Angela Merkel wählt Nina Hagen: „Du hast den Farbfilm vergessen“ trieft vor Ironie

Sophia VölkelSophia Völkel | 01.12.2021, 21:24 Uhr
Angela Merkel wählt Nina Hagen: "Du hast den Farbfilm vergessen" trieft vor Ironie
Angela Merkel wählt Nina Hagen: "Du hast den Farbfilm vergessen" trieft vor Ironie

Frau Hagen 1975. © IMAGO / Allstar

Die Zeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel endet – ehrenhalber mit einem großen Zapfenstreich und für den hat sich die 67-Jährige drei besondere Lieder ausgesucht. Eines fällt aus der Reihe: Es ist der erste große Hit von Punk-Legende Nina Hagen. Zu dem Zeitpunkt war sie noch Schlagersternchen in der DDR.

Am Donnerstag (1. Dezember) wird Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Zapfenstreich verabschiedet – und für diesen speziellen Moment hat sich die 67-Jährige ein paar ganz besondere Musiktitel gewünscht. Neben „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef und das Kirchenlied „Großer Gott, wir loben Dich“ wird der Stabsmusikkorps der Bundeswehr auch Nina Hagens Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ trompeten.

Angela Merkel wählt Nina Hagen: "Du hast den Farbfilm vergessen" trieft vor Ironie

Nina Hagen & Automobil 1975. © IMAGO / Allstar

Gerade mit Letzterem scheint Merkel noch einmal an ihre Wurzeln erinnern zu wollen, schließlich ist das Lied ein klassischer DDR-Erfolgssong von der späteren Queen of Punk. Das Lied wurde bereits 1974 in der DDR von Michael Heubach geschrieben. Heubach hatte Nina Hagen als Sängerin im Orchester Alfons Wonneberg entdeckt, mit ihr die Band „Automobil“ gegründet. Mit dem Farbfilm wurde die exzentrische Schlagersängerin seinerzeit schlagartig bekannt.

Den Text kann angeblich noch immer fast jeder Ostdeutsche auswendig, der in der DDR geboren wurde. („Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön’s hier war, ha ha“).

Angela Merkel: Zurück zu ihren Wurzeln?

„Angie“ ist bekannt dafür, zumindest im Privaten gerne zu schunkeln und auch mal mit einem Augenzwinkern humorvoll über sich selbst zu lachen. Ihre Vorliebe für kleine ironische Augenblicke beweist sie in diesem Fall definitiv mit ihrer Auswahl des Hagen-Hits.

Songwriter Michael Heubach ist stolz darauf, dass sich die Kanzlerin dieses Lied ausgesucht hat. „Für mich ist es ein Ritterschlag, dass Frau Merkel das Lied gewählt hat“, so der heute 71-Jährige gegenüber der „Bild“-Zeitung. „Es spricht dafür, dass sie sich an ihre Vergangenheit als junge Frau in der DDR erinnert.“

Abschied von "Angie": "Du hast den Farbfilm vergessen" trieft vor Ironie

Foto: Imago / Stana

Liebeserklärung oder kritische Botschaft?

Steckt hinter der Auswahl von „Mutti“ auch ein kleiner Seitenhieb gegen ihre Kritiker, die ihr in der Vergangenheit immer wieder vorwarfen, sie würde ihre Ost-Herkunft verstecken? Oder ist es eher ihre ganz eigene, kritische Meinung zum damaligen DDR-Regime?

Die Bedeutung des Songs beschreibt Nina Hagen in ihrem Buch „Bekenntnisse“ folgendermaßen: „Wahrscheinlich muss man in der DDR geboren sein, um all die Anspielungen und manchmal recht derben Bezüge zu verstehen, die dieses Lied zur heimlichen Nationalhymne einer ganzen Generation machten. Das Lied trieft vor Ironie; es ist Schlager durch Zerstörung von Schlager.“

Darum geht’s eigentlich in dem Song

Mal abgesehen davon, dass es Farbfilme in der DDR nicht gerade in Massen gab, liest man zwischen den Zeilen noch viel mehr Sarkastisches.

„Der Farbfilm atmet im Hintergrund das giftige Grau von Bitterfeld und die Tristesse von Leipzig (…)“, so Nina Hagen im Text. „Da sind die kleinen Fluchten in die Natur, ans Meer, an die endlosen Sandstrände der Ostsee – Rügen, Usedom, Hiddensee -, Fluchten ins private Glück, in ein bisschen erotische Freiheit, die zum Guckloch des Paradieses werden. Aber das Paradies wird eingeholt von der banalen Alltagserfahrung in einem Staat, der knattrige, stinkende Plastikautos, beknackte Badeanzüge und Jahr für Jahr zu wenig Farbfilme hervorbringt.“

Abschied von "Angie": "Du hast den Farbfilm vergessen" trieft vor Ironie

Foto: Imago / ActionPictures

Ironisch ist natürlich auch, dass von all diesen bunten und wunderschönen Urlaubsmomenten auf den Schwarz-Weiß-Fotos, die am Ende herauskommen, nichts mehr zu sehen ist.

Vielleicht auch ein sanfter Hinweis auf Merkels Empfinden, wenn sie auf die letzten Jahre als Kanzlerin zurückblickt. Die Farbe des Weltgeschehens mag gerade in den vergangenen Jahren verblasst zu sein…

Tschüss Angie!

Fest steht, dass Angela Merkel auch anders kann, als nur politisch-ernst. Und wir hoffen sehr, dass sie sich am Tag ihres Zapfenstreichs genau so euphorisch über ihre Song-Auswahl freut, wie auf der Tribüne während der Fußball-WM 2014.

Mehr über den Song verrät Nina Hagen in einem aktuellen Facebook-Post: