Reinhold Beckmann: Vom Sportmoderator zum Vollblutmusiker

Reinhold Beckmann: «Musik ist mein alter Sehnsuchtsort.»
Reinhold Beckmann: «Musik ist mein alter Sehnsuchtsort.»

picture alliance / dpa

18.02.2021 10:22 Uhr

Der sanfte Talker und unkonventionelle Sport-Moderator Reinhold Beckmann hat sich mittlerweile der Gitarre verschrieben. Nun wird der Hamburger 65 Jahre alt - und hat einen konkreten Wunsch.

Was Reinhold Beckmann als Journalist, Reporter, Moderator und Interviewer erlebt hat, reicht locker für mehrere Berufsleben.

Als WDR-Reporter fuhr er mit Panikrocker Udo Lindenberg 1983 in den Palast der Republik nach Ost-Berlin, als Sportmoderator hatte er die wichtigsten Fußballgrößen vor dem Mikrofon, für Sat.1 entwickelte er die Fußballsendungen „ran“ und „ranissimo“, er war lange ein Gesicht der ARD-„Sportschau“ und als Talker entlockte er Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft gern Privates und Emotionales.

Doch seit zwei, drei Jahren ist es um den gebürtigen Niedersachsen, der am 23. Februar 65 Jahre alt wird, ruhiger geworden. Zumindest im Fernsehen. Der Hamburger hat sich weitgehend von der Mattscheibe zurückgezogen, um seiner lange nur im Hintergrund gepflegten Leidenschaft frönen zu können. Der Musik.

Zu seinem 65. Geburtstag hat Beckmann deshalb vor allem einen Wunsch: „Ich wünsche mir ein normales Leben zurück. Dass die Bühnen, die Theater, die Museen wieder auf haben. Und dass die Kulturszene eine andere, eine bessere Aufmerksamkeit und Wertschätzung bekommt“ sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg.

Seinen Rückzug aus dem Sportfernsehen bereut er kein Stück. „Was mir nicht fehlt, ist der Fußball. Ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, am Spielfeldrand zu stehen und als 65-Jähriger noch die jungen Millionäre zu interviewen. Das fehlt mir null.“ Dafür genieße er das Fußball-Gucken mittlerweile viel mehr – weil er anders, entspannter schauen kann. „Weil ich es nicht mehr beruflich einordnen oder verwerten muss.“

Das Talken dagegen vermisse er manchmal durchaus. „Da habe ich ab und zu eine Art Phantomschmerz – das gestehe ich hiermit. Interviews in dieser Ausführlichkeit und der Möglichkeit, einen Gast allein über 75 Minuten zu befragen, gibt es leider im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht mehr.“

Ob Angela Merkel, Gerhard Schröder, Helmut Schmidt, Elton John, Jan Fedder, Sylvester Stallone, Cat Stevens, Natascha Kampusch – rund 2000 Gäste hatte Beckmann im Interview. Eine neue Talk-Sendung werde es dennoch aktuell nicht geben. „Ich will nur noch die Dinge tun, die mir wirklich am Herzen liegen. Und das bedeutet, hier und da mal einen Dokumentarfilm zu machen, und ansonsten steht die Musik im Vordergrund.“

Von Kollegen wurde und wird Beckmann geschätzt. Er, der einst zu den „jungen Wilden gehörte“, habe im Fernsehen „Maßstäbe gesetzt“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ über ihn – kurz nachdem er das Ende seiner Talkshow „Beckmann“ verkündet hatte. Ein „echter Draufgänger“, der später die Fußball-Berichterstattung „umkrempelte“. Er bot den Sport frischer und frecher an, prägte die moderne Art der Fußball-Präsentation.

So sieht das auch der heutige „ran“-Sportchef bei Sat.1, Alexander Rösner. Beckmann habe 1992 bei Sat.1 „ein besonderes Team (…) aus kreativen, mutigen, talentierten und fleißigen Sportjournalisten, Fußballliebhabern und TV-Machern“ zusammengestellt. Viele von ihnen würden heute an den Schalthebeln etlicher TV-Redaktionen in Deutschland sitzen. „Reinhold war nicht nur Moderator, Kommentator und Sportchef, sondern auch ein überaus erfolgreicher und knallharter TV-Manager und Programmmacher“, so Rösner weiter.

Seinen Rentenbescheid hat Beckmann schon bekommen. „Das Glück darüber hält sich aber in Grenzen. Ich habe nur neun Jahre fest angestellt gearbeitet. Aber ich werde ihn mir einrahmen zu Hause.“ Und Ruhestand ist für Beckmann ohnehin kein Thema. „Mein Vater hat uns das vorgelebt. Er hatte eine kleine Futter- und Düngemittelfabrik auf dem Land und hat dort bis zu seinem 90. gearbeitet.“

Außerdem tue ihm Arbeit gut. „Nur in die Sonne fahren und die Beine hochlegen, ist nicht mein Ding. Und Golf spielen kann ich auch nicht.“ Stattdessen gehe er lieber tageweise ins Büro. Beckmanns Firma „beckground tv“ produziert seit Jahren unter anderem Sendungen mit Sängerin und Moderatorin Ina Müller, Komiker Olli Dittrich oder Moderatorin Bettina Tietjen sowie Dokumentationen und Talk-Sendungen.

Im Moment hat er zudem alle Hände voll mit seinem neuen, dritten Album („Haltbar bis Ende“) zu tun. Das kommt im März heraus und vor wenigen Tagen hat er ein neues Video dafür gedreht. Sein letzter Auftritt liegt trotz Corona gar nicht so weit zurück. Noch Ende Januar stand er in Luxemburg auf der Bühne, um die neuen Songs zu testen. „In Luxemburg sind die Theater und Museen als Grundnahrungsmittel anerkannt und deshalb geöffnet“, so Beckmann.

Musik machen – das tut dem Hamburger, den seine Freunde Becki nennen, einfach gut. „Musik ist mein alter Sehnsuchtsort, ich genieße deshalb jedes Live-Konzert. Diese direkte Nähe zum Publikum, das ist etwas, was Fernsehen eben nicht kann.“ Vor der Corona-Pandemie war er im Jahr für 50 bis 60 Konzerte unterwegs.

Eine neue Leidenschaft ist beim Vater von zwei erwachsenen Kindern in der Corona-Zeit entbrannt. „Das Kochen ist auf jeden Fall eine Neuentdeckung der letzten 24 Monate, auch ein bisschen Lockdown-geprägt. Ich koche fast jeden Tag.“

Das will der Hamburger deshalb auch an seinem Geburtstag machen. „Die besten Partys fanden ja schon immer in der Küche statt. Aber diesmal wird es wohl eine Online-Video-Koch-Session. Das große Fest hole ich dann zum 66. nach. Dann soll ja das Leben bekanntlich ja so richtig anfangen.“