Samstag, 20. Juli 2019 19:11 Uhr

Album-Kritik: Xavier Naidoo kehrt aus dem Abseits zurück

Foto: T. Mardo

Xavier Naidoo geht auf Nummer sicher. Nach den Konflikten um seine Auftritte und Äußerungen stellt der Mannheimer Soul- und Popsänger ein Album vor, das eher ein gutes Gefühl, den Hip-Hop und Rap zelebriert. Skandal? Fehlanzeige.

Album-Kritik: Xavier Naidoo kehrt aus dem Abseits zurück

Foto: T. Mardo

Keine Politik, kaum Religion – nur Liebe, Sehnsucht und Romantik, Pathos und ein wenig Pose. Xavier Naidoos neue Soloplatte „Hin Und Weg“ kommt als Soundtrack für Verliebte und ein wenig Verlorene daher – und das dürfte vor allem im Mannheimer Rathaus erleichtert aufgenommen worden sein.

Denn in der Heimatstadt des Pop- und Soulsängers hatte sich eine Krisensitzung an die andere gereiht, nachdem Naidoo vor zwei Jahren vorgeworfen worden war, mit einem Song rechtsextremes und verschwörungstheoretisches Gedankengut zu bedienen. Sein achtes Studioalbum kommt nun deutlich entschärft daher.

Xavier ist vorsichtiger

Naidoo ist vorsichtig geworden, er geht auf Nummer sicher. Die scharfe Kritik an seinen Äußerungen und seinem Auftreten in den vergangenen Jahren dürften Spuren hinterlassen haben. Geblieben ist ein typischer Sound, eine unverwechselbare Stimme, ein recht abwechslungsreicher Mix – ein bisschen Soul oder Pop, vor allem aber Anklänge an Hip-Hop und Rap. Naidoo arbeitet bei „Hin Und Weg“ mit MoTrip und Chefket zusammen, und er lässt den derzeit überaus erfolgreichen Rapper Kontra K ans Mikrofon.

Nur zwischen den Zeilen und mit sehr viel Willen lässt sich der eine oder andere Verweis auf vergangene Debatten heraushören. „Ich danke allen Menschen“, singt Naidoo zum Beispiel im gleichnamigen Song, „die mich zu dem machten, der ich bin, den guten wie den schlechten. Vielleicht hatten sie nie Böses im Sinn“. Er singt von Tiefschlägen und vom Hochloben und von „Menschen, die Dich bekämpfen“.

Die 14 Lieder auf „Hin Und Weg“ sind vor allem getragen von persönlichen Empfindungen. Ein neuer Song wie der scharf gescholtene Titel „Marionetten“ (2017) mit den Söhnen Mannheims, für dessen Textpassagen sich Naidoo vorwerfen lassen musste, ein Rechtspopulist zu sein? Fehlanzeige.

Keine Verschwörer-Texte mehr

Brachiale Metaphern von Krieg, Armageddon und Söldnern? Kaum eine Spur. Naidoo tobt sich nicht mehr verschwörungstheoretisch aus, sondern konzentriert sich auf das, was er am besten kann: auf’s Singen, auf seine konkurrenzlose, bisweilen etwas weinerliche Stimme, auf die eine oder andere Soundtüftelei.

Album-Kritik: Xavier Naidoo kehrt aus dem Abseits zurück

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Glatt arrangiert singt sich Naidoo soulig durch Liebeskummer, er feiert „Diese Eine“, würdigt seine Mutter („Königin“) gemeinsam mit Chefket – und bleibt dabei eingängig, im Rahmen des Erwartbaren. Mit „Gute Zeiten“ pendelt Naidoo an der Seite von MoTrip zwischen Pop und Hip-Hop. „Mein Glück ist besiegelt“ kommt als Klavierballade daher, bei „Welt“ greift Rapper Kontra K zum Mikrofon.

Schafft er es wieder zurück ins Radio?

Es könnte für Naidoo schwer werden, mit einem der neuen Songs in der Wiederholungsschleife der Radiosender und in den Hitparaden zu landen. Das neue Album ist eingängig und fehlerfrei produziert – ein echter Hit, der die Massen mitnimmt, ist aber nicht dabei. Es könnte damit an die Erfahrungen des siebten Studioalbums „Für Dich“ anschließen, mit dem Naidoo – anders als in all den Jahren zuvor – nicht auf dem Spitzenplatz der Charts landete.

Sechsmal hintereinander hatte er mit seinen Alben Platz eins belegt, auch Auskopplungen wie „20 Meilen“, „Wo willst du hin“ und der Fußball-WM-Gassenhauer „Dieser Weg“ waren Karriere-Meilensteine oder zumindest kommerzielle Erfolge. Danach sorgte er vor allem abseits der Musik für Gesprächsstoff. Ein Ruf als christlicher Fundamentalist eilte ihm jahrelang voraus. Immer wieder musste sich der einst größte deutsche Popsänger auch gegen Antisemitismus-Vorwürfe wehren – vor Gericht zumindest erfolgreich.

Ins politische Abseits manövrierte sich der mittlerweile erfolgreiche TV-Show-Juror mit einem Auftritt am Tag der Deutschen Einheit 2014. Vor dem Bundeskanzleramt trat Naidoo am Rande einer Demonstration der Reichsbürger auf, die Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennen. Wenig später zog der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Nominierung Naidoos für den Eurovision Song Contest (ESC) nach öffentlichen Protesten zurück. Vor zwei Jahren geriet Naidoo wegen „Marionetten“ ins Abseits. Er selbst rechtfertigte den Text als „zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen“. (Martin Oversohl, dpa)

Album-Kritik: Xavier Naidoo kehrt aus dem Abseits zurück

Foto: T. Mardo

Tourdaten Hin und weg 21019

25.11.2019 Wien Stadthalle
27.11.2019 Zürich Hallenstadion
28.11.2019 Stuttgart Schleyerhalle
30.11.2019 Nürnberg Arena Nu?rnberger Versicherung
01.12.2019 München Olympiahalle
03.12.2019 Leipzig Arena
04.12.2019 Berlin Mercedes-Benz-Arena
06.12.2019 Hamburg Barclaycard Arena
07.12.2019 Hannover TUI Arena
09.12.2019 Oberhausen König-Pilsner-Arena
10.12.2019 Köln Lanxess Arena
11.12.2019 Mannheim SAP Arena
13.12.2019 Frankfurt Festhalle
14.12.2019 Erfurt Messe

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