Internetseite, die wie ein mit Schreibmaschine getippter Text auf einem Blatt Papier daherkommt. Ein krasser Gegensatz zu den gestylten Seiten, mit denen andere Prominente für sich werben.

Die Fähigkeit, Ablehnung auszuhalten, musste Kroetz offenbar erst lernen, wie er weiter notiert. „Um mich zu befreien, von mir und den vielen Absagen, die ich am Anfang meiner Dramatiker-Laufbahn von den Verlagen bekam, hab ich immer wieder mal, bis 1971, im elterlichen Garten ein Feuer gemacht, mich richtig angesoffen und viel beschriebenes Papier verbrannt.“ Viele Werke sind so in Rauch aufgegangen. „Und ich bereue es nicht, denn es ist noch genug da. Und wenn man sich, solange man jung ist, öfter mal zurück stutzt, wird man ziemlich kräftig.“

Erfolgreich war Kroetz trotzdem, etwa mit den Einaktern „Heimarbeit“ und „Hartnäckig“ 1971 im Werkraum der Münchner Kammerspiele oder mit Stücken wie „Das Nest“, „Das Ende der Paarung“, „Wildwechsel“ oder „Oberösterreich“. Intensiv beschäftigte er sich mit Bertolt Brecht und war zwischenzeitlich sogar in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), verließ sie aber 1980 wieder.

„Erfolg ist Kroetz wichtig. Noch wichtiger ist ihm: die Bretter, die die Welt bedeuten, auszureißen und damit die Bretter vorm Kopf zu zertrümmern“, charakterisierte der Bayerische Rundfunk (BR) ihn. Für seine Leistungen bekam er viele Preise, etwa den Adolf-Grimme-Preis in Gold für „Kir Royal“, den Dramatikerpreis der Stadt Mülheim für „Das Nest“ oder das Bundesverdienstkreuz.

In Film und Fernsehen ist Kroetz selten zu sehen, Ausnahmen sind etwa „Madame Bäurin“ oder „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“. Er ist wählerisch. „Diese ganzen Bauerndeppen, diese perversen, die ich angeboten kriege, das habe ich alles satt gehabt“, sagte er 2017 der Deutschen Presse-Agentur. „Ich habe keine Lust mehr, mich zu verstellen. Ich bin zu alt, das kommt mir läppisch vor.“

Franz Xaver Bogner konnte ihn dagegen locken, mit dem Part eines unbequemen Richters in der ZDF-Reihe „Über Land“, der zur Strafe in die Provinz versetzt wird.

Bogner wusste, dass er keinen einfachen Darsteller engagiert hatte. „Kroetz ist Hardcore, an dem schon manche verzweifelt sind“, erzählte der Regisseur („Irgendwie und sowieso“) der „Augsburger Allgemeinen“. „Er macht es sich und den anderen nicht leicht. Trotzdem mag ich ihn sehr gern.“ Vor den berüchtigten Wutanfällen des Schauspielers hatte Bogner keine Furcht. Zurecht, wie Kroetz bekannte. „Ich gelte ja als Troublemaker. Aber wir sind sehr gut miteinander ausgekommen. Beim Bogner konnte ich vom Anfang bis zum Ende friedlich sein.“

Und privat? Für seine ersten beiden Kinder sei er ein schlechter Vater gewesen, sagte er mal in einem Interview. Er habe schreiben wollen, nicht Papa spielen. Anders bei den drei Kindern aus der mittlerweile geschiedenen Ehe mit Marie Theres Relin, der Tochter von Maria Schell. „Ich glaube, ich war auch ein guter Vater, da war ich dankbar.“

Wie es weitergeht? Darüber sinniert Kroetz auf seiner Internetseite. „In Planung: nichts mehr, oder? Schau mer mal“, heißt es da. Im Zweifel sei es besser, den Mund zu halten: „Dem Ende schau mit Lust entgegen, das Aufhörn ist doch auch ein Segen. Immer weiter machen nur die Lappn, de halten niemals ihre Babbn“.