Wie Schüler unter dem Lockdown leiden

Homeschooling erfordert viel Unterstützung durch die Eltern. Fehlt diese, werden die Kinder weiter abgehängt.

Nicolas Armer/dpa

08.02.2021 10:09 Uhr

Wie hält man einen Stift? Wie geht man mit Leuten um, die so ganz anders ticken als man selbst? Manche Dinge können Lehrer ihren Schülern im Fernunterricht einfach nicht beibringen. Experten und Lehrer schlagen nach knapp zwei Monaten im Lockdown Alarm.

Wenn er wieder einmal in den schwarzen Bildschirm hineinspricht, frage er sich schon, wer ihm jetzt eigentlich zuhöre. Alle seine Schüler ließen im Online-Unterricht die Kameras aus, sagt ein Lehrer an einer weiterführenden Schule nördlich von Freiburg, der lieber anonym bleiben will.

„Viele loggen sich erst ein und schalten dann ab.“ Gerade erst habe er eine Stunde lang mit einem Schüler telefoniert, um den er sich besondere Sorgen mache: „Der hat totale Motivationsprobleme und liegt nur im Bett und kommt nicht mehr raus.“

Der Lockdown macht der Gesellschaft als Ganzes zu schaffen, doch Schüler und Schülerinnen leiden besonders – da sind sich viele Lehrer und Psychologen einig. Seit Mitte Dezember sind die Schulen dicht, mal abgesehen von Notbetreuungsangeboten. Eine klare Perspektive, wie es weitergeht, gibt es bislang nicht. Am Mittwoch (10. Februar) wird das Thema Schulöffnungen jedoch bei der Ministerpräsidentenkonferenz sicher wieder diskutiert werden.

Viele Schüler tauchen ab

Schulpsychologen sind schon länger in Sorge. Immer mehr Schüler verweigerten sich dem Unterricht komplett, tauchten ab und seien nicht mehr erreichbar, erklärt der Landesverband Schulpsychologie Baden-Württemberg. Manche brächen gar die Schule ab – und viele Hilfsangebote griffen derzeit nicht. „Wir schieben eine Bugwelle an Beratungen und Testungen vor uns her.“ Zwar gebe es telefonische und digitale Beratungen. Doch manches gehe eben nur in Präsenz: etwa interaktive Methoden zur Konfliktlösung oder Hilfe bei Prüfungsangst, oder Testungen bei Rechenschwäche oder Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.

Ein zentrales Problem für viele Schüler im Fernunterricht ist es nach Expertensicht, sich immer wieder selbstständig aufzuraffen. „Für eine hohe Motivation ist es nämlich wichtig, dass sich Schülerinnen und Schüler sozial eingebunden fühlen“, sagt Jörg Wittwer, Professor für Empirische Lehr- und Lern-Forschung an der Universität Freiburg. Diese Eingebundenheit sei wegen der Corona-Einschränkungen stark beeinträchtigt.

Damit Lernen im Lockdown dennoch gelingen könne, sei es wichtig, dass Schüler trotz allem eine aktive Rolle übernehmen könnten – zum Beispiel, indem sie Erklärvideos für ihre Mitschüler aufnähmen. Lernmaterialien müssten unmittelbar verständlich sein, sagt Wittwer. Zudem sollte das Lehrpersonal den Schülerinnen und Schülern den Nutzen des Lernstoffs für die eigene Lebenswelt verdeutlichen.

Viele Kindern fehlt Unterstützung zu Hause

Besonders schwierig dürfte das bei den Jüngsten sein. Eine Grundschullehrerin aus dem Ortenaukreis berichtet, dass ausgerechnet ihre schwächeren Schüler weiter abgehängt würden. Zuhause fehlten oft die Unterstützung, der Platz zum Lernen oder schlicht passende Geräte. „Ich sehe großes Leid in den Familien.“ Manche Erstklässler könnten nach ihren wenigen Monaten Präsenzunterricht noch nicht den Stift korrekt halten und wüssten nicht, wo man im Schulheft schreibt und wo nicht. Lesenlernen sei aus der Distanz quasi unmöglich.

Bei älteren Schülern sieht der Kinderschutz-Verein „Initiative Familien“ wieder ein anderes Problem: Kinder der höheren Klassenstufen hätten keinen Anspruch auf Notbetreuung. Viele von ihnen seien deshalb seit Wochen stundenlang täglich allein zuhause. „Da passiert vielleicht nichts Schlimmes, aber das ist eine Wahnsinnsüberforderung“, sagt Zarah Abendschön-Sawall, Landessprecherin der Initiative, die sich nach eigenen Angaben während der Corona-Pandemie gegründet hat. Die Kinder – 12, 13, 14 Jahre alt – müssten selbst ihren Alltag strukturieren, sich Essen zubereiten, Technikprobleme lösen, damit der Online-Unterricht funktioniere. „Man behandelt diese Kinder, als wären sie Erwachsene.“

Der Lehrer, der so oft vor schwarzem Bildschirm unterrichtet, fürchtet Langzeitfolgen. „Dieses Lernen von sozialem Umgang, das hat man jetzt lang nicht gehabt – das Agieren in der Klassengemeinschaft, das persönliche Auseinandersetzen mit Leuten, die einem eher unähnlich sind. Ich könnte mir vorstellen, dass uns das noch jahrelang beschäftigt.“

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