Sonntag, 23. Juni 2019 17:04 Uhr

Adel Tawil über skandalträchtige Zeiten, Vaterfreuden und „Alles lebt“

Adel Tawil

Gerade erschien das dritte Solo-Album des ehemaligen Ich+Ich-Sängers Adel Tawil. Auf „Alles lebt“ flirtet der 40-jährige Berliner mit jeder Menge urbanen Sounds und zeigt Haltung. Im Interview spricht er über skandalträchtige Zeiten, Vaterfreuden und Familienplanung, Rassismus und den schärferen Ton in Deutschland sowie eine Atombombenwarnung.

Adel Tawil über skandalträchtige Zeiten, Vaterfreuden und "Alles lebt"

Foto: Sebastian Magnani

Herr Tawil, die letzten Jahre waren sehr turbulent und mitunter dramatisch bei Ihnen. Da war Ihr Halswirbelbruch…
Nach dem Unfall im Pool war ich erst mal total ausgebremst. Das war ein beschissener Moment. Ich bin seither vorsichtiger geworden.

Da war Ihre Scheidung von Schauspielerin Jasmin Tawil
Ich bin diesbezüglich auf jeden Fall ein gebranntes Kind. Das war eine persönliche Niederlage und sehr enttäuschend. Vor allen Dingen, dass es unabhängig von mir so nach außen getragen wurde.

Trotzdem gab es viele Schlagzeilen.
Ja, das war heftig und eine neue Erfahrung, dass medial derart losgefeuert wurde. Ich habe da nicht mitgespielt und war trotzdem schockiert, dass dies eine derartige Dynamik bekam, obwohl man selbst überhaupt nicht beteiligt ist.

Und deshalb halten Sie Ihr Privatleben nun unter Verschluss?
Grundsätzlich bin ich ein sehr offener Mensch, aber nach der Erfahrung spreche ich über bestimmte Sachen nicht mehr.

Ihre neue Platte heißt “Alles lebt“. Was lebt denn alles?
Im Titelsong geht es darum, dass alles in der Welt verbunden ist und alle miteinander. Das ist für mich – gerade in diesen unruhigen Zeiten – so eine schöne, positive Aussage. Denn egal, woher jemand kommt, wie er denkt, wie er liebt, wie er ist – alles ist eins. Die Pflanzen- und Tierwelt natürlich miteingeschlossen.

Sie sind mittlerweile Vater geworden, was Sie im Song “Neues Ich“ thematisieren.
Ja, Zuhause ist auch reichlich Leben! Es war eine bewusste Entscheidung, wir wollten Eltern werden. Nach dem Unfall mit Halswirbelbruch hätte ich auch den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen oder tot sein können. Es ist noch mal gut gegangen, aber ich habe mich damals gefragt: “Was willst du von deinem Leben? Was ist deine Idealvorstellung?“ Mein 40. Geburtstag stand bevor, und ich hatte mir schon mit 20 gesagt: Bis 40 kannst du Halligalli machen, und dann wirst du Papa!

Und wenn Sie sich etwas vornehmen, dann klappt das auch?
Ich bin auf jeden Fall zielstrebig! Aber das Thema Familiengründung hat mich immer schon begleitet. Und seitdem ich Vater bin, habe ich wirklich einen Gang zurückgeschaltet – mein Motorcross-Bike hatte ich zuvor schon verkauft. Wenn ich vorher gewusst hätte, wie schön sich das Vatersein anfühlt, hätte ich wahrscheinlich heute schon fünf Kinder.

Adel Tawil über skandalträchtige Zeiten, Vaterfreuden und "Alles lebt"

Foto: Sebastian Magnani

Das ist der Plan?
Ich habe immer gesagt, wenn beide Geschlechter da sind, dann muss das reichen. Das kann natürlich bei zwei Kindern klappen, kann aber auch bedeuten, dass du vier Anläufe brauchst bis ein Junge und ein Mädchen da ist. Auch da bin ich zielstrebig.

In “Wohin soll ich gehen?“ geht es auch um Kinder, um Migrantenkinder. Sie stellen sich die Frage, wohin diese denn gehen sollen, wenn sie hier geboren sind.
Das Thema war mir wichtig. Ich bin in Berlin geboren, bin Sänger, liebe die deutsche Sprache. Das ist mein Land, meine Heimatstadt – ich bin ein Berliner Junge. Aber dann gab es eine Situation in Dresden, wo ich privat ein Konzert besuchte. Ich war in meinem Stamm-Hotel und wollte am nächsten Morgen mit meinem Hund raus. Und dann kam der Concierge zu mir und meinte: “Ja, sind Sie denn alleine heute, Herr Tawil? Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, denn heute ist Montag, und am Montag ist Pegida-Demonstration. Da kann es zu verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen kommen.“

Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Ich dachte nur: Das ist doch nicht die Visitenkarte, die wir abgeben wollen in diesem Land! Der Ton hat sich schon krass verändert. Jeder kann wählen wen er möchte, aber es gibt keine Legitimation, dass eben ein paar radikale Chaoten denken, sie dürfen alles – das find ich schlimm. Meine Schwester hat tatsächlich vor zwei Jahren eine heftige Geschichte erlebt: Sie wurde mit ihren Kindern in der Bahn beschimpft. In Berlin, am helllichten Tag, und es hat keiner der Anwesenden etwas dagegen unternommen.

Ist Ihnen so was auch schon mal passiert?
Ich bin in Berlin-Siemensstadt groß geworden. Das war immer multikulti, da hast du so etwas nicht erlebt. Aber ich frage mich manchmal, wie es jetzt wohl wäre.

Deshalb haben Sie diesen Song geschrieben?
Ja, denn ich wollte kein Lied machen, in dem ich den Zeigefinger erhebe und sage: “Ihr seid alle dumm und raus mit euch Typen.“ Ich wollte dem mit Liebe begegnen und einfach vor dieser Person stehen und fragen: “Okay, wo soll ich denn hingehen deiner Meinung nach? Ich erfahre Liebe übers ganze Land hinweg, von Nord bis Süd, von Ost nach West. Die Leute kommen auf die Konzerte, die freuen sich, wenn ich da bin. Selbst wenn ich privat in Deutschland unterwegs bin, und das bin ich oft, kommen mir alle mit Liebe entgegen. Und du willst mir sagen, dass du mich hier nicht haben willst?“

Ist das Lied “Atombombe“ als Weckruf zu verstehen?
Das beruht auf einer wahren Begebenheit! Wir waren für Songwriting-Sessions auf Hawaii. Auf einmal bimmeln alle unsere Handys, und wir erhalten eine Raketen-Warnung mit der Anweisung, Schutz zu suchen. Ich hatte vor der Reise schon ein ungutes Gefühl, weil es dieses Säbelrasseln zwischen Kim Jong-un und Trump gab und Hawaii von Nordkorea aus das erste Ziel ist.

Adel Tawil über skandalträchtige Zeiten, Vaterfreuden und "Alles lebt"

Foto: Sebastian Magnani

Sie dachten, es wäre ein Atombombenangriff?
Ja, es war ein Stück weit dramatisch, denn wir wussten überhaupt nichts. Auf der Straße brach schon Panik aus. In O?ahu, wo die großen Hotels sind, sind die Menschen völlig durchgedreht, haben alles umgeschmissen, Kinder in den Gully gesteckt – da war Massenpanik!

Wie ist das, wenn man dem Weltuntergang quasi ins Gesicht sieht?
Ich habe in der Situation versucht, ruhig zu bleiben. Der eine oder andere hat dann angefangen, seine Familie anzurufen. Wir hatten eine Yogalehrerin dabei, die seit 40 Jahren im Wald auf Hawaii lebt. Die hat die ganze Zeit gesagt: “Ich spüre nichts. Ich würde es spüren, wenn eine Gefahr droht.“ Und wir dachten so: “Ja, es mag sein, dass du die krasseren Antennen hast als wir Großstadtkinder, aber verlassen wollen wir uns darauf auch nicht.“ Wir fuhren zum Sheriff, dann zum Krankenhaus. Dort meinte man dann schon, dass es wahrscheinlich ein Fehlalarm wäre. Nach 38 Minuten kam dann die Entwarnung aufs Handy. Für uns ist das sonst ja alles weit weg, so nach dem Motto: Krieg, der wird doch nicht wirklich wieder in Europa passieren? Aber es ist fragil, denn es ist wirklich so: Es kann super-schnell gehen. Und das wurde mir dort schlagartig bewusst.

 

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