Montag, 30. Mai 2011 15:14 Uhr

Andreas Dorau: Der Wahnsinn kehrt endlich mit neuem Album zurück

Berlin. Zugegeben: Wir sind Andreas Dorau seit exakt 30 Jahren verfallen und können auch heute nicht anders. Damals startete er mit seinem „Fred vom Jupiter“ und galt als einer der extravagantesten Stars der sogenannten Neuen Deutschen Welle.

Am 17. Juni erscheint nun endlich sein neues und achtes Studio-Album, das Meisterwerk! Wie immer schräg und meisterlich schön.

Andreas Dorau steht seit drei Jahrzehnten für intelligenten und humorvollen Pop, irgendwo zwischen glamourösem Electro-Pop-Schlager, Postpunk, Samplekunst und angesagter Clubmusik. Sein neues Album klingt wie eine Reise durch die gesamte Popgeschichte und spiegelt dabei doch völlig den Zeitgeist wider. Typisch Dorau eben.

„Todesmelodien“ heißt also das neue Werk und ist sein bisher dunkelstes und finsterstes Album geworden. Er setzt sich darin auf seine Weise mit Tod und Vergänglichkeit auseinander.

Was das Popgeschäft angeht, gibt es Kurzlebigkeit natürlich nur für die Verlierer: Stars und ihre Hits sind für die Ewigkeit und überdauern uns am Ende alle. Wer wüsste das besser als Andreas Dorau, der schon als Fünfzehnjähriger einen solchen Hit schrieb?

Nur folgerichtig erscheint uns, dass der Künstler gleich zu Beginn seines neuen prämortalen Albums dem tragischen Musik-Produzenten Phil Spector Tribut zollt. Am 29. Mai 2009 wurde dieser wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt – sein Wall-Of-Sound erklingt aber noch heute aus jeder Jukebox…
Spector ist eine Figur, die auf der Produzentenseite für die Popmusik ebenso wichtig ist wie Elvis Presley auf der Performerseite – und nun wartet er fatalerweise im Gefängnis auf seinen irdischen Tod. Seine Musik hat ihn gewissermaßen schon zu Lebzeiten überdauert.

Pop ist ja nicht nur Glamour – Pop ist auch ein Garant für die menschliche Tragödie. Allein deshalb scheint es nur allzu konsequent im besagten Album Opener und der aktuellen Single „Größenwahn“ im Spector-typischen Wall-Of-Sound die Hybris zu besingen: Irdische Anmaßung hat von jeher die Menschen ins Verderben getrieben – aber ein Stück weit gehört sie zur Popkarriere wie die Würfel zum Sensemann…

Dorau beschreibt uns in seinen Liedern die abstoßenden Flecken auf dem Pailletten-Kleid, jene schwarze Angst-Materie aus der ein Künstler einen Song erstrahlen lässt. „Selbst korrupte, dumme Schweine: Alle werden Edelsteine“ prophezeit uns so der zornige Popstar mit den Worten seines Freundes und Weggefährten Wolfgang Müller. Die Musik schuf das Hamburger Electro-Duo DIE VÖGEL (Mense Reents und Jakobus Siebels), die auch für die meisten Arrangements und Instrumentierungen die „Todesmelodien“ Verantwortung übernehmen.

Den letzten metaphysischen Feinschliff erhielten die Stücke von Andi Thoma von MOUSE ON MARS. Und wo wir schon gerade beim Name-Dropping sind: Die himmlischen Studiochöre auf dem Album singt Inga Humpe.

Wenn dann „Stimmen in der Nacht“ in einem nebulösen Electropop-Schlager davon erzählen, wie dem Protagonisten des nachts ein Geist erscheint, ist man endgültig im Netz der Dorauschen „Todesmelodien“ gefangen.

Gefesselt lauschen wir einem Song über den Neid, der aus Freunden Feinde macht und einer Moritat über die ewigen Singles, deren Leben sich in Analogie zu den alten Vinylsingles im Kreise dreht. Wir lassen uns einwickeln vom Gerede von einer besseren Welt dessen Umsetzung schon immer an der menschlichen Inkonsequenz, Intoleranz und selbstverschuldeter Unmündigkeit scheiterte, und lassen uns hypnotisieren vom deutsch-französischen Protestlied „Schwarz Rot Gold“ – hier singt der Zeremonienmeister im Duett mit François Catus von STEREO TOTAL: „Schwarz, Rot, Gold: Hat das die Natur wirklich so gewollt?“

Auf dem furiosen Album „Todesmelodien“ wird nicht nur das Zwischenmenschliche politisch, sondern auch das Religiöse zur Privatsache. Und die Religion an die Andreas Dorau glaubt ist Pop.

Bevor sich dann in „Es war hell“ das ganze Kunstwerk in ein flammendes Inferno zu verwandeln droht, bleibt uns am Ende immer noch die wundervolle Hitsingle „Gehen (Baby Baby)“ aus der Feder von Carsten „EROBIQUE“ Meyer. Beklagt wird hier der selbstverschuldete Verlust einer Liebe, aber immerhin ist dieser hochmütige, hedonistische, verfressene, geizige, immerzu neidische, sowie genusssüchtige und zornige, fauler alter Sack namens Mensch am Ende noch nicht gestorben. Er bekommt seine allerletzte Chance: Er kauft Doraus neues Album.

Hier in das Album reinhören!

Fotos: Sönke Held

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