01.09.2020 12:00 Uhr

Warum gibt es so viele Sommerbabys?

Früher wurden mehr Kinder im Frühjahr geboren, heute sind es im Sommer mehr. Hat sich eine ganze Gesellschaft in ihrer Sexualität verändert? Oder liegt es am Klimawandel? Theorien gibt es viele - eine einfache Erklärung aber nicht.

Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa

Kinder, die in diesen Wochen auf die Welt kommen, liegen voll im Trend: Die meisten Babys werden in Deutschland in den Monaten Juli, August und September geboren. Aber wieso? Und warum gibt es überhaupt jahreszeitliche Schwankungen?

Die Wissenschaft hat darauf noch keine endgültige Antwort gefunden. Hinzu kommt: Den Trend zum Sommerbaby gibt es erst seit etwa vier Jahrzehnten, davor wurden die meisten Kinder früh im Jahr geboren. Hat sich also eine ganze Gesellschaft in ihrer Sexualität verändert? Oder sind Umwelteinflüsse verantwortlich? Auch hier stehen Forscher vor einem Rätsel. Erklärungsansätze gibt es viele, ohne Widersprüche kann aber keine der Theorien das Phänomen erklären.

2019 wurden im geburtenstärksten Monat Juli im Schnitt rund 20 Prozent mehr Kinder pro Tag geboren als im geburtenarmen Dezember: Im Juli waren es durchschnittlich 2344 Geburten pro Tag, im Dezember 1935. Noch bis in die 1970er-Jahre hinein sah die Verteilung anders aus: Damals waren Februar, März und April die stärksten Monate.

Wechsel vom Frühjahrs- zum Sommerhoch

Dass in früheren Zeiten die meisten Kinder im Frühjahr geboren wurden, werde von manchen Experten damit erklärt, dass die Gesellschaft stärker von der Landwirtschaft geprägt und von der Erntesaison beeinflusst war, sagt Sebastian Klüsener, Leiter des Forschungsbereichs Demografischer Wandel und Alterung am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). War im Sommer abzusehen, dass die Ernte gut ausfällt, konnte man sich ein weiteres Kind leisten, das neun Monate später zur Welt kam – im Frühjahr. Sex vor der Ehe war außerdem stärker tabuisiert. Daher wurden mehr Kinder nach der Hochzeit gezeugt. Und geheiratet wurde häufig im Sommer.

Dass sich das Frühjahrshoch bis in die 1970er-Jahre zog – in eine Zeit also, in der Landwirtschaft schon keine so große Rolle mehr spielte – könnte laut Klüsener damit zusammenhängen, dass Gesellschaften aus Tradition an Verhalten festhalten, selbst wenn dieses gar keinen Sinn mehr macht. „Weil es immer schon so gemacht wurde.“ Der Wechsel vom Frühjahrs- zum Sommerhoch begann in Deutschland tatsächlich in einer Zeit, in der Tradition hinterfragt und Sexualität enttabuisiert wurde.

Mehr geplante Geburten durch die Pille

In den 60er-Jahren kam die Pille auf den Markt, auch der Zugang zu anderen Verhütungsmethoden wurde erleichtert, wie Joshua Wilde vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung erklärt. Der Anteil ungewollter Schwangerschaften nahm ab, Geburten wurden planbarer. Allerdings: Studien zufolge würden sich die meisten Eltern eine Geburt im Frühjahr oder Frühsommer wünschen, sagt Wilde. Mehr geplante Geburten müssten also eigentlich zu noch mehr Geburten in Februar, März und April führen und das Frühjahrshoch sogar noch verstärken.

Solche Widersprüche tauchen immer wieder auf, wenn man sich Theorien zu den Geburtenzahlen anschaut. „Es gibt all diese Erklärungen“, sagt Wilde. Aber keine scheine wirklich gut mit den Daten in Einklang zu bringen zu sein. Manche Hypothesen sehen biologische Faktoren wie die Spermaqualität im Vordergrund, andere Umwelteinflüsse wie Tageslänge und Sonnenstrahlung. Wilde untersucht den Einfluss des Klimawandels auf die saisonale Geburtenverteilung. Er halte für überzeugend, dass er hinter dem Phänomen stecken könnte.

Kein rein deutsches Phänomen

Der Wechsel vom Frühjahr zum Sommer ist jedenfalls kein rein deutsches Phänomen: Die meisten europäischen Länder und zum Beispiel auch die USA haben – mal früher, mal später – einen ähnlichen Wandel durchlebt. Und US-Forscher haben in einer Studie einen Zusammenhang zwischen dem Breitengrad eines Landes und dem geburtenstärksten Monat festgestellt. Faustregel: Je nördlicher, desto früher im Jahr. Wenn es in den Tagen um die Zeugung besonders heiß sei, gebe es mehr Fehlgeburten, sagt Wilde. In einer immer wärmeren Welt mit mehr Hitzewellen gebe es daher tendenziell weniger erfolgreiche Schwangerschaften im Sommer und damit weniger Geburten im Frühjahr.

Ganz ohne zusätzliche kulturelle und soziale Einflüsse wird das Phänomen damit aber wohl nicht zu erklären sein. Denn zwei benachbarte Länder – also mit ganz ähnlichem Klima – veränderten sich zeitlich versetzt: die alte Bundesrepublik und die DDR. Während im Westen bereits Anfang der 80er der Wechsel vom Frühling zum Sommer vollzogen war, veränderte sich der Osten zunächst nur langsam. Erst nach der Wiedervereinigung, seit den 90er-Jahren, überwiegen auch dort die Sommergeburten.

Aber ist die Rechnung nicht vielleicht ganz simpel? Kommen nicht einfach neun Monate, nachdem die Menschen am meisten miteinander schlafen, die meisten Kinder zur Welt? So einfach dürfte es nicht sein. Denn laut Berufsverband der Frauenärzte zeigt die Erfahrung, dass neun von zehn Schwangerschaften Wunsch-Schwangerschaften sind. Außerdem gibt es laut Demografieforscher Wilde ausgerechnet beim Thema Sex wenig Datenmaterial, vor allem was sensiblere Fragen wie den Zeitpunkt angeht.

Der Einfluss von Weihnachten

Vielversprechende Hinweise scheint es auf den Einfluss von Weihnachten zu geben. Schließlich werden neun Monate nach den Feiertagen – im September – im Schnitt der letzten 40 Jahre die meisten Kinder geboren. Und selbst vorher gab es neben dem Frühjahrshoch ein kleines Zwischenhoch im September.

Tatsächlich fand ein israelischer Wissenschaftler heraus, dass es bei jüdischen und muslimischen Frauen kein Geburtenhoch neun Monate nach Weihnachten gab. Ein Einfluss von Weihnachten in christlich geprägten Ländern liegt also auf der Hand. Eine Theorie: Früher waren vor allem die Sommerferien wichtig. Die Bedeutung der Freizeit um Weihnachten nahm aber zu. Daher wurden in dieser Zeit – in der ohnehin schon viele Kinder gezeugt wurden – noch mehr Frauen schwanger. Das könnte die Zunahme der Sommergeburten neun Monate später begründen. Allerdings: Auch Länder auf der Südhalbkugel – wo Weihnachten in den jahreszeitlichen Sommer fällt – haben einen Wandel zu mehr Geburten im Sommer und Herbst gemacht. Weihnachten greift als Erklärung hier nicht. Es bleibt also spannend. „Die Wissenschaft weiß es nicht“, so Wilde. „Aber wir haben einige interessante Ideen.

Unbestritten ist zumindest: Der Geburtsmonat kann handfeste Auswirkungen auf das Leben eines Menschen haben. Einer Studie norwegischer Wissenschaftler zufolge tun sich jüngere Kinder tendenziell schwerer in der Klasse – der Schulerfolg kann demnach mit vom Einschulungsstichtag abhängig sein. In einer anderen Studie wurde ein Zusammenhang zwischen Geburtsmonat und Lebenserwartung in der älteren Bevölkerung nachgewiesen: Herbstkinder leben demnach im Mittel etwas länger als Frühlingskinder.

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