01.11.2020 09:13 Uhr

Promi-Geburtstag vom 3. November 2020: Gerd Müller

Tore waren sein Markenzeichen. Das wichtigste schoss Gerd Müller im WM-Finale 1974. Trotz Beckenbauer oder Hoeneß - ohne die Treffer des «Bombers» wäre der rasante Aufstieg des FC Bayern im Weltfußball kaum möglich gewesen. Seine schwere Erkrankung berührt die Nation.

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Die Wohlfühlzone im Leben von Gerd Müller umfasste exakt 665,28 Quadratmeter. Denn als Fußballer war der nur 1,76 Meter große Stürmer der König des Sechzehnmeterraums. Wenn der „Bomber der Nation“ in Tornähe an den Ball kam, hat es meistens Bumm gemacht.

Kein deutscher Angreifer vor und nach ihm erreichte seine Klasse. Keiner erzielte so viele Tore. Es müllerte in praktisch jedem Spiel. Der Strafraumstürmer Müller erledigte seinen Job in den Stadien auf unnachahmliche Weise: Er traf blitzschnell aus der Drehung, im Fallen und im Sitzen, mit links oder rechts und mit dem Kopf. Ganz egal. Der Sechzehner war sein Reich. Heute wird Müller 75.

„Gerd Müller war der allergrößte Stürmer, den wir in Deutschland hatten“, sagte Bundestrainer Joachim Löw zum 70. Geburtstag des Torjägers. Dieses Urteil gilt auch fünf Jahre später. Schon der damalige Ehrentag des Weltmeisters (1974), Europameisters (1972) und des mit Abstand erfolgreichsten Torschützen der Bundesliga (365 Tore in 427 Partien) musste ohne große Feierlichkeiten begangen werden. Der traurige Grund: Gerd Müller leidet an Alzheimer. Er lebt seit Jahren im Pflegeheim. Dort wird er professionell betreut.

Bei der heimtückischen Erkrankung geht das Gedächtnis verloren. Das Wesen des Betroffenen verändert sich. Der FC Bayern hatte Müllers Erkrankung wenige Wochen vor dessen 70. Geburtstag publik gemacht, auch zum Schutz der Familie vor unzähligen Medienanfragen. Der deutsche Rekordmeister ehrt Müller an diesem Dienstag in einem kleinen Kreis gemeinsamer Wegbegleiter im Vereinsmuseum in der Allianz Arena. Müller wird „leider nicht anwesend sein können“, wie es in einer Mitteilung des Vereins hieß.

Das Schicksal des von vielen nur „Bomber“ genannten Müller hat über die Fußballszene hinaus viele Menschen in Deutschland berührt. Fußball-Idol Uwe Seeler, gerade 83 Jahre alt geworden und in der Nationalmannschaft lange Sturmkollege Müllers, sprach von Traurigkeit. Uli Hoeneß nannte das Los des alten Kameraden furchtbar. Für den Vereinspatron war „der Gerd“ stets mehr als ein großartiger Fußballer. Er sei vor allem „ein feiner Mensch“.

Hoeneß, der in den großen Bayern-Zeiten in den 1970er Jahren an der Seite Müllers stürmte, zählte zu denen, die auch in der größten Lebenskrise des sportlich so erfolgreichen Profis da waren und entschlossen halfen. Denn das Leben abseits des Rasens beherrschte Müller nicht derart wie den Ball und die Vorstopper im Strafraum.

Der Sieg über seine Alkoholkrankheit Anfang der 1990er war der vermutlich wichtigste im Leben des gelernten Webers aus Nördlingen. „Nach vier Wochen bin ich aus der Kur gekommen. Es in so kurzer Zeit zu schaffen, das war schon eine Leistung“, erzählte Müller bei einem Treffen im Herbst 2007 in München mit Stolz. Damals wirkte er als Co-Trainer der Bayern-Amateure an der Seite von Hermann Gerland.

Weltmeister wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller oder Toni Kroos profitierten von seinem Erfahrungsschatz. Es war eine Aufgabe, die den bodenständigen Müller ausfüllte, glücklich und zufrieden stimmte. „Der Verein ist alles für mich“, sagte er damals.

„Ohne diese Tore, diese Konstanz, diese Schlitzohrigkeit im Strafraum würde es den FC Bayern so vielleicht nicht geben“, sagte Namensvetter Thomas Müller in dieser Woche. Er selbst habe den Bomber „leider nie live spielen sehen“, schilderte der Bayern-Müller der Gegenwart. Aber er habe trotzdem „sehr viel mitnehmen“ können aus der Zusammenarbeit mit Gerd, dem Großen, damals beim FC Bayern II. „Man kann Gerd Müller beim FC Bayern nicht hoch genug heben“, findet Thomas Müller.

Trotz Franz Beckenbauer, trotz Uli Hoeneß – den steilen Aufstieg zur Nummer 1 im deutschen Vereinsfußball hatte der FC Bayern besonders Müllers Toren zu verdanken. „Was der FC Bayern heute darstellt, mit diesem Palast an der Säbener Straße – ohne Gerd Müller wären die Leute da immer noch in dieser Holzhütte von damals“, lautet ein Satz, mit dem der kürzlich 75 Jahre alt gewordene Beckenbauer gerne Müllers Bedeutung beschreibt: „In meinen Augen ist er der wichtigste Spieler in der Geschichte des FC Bayern.“ Beckenbauer nennt Müller ein „Phänomen“. Als Zimmerkollege „war Gerd wie ein Bruder für mich“.

Das Einzigartige hat auch Weltmeister Miroslav Klose stets betont. Als er Müller kurz vor der WM 2014 in Brasilien nach 40 Jahren als Rekordtorjäger der Nationalelf ablöste, sagte Klose: „Gerd Müller darf man mit keinem anderen Stürmer vergleichen.“ Klose zeichnet eine feine Eigenschaft aus, die auch Müller innewohnt: Bescheidenheit.

Der heutige Assistent von Bayern-Coach Hansi Flick führt die DFB-Rangliste mit 71 Treffern an. Klose benötigte für die Bestmarke aber 137 Länderspiele. Müller traf in nur 62 Partien für Deutschland 68 Mal – eine phänomenale Quote von 1,1 Treffern pro Einsatz.

Das Tor für die Ewigkeit schoss er am Ende seiner viel zu früh beendeten DFB-Karriere. Im WM-Finale 1974 erzielte er im Münchner Olympiastadion das 2:1 gegen die Niederlande. „Ich habe schönere Tore gemacht, aber das wichtigste war dieses Weltmeistertor“, sagte er.

Wenn Müller nach seiner Karriere, die 1982 unrühmlich in den USA ausgeklungen war, seinen Nachfolgern zusah, stellte er sich die immer gleiche Frage, wenn ein Schuss oder Kopfball nicht im Tor landete. „Hättest du den reingemacht?“ Vermutlich ja. Müllers 40 Tore in der Saison 1971/72 sind immer noch Bundesligarekord; unangetastet auch von Robert Lewandowski, Bayern Münchens Tormaschine der Gegenwart.

Als Gerd Müller 1964 als 18-Jähriger vom schwäbischen Amateurligisten TSV 1861 Nördlingen zum FC Bayern wechselte, wurden seine Tore mit einem Grundgehalt von 160 Mark im Monat entlohnt. Heutzutage würde er mit Millionen Euro überschüttet. Doch ein Profileben in Zeiten von Twitter, Facebook, Instagram und täglichem Medienrummel wäre für Müller garantiert eher ein Gräuel als ein Glücksfall gewesen.

Müller war ein Weltstar, aber keiner für Glamour und rote Teppiche. Schlagzeilenträchtige Interviews bekamen Reporter von ihm eher nicht. „Den Franz“ beneidete er nie um dessen Status als Lichtgestalt. Beckenbauer hetzte auch nach der Spieler-Karriere weiter um die Welt. „Ich bin keiner, der gerne weg von zu Hause ist“, sagte Müller, als es ihm noch besser ging. Auf Champions-League-Reisen des FC Bayern ließ er sich von seinem Herzensclub als Attraktion für Sponsoren und Edelfans einspannen. Das genügte einem wie ihm an Aufmerksamkeit.

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