Braga ist das angesagte „Rom Portugals“

Die Stadt verliert sich im Dunst: Blick von der Wallfahrtskirche auf Braga.
Die Stadt verliert sich im Dunst: Blick von der Wallfahrtskirche auf Braga.

Manuel Meyer/dpa-tmn

14.06.2021 12:01 Uhr

Die meisten Portugal-Urlauber zieht es nach Lissabon, Porto oder an die Algarve. Braga kennen die wenigsten - ein Versäumnis. Die Stadt im Norden gilt manchen gar als das beste europäische Reiseziel 2021.

Wer Bragas bekannteste Sehenswürdigkeit sehen möchte, muss hoch hinauf: 581 Stufen. Schweißtreibende Angelegenheit. Dabei geht es auch entspannter. Besucher können sich auch in die älteste Wasserballast-Standseilbahn der Welt setzen, die sich in drei Minuten den Steilhang des Espinho-Berges hocharbeitet.

Bahnfahrer Bruno Coroas kennt die Fakten: „Seit 1882 ist sie in Betrieb und funktioniert ausschließlich mit Wasserkraft. Wir benötigen rund 80 Liter Wasser pro Passagier.“ Interessante Erfahrung. Und eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert.

Schweißtreibender Aufstieg in den Himmel

Doch das mühsame Treppensteigen lohnt sich ebenfalls. Im Zickzack führt die barocke Monumentaltreppe 116 Meter steil hinauf zur Wallfahrtskirche des Bom Jesus do Monte. Die weiß gekalkte Freitreppe aus Granitstein gilt als die schönste Portugals. Kapellen, Kruzifixe und Statuen biblischer Figuren beschreiben den Kreuzweg Jesu.

„Die Treppe symbolisiert sozusagen den Aufstieg eines Christen in den Himmel“, erklärt Varico Pereira von der katholischen Bruderschaft des Bom Jesus do Monte. Oben warten der blumengeschmückte Moses-Platz mit seinem Pelikanbrunnen und die darüber liegende Wallfahrtskirche. „Bevor Fátima weltberühmt wurde, war das Heiligtum des Bom Jesus Portugals bedeutendster Wallfahrtsort“, erinnert sich Pereira.

Die Unesco nahm das gesamte Ensemble samt Freitreppe und historischer Wasserballast-Standseilbahn 2019 in die Weltkulturerbe-Liste auf.

Der Blutstropfen des Papstes

Weiter oben wartet auf dem 564 Meter hohen Monte Espinho noch ein Highlight: die Wallfahrtskirche von Sameiro, nach Fátima das zweitgrößte Marienheiligtum in Portugal. Papst Johannes Paul II. erhob es 1964 zur Basilika. Heute wird im Inneren ein Blutstropfen des 2014 heiliggesprochenen Papstes als Reliquie aufbewahrt.

Vom Vorplatz der Basilika eröffnet sich ein imposanter Blick auf Braga hinab. Das kurz vor Christi Geburt von den Römern gegründete Bracara Augusta liegt in einer sanften Hügellandschaft. Dahinter glitzert der Atlantik in der Abendsonne. Unzählige Kirchtürme formen die Silhouette der Stadt mit rund 130.000 Einwohnern.

„Nicht umsonst wird Braga auch das Rom Portugals genannt. Lissabon ist politische Hauptstadt, Braga das spirituelle Zentrum Portugals“, sagt José Paulo Abreu, Vorsitzender der Wallfahrtsbruderschaft der Jungfrau Sameiro. Über 40 romanische, barocke und neoklassische Kirchen, Klöster und Kapellen prägen das mittelalterliche Braga.

Die Ruhestätte der Bischöfe

Die Sé ist die älteste Kathedrale des Landes. Heinrich von Burgund, Vater des ersten portugiesischen Königs Afonso Henriques, ließ sie im 12. Jahrhundert erbauen. Er ist in der „Königskapelle“ bestattet. Die Kathedrale – ein Mix aus Romanik, Gotik und Barock – ist das Wahrzeichen der Stadt. Gleich neben der Schatzkammer mit dem Eisenkreuz sind alle Bischöfe vom 3. Jahrhundert nach Christi bis heute bestattet. Braga wird daher als Stadt der Bischöfe bezeichnet. Jeder Stein scheint hier eine Geschichte zu haben.

In unmittelbarer Nähe des Bischofspalastes blüht und duftet es im Jardim de Santa Bárbara, eine der schönsten öffentlichen Gartenanlagen Portugals aus dem 17. Jahrhundert.

Konservative Pracht und wildes Nachtleben

„Auf den ersten Blick wirkt Braga wie eine schöne, aber etwas biedere, konservative Kirchenstadt. Aber das ist weit gefehlt“, sagt Daniel Pereira Cristo. Der bekannten Musiker und Gitarrist hält seine Heimatstadt sogar für ausgesprochen jung und vital.

Braga hat eine der größten Universitäten Portugals. Fast 20.000 Studenten leben hier. „Abends füllen sich die Cafés und Bars der Stadt mit Jugendlichen. Braga hat ein richtig aufregendes Nachtleben. Im Sommer finden viele Open-Air-Konzerte statt“, erzählt Cristo. Aufgrund der kirchlichen Tradition gebe es in Braga unheimlich viele Volksfeste, auf denen aber unchristlich viel und ausgiebig gefeiert werde. Die Regionalmusik wird auch ein Aspekt bei der Bewerbung Bragas zur EU-Kulturhauptstadt 2027 darstellen.

Wandern im Nationalpark vor der Stadt

Neben Nachtschwärmern und Kulturfans kommen in Braga auch Natur- und Wanderfreunde auf ihre Kosten. Vor allem im Nationalpark Peneda-Gerês vor den Toren der Stadt. Das Unesco-Biosphärenreservat fasziniert mit Eichenwäldern, Granitlandschaften, tiefen Tälern und unzähligen Wasserfällen. Hier leben iberische Wölfe, Bergziegen, Rehe und heimische Zuchttiere wie die Cachena-Kuh mit ihren langen Hörnern.

Nach so einem Wandertag kommt Hunger auf. Damit ist man in Braga genau am richtigen Ort. Im Herzen des grünen Minho-Tals zwischen Bergen und Atlantik begeistert die kräftige Regionalküche mit Wild- wie Fischgerichten. Wer kein Vegetarier ist, sollte unbedingt das für Braga typische gebackene Zicklein und die Regionalvariante des portugiesischen Kabeljaus probieren. Ein Besuch auf dem modern restaurierten Wochenmarkt gibt einen guten Eindruck von der kulinarischen Vielfalt der Region. Der Star aus Bragas Küche ist der landesweit berühmte Eier-Pudding Abade de Priscos.

Kultur, Geschichte, Nachtleben, Kulinarik, Wandern, Shopping – und alles zu Fuß erreichbar. Braga hat überraschend viel zu bieten. Das finden auch viele Reisende. Rund 600.000 Nutzer der Ranking-Webseite European Best Destinations wählten Braga zum attraktivsten Reiseziel Europas 2021. Vor Städten wie Rom, Florenz und Paris.