4LYN: Die Hamburger Derwische haben ein neues Album am Start

Songs raushauen, die endlich mal wieder richtig pushen, auf die Tanzfläche ziehen und nicht lockerlassen, eh man völlig fertig am Tresen nach Luft schnappt. Die Platte abliefern, die dich in der Straßenbahn weinen lässt oder sich nach Flagge-Zeigen auf der Demo anfühlt: „Someone’s Got 2 Do It“ heißt die Hymne dazu und dieser „Someone“ sind 4LYN. Die Hamburger Traditions-Kontrovers-Band ist nicht nur mit ihrem sechsten Album „Quasar“ (kommt am 11. Mai) zurück, sondern mit viel mehr: mehr Spaß, mehr Edge, mehr schlauen Texten, mehr lässigem Groove und echter Attitüde: „Die ganze Welt ist im Wandel, noch nie wurde global so viel gleichzeitig demonstriert. `Someone’s...´ ist ein Aufbruchsong, der Motivation gibt und mitreißt selbst aufzustehen, um Veränderungen einzufordern,“ da sind sich Ron, Björn, Sascha und Dennis einig. Von den deutschen Nu Metallern erster Stunde zur Protest-Band? „Ne, 4LYN war nie eine politische Band. Aber aktuell muss man einfach Haltung annehmen, mitkämpfen - und wir liefern den Soundtrack dazu.“ Ganz schön ausgeschlafen ist die Band, deren Texte vorzugsweise morgens zwischen 8°° und 11°° entstehen. Gelernt und geschrieben haben 4LYN für „Quasar“ vom Leben, davon verstehen sie was und genau deshalb versteht man die 4LYN Songs so gut. So entstehen Lieder über das schöne Alleinsein („When Alone“), die großen, gescheiterten und zweifelhaften Liebesbekundungen („My Guide“, „Both Of Us“ „Frost“). Man plädiert dafür, den Rücken gerade zu machen („I Am A Phantom“), erzählt von Promi-Leid („Jewellery Store“) und dem Wieder-in-die-Spur-finden („Train 2.0“). Themen, die die ganze Band gerade bewegen. Die erste Single „Club Exploitation“ (kam letzte Woche raus), absichtlich getarnt als Happy Song, offenbart ihren Sinn, tauscht man die Worte: „Hier geht es noch einmal um die Protestbewegungen: der kleine Mann gegen den großen Mann. Eine Gruppe von Leuten entscheidet was das Gros der Menschheit für sie machen soll. So sehr wir auch strampeln, wir bleiben immer die aussichtslosen Goldsucher.“ Auch 4LYN erleben die Macht des schnöden Mammons am eigenen Leib. Bereits im September 2009 schreiben sie „M.O.N.E.Y.“, denn seit 2008 durchlebt die Band turbulente Zeiten. Drei Jahre dauerte die endgültige Trennung vom alten Label und Management, die auch persönlich schmerzte. Dabei lief vorher alles super: Zehn Jahre touren sie die großen Bühnen, während jedes ihrer fünf Alben in die Charts schießt. Über 450 Konzerte in 15 Ländern bestritten 4LYN bis dato, gefeiert in Shanghai, L.A. und als einziger Support für Guns N' Roses in Istanbul. Acht Headliner-Touren und unzählige Supports für Bands wie New Model Army, Papa Roach, Mudvayne oder Thumb, dürfen sich die Nordlichter auf die Fahnen schreiben. Alle wollen mit dem Hamburger Jungherrenwunder auf der Energie-Welle surfen, die 4LYN freisetzen, bei jedem ihrer Gigs aufs Neue. Im Film „Check It Out“ spielen sie eine Band namens „Ikarus“, fliegen wie dieser hoch, höher – und stürzen ab. „Eben noch auf der Rock Am Ring-Bühne, jetzt auf Jobsuche, das war schon schräg für uns alle. Wir steckten plötzlich fest und für einen Moment wirkte es so, als würde diese Zeit nie vorübergehen“, erinnert sie sich heute. Trotzdem: Eine Entscheidung steht wie in Stein gemeißelt: Wir machen weiter! „Es war nicht einfach in den zweiten Bandfrühling aufzubrechen, dieses leichte, aufatmende Gefühl wiederzufinden, aber jetzt ist es da und wir schauen in eine rosige Zukunft.“ Mitverantwortlich für den neugeschöpften Optimismus ist der - gar nicht mehr so - Neuzugang Dennis Krüger. Seit 2008 an der Gitarre, gibt er auf „Quasar“ jetzt sein 4LYN-Albumdebüt: „Dennis ist ein echter Glücksfall! Ein sehr produktiver Mann, der nicht lange theoretisiert sondern Vollgas gibt, so’n richtiger Breitbein-Rocker.“ Zum dritten Mal mit von der Partie ist Produzent und Freund Chris Wolff (Sub7even, Within Temptation, Oomph!): „Chris ist das fünfte Bandmitglied. Er hat ein wahnsinniges Verständnis für Emotionen und arbeitet großartig mit Musikern zusammen. Die Songs behandelt er weder mit der Brechstange, noch mit Wattebäuschen, einfach in perfekter Balance.“ Also „Same procedure as last time“? Mitnichten, denn „Quasar“ beschreitet ganz eigene Wege, ohne Angst anzuecken, nur die Richtung ist klar: einmal Zukunft bitte – und kein Zurück! Pop Appeal und Future Rock, Arrangements mit Mönchschor, coole Programmings, treibend dreckige Straßenbeats – alles ist drin. Songwriting ist Gemeinschaftssache im Lager der Fischköppe, deren Musikgeschmack privat wenig Schnittmengen hat. Kein Wunder also, dass „Quasar“ gelegentlich von The Prodigy, Daft Punk und Placebo, bis hin zu Depeche Mode, Public Enemy oder gar Billy Joel oszilliert, ohne sich irgendwo wirklich anzulehnen: 4LYN sind stark, schön und mutig genug musikalisch für sich zu stehen – seit Langem schon und jetzt erst recht. Geheimnisvoll nach Zukunft und Kosmos, wahlweise Physikunterricht, klingt auch der Titel: „Quasar“. Was ist das denn? Quasar leitet sich von „quasistellares Objekt“ ab. Quasi sagt man immer dann, wenn man nicht genau weiß, was es ist. Und genau das wollen 4LYN: das Album in keine Genre-Schublade sperren, keine Zeigefinger-Titel, keine Egozentrik. Emotional unbelegt ist „Quasar“ der Grundstein für die kategoriefreien, neuen, positiven und ja auch stolzen 4LYN. Ein Stern der keiner ist, aber ungeheure Energiemengen und Licht freisetzt: „Das passt so gut zu uns. Wir scheinen zwar hell und werden als Rockstars deklariert, aber so richtige Stars sind wir nicht. Bevor all’ das los ging, ganz am Anfang, saßen wir Mal auf so `nem Kraut und Rüben Festival in einem Zelt und über uns hingen diese indischen Papiersterne, die es auf jedem Weihnachtsmarkt gibt, als irgendjemand sagte: Ey, 4LYN stehen echt unter einem guten Stern.“ Fotos: Sven Sindt

08.05.2012 14:59 Uhr

Songs raushauen, die endlich mal wieder richtig pushen, auf die Tanzfläche ziehen und nicht lockerlassen, eh man völlig fertig am Tresen nach Luft schnappt. Die Platte abliefern, die dich in der Straßenbahn weinen lässt oder sich nach Flagge-Zeigen auf der Demo anfühlt: „Someone’s Got 2 Do It“ heißt die Hymne dazu und dieser „Someone“ sind 4LYN.

Die Hamburger Traditions-Kontrovers-Band ist nicht nur mit ihrem sechsten Album „Quasar“ (kommt am 11. Mai) zurück, sondern mit viel mehr: mehr Spaß, mehr Edge, mehr schlauen Texten, mehr lässigem Groove und echter Attitüde: „Die ganze Welt ist im Wandel, noch nie wurde global so viel gleichzeitig demonstriert. `Someone’s…´ ist ein Aufbruchsong, der Motivation gibt und mitreißt selbst aufzustehen, um Veränderungen einzufordern,“ da sind sich Ron, Björn, Sascha und Dennis einig. Von den deutschen Nu Metallern erster Stunde zur Protest-Band? „Ne, 4LYN war nie eine politische Band. Aber aktuell muss man einfach Haltung annehmen, mitkämpfen – und wir liefern den Soundtrack dazu.“

Ganz schön ausgeschlafen ist die Band, deren Texte vorzugsweise morgens zwischen 8°° und 11°° entstehen. Gelernt und geschrieben haben 4LYN für „Quasar“ vom Leben, davon verstehen sie was und genau deshalb versteht man die 4LYN Songs so gut. So entstehen Lieder über das schöne Alleinsein („When Alone“), die großen, gescheiterten und zweifelhaften Liebesbekundungen („My Guide“, „Both Of Us“ „Frost“). Man plädiert dafür, den Rücken gerade zu machen („I Am A Phantom“), erzählt von Promi-Leid („Jewellery Store“) und dem Wieder-in-die-Spur-finden („Train 2.0“).

Themen, die die ganze Band gerade bewegen. Die erste Single „Club Exploitation“ (kam letzte Woche raus), absichtlich getarnt als Happy Song, offenbart ihren Sinn, tauscht man die Worte: „Hier geht es noch einmal um die Protestbewegungen: der kleine Mann gegen den großen Mann. Eine Gruppe von Leuten entscheidet was das Gros der Menschheit für sie machen soll. So sehr wir auch strampeln, wir bleiben immer die aussichtslosen Goldsucher.“

Auch 4LYN erleben die Macht des schnöden Mammons am eigenen Leib. Bereits im September 2009 schreiben sie „M.O.N.E.Y.“, denn seit 2008 durchlebt die Band turbulente Zeiten. Drei Jahre dauerte die endgültige Trennung vom alten Label und Management, die auch persönlich schmerzte. Dabei lief vorher alles super: Zehn Jahre touren sie die großen Bühnen, während jedes ihrer fünf Alben in die Charts schießt. Über 450 Konzerte in 15 Ländern bestritten 4LYN bis dato, gefeiert in Shanghai, L.A. und als einziger Support für Guns N‘ Roses in Istanbul. Acht Headliner-Touren und unzählige Supports für Bands wie New Model Army, Papa Roach, Mudvayne oder Thumb, dürfen sich die Nordlichter auf die Fahnen schreiben.

Alle wollen mit dem Hamburger Jungherrenwunder auf der Energie-Welle surfen, die 4LYN freisetzen, bei jedem ihrer Gigs aufs Neue. Im Film „Check It Out“ spielen sie eine Band namens „Ikarus“, fliegen wie dieser hoch, höher – und stürzen ab. „Eben noch auf der Rock Am Ring-Bühne, jetzt auf Jobsuche, das war schon schräg für uns alle. Wir steckten plötzlich fest und für einen Moment wirkte es so, als würde diese Zeit nie vorübergehen“, erinnert sie sich heute. Trotzdem: Eine Entscheidung steht wie in Stein gemeißelt: Wir machen weiter! „Es war nicht einfach in den zweiten Bandfrühling aufzubrechen, dieses leichte, aufatmende Gefühl wiederzufinden, aber jetzt ist es da und wir schauen in eine rosige Zukunft.“

Mitverantwortlich für den neugeschöpften Optimismus ist der – gar nicht mehr so – Neuzugang Dennis Krüger. Seit 2008 an der Gitarre, gibt er auf „Quasar“ jetzt sein 4LYN-Albumdebüt: „Dennis ist ein echter Glücksfall! Ein sehr produktiver Mann, der nicht lange theoretisiert sondern Vollgas gibt, so’n richtiger Breitbein-Rocker.“ Zum dritten Mal mit von der Partie ist Produzent und Freund Chris Wolff (Sub7even, Within Temptation, Oomph!): „Chris ist das fünfte Bandmitglied. Er hat ein wahnsinniges Verständnis für Emotionen und arbeitet großartig mit Musikern zusammen. Die Songs behandelt er weder mit der Brechstange, noch mit Wattebäuschen, einfach in perfekter Balance.“

Also „Same procedure as last time“? Mitnichten, denn „Quasar“ beschreitet ganz eigene Wege, ohne Angst anzuecken, nur die Richtung ist klar: einmal Zukunft bitte – und kein Zurück! Pop Appeal und Future Rock, Arrangements mit Mönchschor, coole Programmings, treibend dreckige Straßenbeats – alles ist drin. Songwriting ist Gemeinschaftssache im Lager der Fischköppe, deren Musikgeschmack privat wenig Schnittmengen hat. Kein Wunder also, dass „Quasar“ gelegentlich von The Prodigy, Daft Punk und Placebo, bis hin zu Depeche Mode, Public Enemy oder gar Billy Joel oszilliert, ohne sich irgendwo wirklich anzulehnen: 4LYN sind stark, schön und mutig genug musikalisch für sich zu stehen – seit Langem schon und jetzt erst recht.

Geheimnisvoll nach Zukunft und Kosmos, wahlweise Physikunterricht, klingt auch der Titel: „Quasar“. Was ist das denn? Quasar leitet sich von „quasistellares Objekt“ ab. Quasi sagt man immer dann, wenn man nicht genau weiß, was es ist. Und genau das wollen 4LYN: das Album in keine Genre-Schublade sperren, keine Zeigefinger-Titel, keine Egozentrik.

Emotional unbelegt ist „Quasar“ der Grundstein für die kategoriefreien, neuen, positiven und ja auch stolzen 4LYN. Ein Stern der keiner ist, aber ungeheure Energiemengen und Licht freisetzt: „Das passt so gut zu uns. Wir scheinen zwar hell und werden als Rockstars deklariert, aber so richtige Stars sind wir nicht. Bevor all’ das los ging, ganz am Anfang, saßen wir Mal auf so `nem Kraut und Rüben Festival in einem Zelt und über uns hingen diese indischen Papiersterne, die es auf jedem Weihnachtsmarkt gibt, als irgendjemand sagte: Ey, 4LYN stehen echt unter einem guten Stern.“

Fotos: Sven Sindt