Buzzy Lee macht Popmusik: Steven Spielbergs Tochter im Interview

Buzzy Lee macht Popmusik: Steven Spielbergs Tochter im Interview

© Brantley Gutierrez

02.02.2021 22:50 Uhr

Als Musikerin nennt sie sich Buzzy Lee, ihr bürgerlicher Name ist Sasha Spielberg (30) und ja, sie ist die Tochter des Mannes, der uns mit Hollywood-Blockbustern wie „Jurassic Park“, „Indiana Jones“ und „E.T.“ begeisterte.

Sasha legt jede Menge Wortwitz und Selbstironie an den Tag, als wir sie via Zoom-App im Hause von Steven Spielberg erwischen. Drei Mal bricht dort die Internetverbindung zusammen – da geht’s den Spielbergs nicht anders als normalen Menschen.

Nach ihrem Song „Walk Away“, der schon einige Netflix-Serien dekorierte, präsentiert Buzzy Lee nun ihr Debütalbum „Spoiled Love“, das mit melancholischen Sad-Pop-Songs à la Lana Del Rey aufwartet. Im Interview erzählt sie, wie Produzent Nicolas Jaar sie auf den Elektropfad brachte, was ihr Leben gerade schwierig macht, und womit ihr ein berühmter Außerirdischer als Kind geholfen hat.

Buzzy Lee macht Popmusik: Steven Spielbergs Tochter im Interview

© Brantley Gutierrez

Ms. Spielberg, wo sind Sie gerade?
Im Haus meines Vaters in New York, um den Geburtstag meiner Mutter zu feiern. Es ist 12.30 Uhr, ich habe zehn Stunden großartigen Schlaf hinter mir. Mittlerweile gehe ich immer schon um 21 Uhr ins Bett. Corona ermöglicht mir zumindest Erholung.

Wie war Ihr 2020?
Wie eine endlose Warteschleife! Die Platte ist seit September 2019 fertig. Ich wollte sie im Frühling 2020 rausbringen, begleitet von einer kleinen Tour, doch dann kam Covid. Im August verstarb dann noch mein Großvater, er wurde unfassbare 103 Jahre alt. Die ständige Angst um die Gesundheit und die der Familie tat ihr übriges. Außerdem hatte ich noch an einer Trennung zu knabbern. Es war echt ein bisschen viel letztes Jahr.

Sie sind außerdem 30 geworden. Wie haben Sie den Geburtstag gefeiert?
In Los Angeles gibt es statt richtigen Lockdowns zwar immer nur die Ansage „Bleibt Zuhause“. Ich hatte das Haus aber tatsächlich im 1. Lockdown für Wochen nicht verlassen. Aber an meinem Geburtstag sagte ich mir: Heute gehe ich raus zu meinem Lieblings-Café und lass es richtig krachen, in dem ich einen Matcha trinke! Ich sah zwei meiner besten Freundinnen und auch meine Familie endlich wieder. Abends guckte ich Netflix und ging zu Bett. Das war’s. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das eh mein Idealzustand.

Wie hat es bei Ihnen mit der Musik angefangen?
Als Kind liebte ich Filmmusik. Seitdem ich mich erinnern kann, war ich besessen davon, Songs zu schreiben und Sängerin zu sein. Im Alter von fünf Jahren begann ich mit dem Klavierspielen. Mit dem Liederschreiben ging es mit acht Jahren los. Mit 12 lernte ich dann Gitarrespielen und begann, Songs auf der Gitarre zu komponieren. Ich war vielleicht nicht gut, aber ich habe einfach mal gemacht.

Buzzy Lee macht Popmusik: Steven Spielbergs Tochter im Interview

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Hatten Sie damals schon eine Vision, wohin das Ganze führen sollte?
Definitiv! Ich wollte in jedem Film sein und singen, in Musicals die Hauptrolle spielen, das Zentrum der Aufmerksamkeit sein. Meine Eltern mussten mich filmen, wie ich meine ersten Songs schmetterte. Ich habe einfach immer performt.

Das Unterhaltungs-Gen liegt in Ihrer Familie, oder?
Es gibt wirklich viele Entertainer bei uns. Meine Großmutter war eine brillante Pianistin. Sie ist meine größte Inspiration. Sie besaß ein Restaurant, wechselte von Tisch zu Tisch und spielte in der Mitte des Lokals Stücke von Chopin. Ich hörte ihr als Kind immer zu.

Wie hat Ihre Familie auf Ihren Karrierewunsch reagiert?
Meine Eltern haben jeden von uns unterstützt. Aber als wir aufwuchsen, lag ihr Fokus darauf, dass wir Akademiker werden. Es ging immer darum, gute Noten in der Schule zu erreichen, damit im Anschluss der Besuch eines guten College möglich wäre. Meine Eltern waren streng und sehr fixiert auf die Schule, was ich heute wertzuschätzen weiß. Aber damals hat mich das kontinuierlich gestresst.

Haben Sie enttäuscht mit Ihren Schulnoten?
Oh ja, auf ganzer Linie! Aber ab der zehnten Klasse legte ich dann den Schalter um. Die 7. bis 9. Klasse waren sehr hart für mich, aber ich habe mich durchgewurschtelt, und irgendwann lief’s dann prima.

Gab es denn Zweifel bei Ihnen, ob Musik der richtige Weg ist?
Immer! Aber egal, welchen Weg ich als Künstlerin eingeschlagen hätte, Selbstzweifel wären immer dagewesen. Anfangs verfolgt man eine Karriere, weil man an sich selbst glaubt. Aber dieses Gefühl kann ganz schnell verschwinden, wenn man zu viel analysiert. Ich mache immer Witze darüber, dass ich vielleicht doch besser Medizin studiert hätte.

Hegten Sie jemals den Wunsch, Vollzeit-Schauspielerin zu sein?
In jungen Jahren schon. Meine Mutter war Schauspielerin, meine ältere Schwester, also dachte ich, dass es das wäre, was ich tun müsste und auch tun würde. Ich fing an, zu Auditions zu gehen und es ernst zu nehmen. Aber ich realisierte irgendwann, dass es mir nicht so viel Freude bringt wie die Musik.

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Wenn eine Spielberg zu einer Audition geht, was sagen dann die Entscheidungsträger?
Zum Glück kriege ich nicht mit, was sie sagen. Ich kann es mir nur vorstellen. Dass Leute hinter meinem Rücken über mich reden, ist etwas, was Ängste bei mir auslöst – mal unabhängig vom Familiennamen. Ich habe eh mit Angstzuständen zu kämpfen. Es ist schon passiert, dass ich zu einer Party gegangen und sofort wieder nach Hause gefahren bin, weil ich mich nicht wohl fühlte. Ich stelle mir dann immer Fragen wie: „Hab ich zu viel geredet? War ich merkwürdig?“ Dieses ganze Kopfkino läuft ständig bei mir ab. Vielleicht fühle ich mich auch nur ständig beobachtet.

Es ist also nicht immer einfach, eine Spielberg zu sein?
Das wäre Jammern auf hohem Niveau. Denn auf vielfältige Weise fühle ich mich vom Glück gesegnet, zu dieser Familie zu gehören. Ich bemühe mich jedoch, nicht ständig mit meinem Elternhaus konfrontiert zu werden.

Wie meinen Sie das?
Ich benutze verschiedene Namen – besonders früher war das so. Wenn ich heutzutage zum Arzt muss und nach meinem Nachnamen gefragt werde, hauche ich ganz leise: „Spielberg“. Und meistens kommt dann ein „Wie war das? Spielberg?“ zurück, und dann fühle ich mich peinlich berührt.

Der Name klingt für uns Deutsche natürlich sehr vertraut.
Ja, ich weiß. Play Mountain und so. In Amerika gibt es wirklich nicht viele Spielbergs. Ich wünschte, es gäbe mehr, dann würde ich nicht an Flughäfen angehalten und gefragt werden: „Sind sie etwa die Tochter? Ist er wirklich ihr Vater?“

Wie war es, in einer großen Patchwork-Familie aufzuwachsen?
Es waren wirklich sehr viele Kinder! Ich habe drei Schwestern und zwei Brüder, und dann noch zwei Halbgeschwister. Es war also immer was los. Aber ich bin ein Mensch, der wirklich Zeit für sich allein braucht. Ich war oft in meinem Zimmer, genoss die Stille, las Bücher, spielte Computerspiele, schrieb Texte, machte Musik. Das war mein Seelenheil.

Hatte Ihr Vater überhaupt Zeit für Sie, als Sie Kind waren?
Klar! Er war schon oft Zuhause. Und wenn er arbeiten musste, fuhren wir immer dorthin, wo er gerade drehte. Wir lebten in London, Irland, Malta, Budapest… Wir reisten ihm einfach hinterher. Seit 1990, meinem Geburtsjahr also, war es nie anders. Wir waren bei allen Filmen dabei. Aber es ist nicht so glamourös, wie es sich anhört. Ich kam in den vollen Genuss des schlechten Catering-Service, aß den ganzen Tag M&Ms und fühlte mich wie ein Kind im Süßigkeitenladen.

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In Filmen wie „Terminal“, „München“, „Die Verlegerin“ und „Indiana Jones“ haben Sie selbst mitgespielt. Ist Spielberg ein strenger Regisseur?
Er war immer sehr freundlich – zumindest zu mir! (lacht) Ich musste ihn auch nie eigens bitten, ob ich dabei sein kann. Und wenn er mich fragte, war ich sofort hellauf begeistert. Und das alles ganz ohne Audition.

Was ist Ihr Lieblingsfilm Ihres Vaters?
E.T., „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“, „Jurassic Park“. Ach, ich liebe sie wirklich alle. Die Figuren bekamen für mich ein Eigenleben. Ich hatte imaginäre Freunde, die Dinosaurier waren. Und E.T. war mein allerbester Freund! Als Kind führte ich Zwiegespräche mit E.T.

Hat „Schindlers Liste“ Ihnen viel bedeutet?
Ja, natürlich. Ich war dabei, als in Polen gefilmt wurde. Ich war damals drei Jahre alt. Aber erst mit 21 sah ich den Film das erste Mal, denn es ist harter Stoff. Ich war vorher nicht bereit dafür. Als ich ihn gesehen hatte, hatte es einen tiefgreifenden Einfluss auf mich. Ich denke, der Film hat mir auch Orientierung und Identität gegeben.

Sind der jüdische Lebensstil und Glaube Teil Ihres Lebens?
Ja, schon. Aber eigentlich habe ich das alles erst in den letzten Jahren verinnerlicht. Als ich aufgewachsen bin, feierten wir zwar die Feiertage und Traditionen. Doch dann kam ich aufs College, was sich wie eine vierjährige Auszeit davon und von meiner Familie anfühlte. Ich dachte: Großartig, es gibt keine Verpflichtung mehr, und ich ging anderen Dingen nach. Aber nach Abschluss des College schlich es sich wieder in mein Leben ein. Aber diesmal empfand ich es nicht mehr als Verpflichtung; im Gegenteil: Ich wusste es wertzuschätzen, in die Synagoge zu gehen, und hätte selbst Predigten abhalten können.

Hat Sie das auch künstlerisch beeinflusst?
Bei meiner Bat Mizwa kam es zum Moment meiner künstlerischen Offenbarung. Das Fest fand 2003 in Los Angeles statt. Es war das erste Mal, dass ich vor eine große Ansammlung aus Familie und Freunden trat und sie mich singen hörten – im Falsett. Ich konzentrierte mich so sehr darauf, das Hebräisch richtig hinzubekommen und nicht so sehr auf das Treffen der Töne, und war daher wirklich selbstbewusst bezüglich meiner Stimme. Ich fühlte mich ganz in dem Moment. Ich war danach glücklich und stolz, es getan zu haben.

Mit Ihrem Bruder Theo haben Sie die Indie-Folk-Band Wardell gegründet. Wie kommt es, dass Sie jetzt unter dem Namen Buzzy Lee ein eher elektronisches Solo-Album veröffentlichen?
Ich hatte diese Songs geschrieben, Theo fand sie gut, aber unpassend für die Band und wollte sie nicht dafür benutzen. Also ging ich zu meinem guten Freund Nicolas Jaar, der elektronische Songs produziert. Wir haben uns mit 18 am College kennengelernt. Damals stand er noch am Anfang seiner Musikkarriere, heute ist er bekannt für elektronische Musik. Auf der Basis haben wir prima zusammen gearbeitet.

Buzzy Lee macht Popmusik: Steven Spielbergs Tochter im Interview

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Der neue Sound und Ihre Stimme haben Wiedererkennungswert.
Danke! Wenn ich Musik mit meinem Bruder für die Wardell mache, singe ich richtig laut – ich belte die Töne geradezu. Aber Nicolas bevorzugt es ruhig und intim, er hat mich immer wieder dazu animiert, leiser zu singen. Er meinte immer: „Bemühe dich nicht so sehr zu singen, singe am besten so gut wie gar nicht.“ Und so nahm der Buzzy-Lee-Sound Gestalt an.

Hat Sie die Arbeit im Studio eingeschüchtert?
Eingeschüchtert war ich immer dann, wenn ich Nicolas meine Texte laut vorlesen sollte. Da waren einige Stellen, deren Bedeutung ich selbst noch nicht verstanden hatte. Wenn man sie dann laut liest, werden die Fehler deutlich, es macht sichtbar, welche Stellen keinen Sinn ergeben. Ich wusste, dass Nicolas mich nicht schonen und das Kind beim Namen nennen würde, denn wir stehen uns so nah. Er fragte also immer: „Okay, aber was bedeutet der Text wirklich?“ Das waren die einschüchterndsten Momente des Textschreibens.

Worum geht’s in den Texten?
Um meine Familie, um meine Angstzustände, um die Person, die ich gerne sein wollte, als ich noch mit meinem Ex zusammen war und um mein Verhaltensmuster, mich in anderen Menschen zu verlieren.

War die Beziehung so obsessiv?
Schon. Da gab es definitiv eine Abhängigkeit in beide Richtungen: Ich wollte die Person sein, von der er sich wünschte, dass ich sie wäre. Und er wollte die Person sein, die ich mir gewünscht hatte. Es waren vier Jahre, in denen wir uns füreinander maskierten.

Deshalb heißt das Album „Spoiled Love“ – verdorbene Liebe?
Mir gefiel der Strauß unterschiedlicher Bedeutungen. Es steht für eine Liebe, die verdorben ist. Man kann darunter aber auch eine gepamperte Liebe verstehen, die man auf ein Podest stellt. Und ich kuriere damit meine Angstzustände, in dem ihnen ein Schlaflied singe – was nicht gesund ist.

Haben Sie die Emotionen mit in die Songs rübergenommen?
Oh ja. Im Studio flossen Tränen. Ich weine eh überall und ständig – ob in Flugzeugen oder beim Einkaufen. Und ich tendiere zum Weinen, wenn ich mit Nikolas arbeite, denn wir sprechen wirklich über alles. Das macht mich extrem emotional.

Über die Single „What Has A Man Done“ sagten Sie, dass Sie wieder lernen mussten, die Verantwortung zu übernehmen. Auf welche Art?
Ich tendiere dazu, wenn ich einen Freund habe, ihn wie der Bösewicht fühlen zu lassen. Denn es ist immer extrem einfach für mich zu sagen, „er ist schlecht, ich bin großartig“, weil ich mich auf diese Art schützen kann. Dieser Song bin ich, wie ich mich über alles erhebe. Was unfair ist, weil es ja etwas gab, dass ihn dazu veranlasste, auf eine bestimmte Art zu reagieren.

Sie scheinen in den Texten viel in die Vergangenheit zu blicken, auf die Zeit Ihrer Jugend. Was ungewöhnlich ist, wenn man gerade erst 30 ist.
Oh, ich mache das schon mein ganzes Leben. Als ich fünf Jahre alt war, war ich schon nostalgisch für vier. Als ich zehn war, sentimental für fünf. Ich bin einfach so.

Haben Sie eine Ahnung, warum das so ist?
Sie sollten meinen Therapeuten fragen! Ich denke, die Gegenwart ist schwierig für mich. Ich bin nicht gut darin, im Moment zu leben. Das hat einfach mit den Angstzuständen zu tun. Ich flüchte dann lieber in die Vergangenheit und romantisiere sie. Es ist fast schon wie ein verzögertes Glücksgefühl. Denn als ich in der besagten Zeit war, fühlte sich die meist gar nicht so romantisch an und ich mich auch gar nicht gut mit mir selbst. Deshalb fällt es mir so schwer, im Hier und Jetzt präsent zu sein.

Gibt es Künstlerinnen, die Sie bewundern?
Oh, so viele. Ich bin erst vor kurzem Fan von Barbra Streisand geworden. Denn ich hatte nie irgendwelche Filme von ihr gesehen. Aber dann schaute ich „Funny Girl“, und darin macht sie alles: Schauspielern, Singen, Regieführen. Ich liebe Kate Bush, und ich liebe meine sehr guten Freunde von der Band Haim. Sie stehen mir so nah, und ich bin so stolz auf sie. Und dann wären da noch meine Mutter, meine Großmütter, ach, einfach jede Frau in meinem Leben. (lacht)

Auf Instagram sieht man die vielen Hunde, die Sie gemalt haben.
Das ist besser, als Kinder zu malen und sie damit zu beleidigen! Das ist mir nämlich mal passiert. Hunde sind besser und vergebender.

Könnten Sie sich vorstellen, das mit der Malerei weiterzuverfolgen?
Ich male immer und viel. Aber ob man daraus eine Karriere stricken kann, für immer Hunde zu malen? Ich hatte zwei Hunde, aber die sind bei meinem Ex-Freund geblieben, und ich hab sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Nun habe ich keinen mehr. Es ist traurig. Und deshalb male ich sie vermutlich die ganze Zeit.

Interview: Katja Schwemmers

Album: Buzzy Lee „Spoiled Love“ (Future Classic/Word and Sound)