Sonntag, 18. März 2018 20:05 Uhr

Charlotte Gainsbourg: „Ich lag zwei Tage neben der Leiche meines Vaters“

Mit „Rest“ ist nach sechs Jahren Pause ein neues Album von Charlotte Gainsbourg erschienen. Während es in den französisch-englischen Texten um Verlust, Tod und Abschied von Halbschwester Kate Barry und Chanson-Gott-Vater Serge Gainsbourg geht, bitten die aufmunternden Elektrobeats des Produzenten Sebastian schon mal auf den Dancefloor.

Charlotte Gainsbourg: „Ich lag zwei Tage neben der Leiche meines Vaters“

Foto: Visual/WENN.com

Am 21. März stellt sie das Werk in Hamburg, am 22. März in Berlin vor. Beim Interview mit klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers im Berliner Soho-House erzählt sie offen von den schweren letzten Jahren, ihrem Umzug in den Big Apple, einem Treffen mit Paul McCartney und warum sie mit Lars von Trier bisher gut gefahren ist.

Mrs. Gainsbourg, in dem Song „Lying With You“ beschreiben Sie die Szenerie kurz nachdem Ihr Vater, der große Serge Gainsbourg, verstarb. Warum war Ihnen das wichtig?
Weil es bis heute eine sehr lebendige Erinnerung ist. Ich war damals 19 und so nah mit seinem Tod konfrontiert. Es ist schwer, die Bilder von damals aus dem Kopf zu kriegen.

Sie sollen noch stundenlang mit dem Leichnam Ihres Vaters verbracht haben. Das klingt ganz schön krass.
Ich war nicht allein. Meine Schwester Kate war bei mir, wir lagen neben ihm auf seinem Bett, und es fühlte sich an, als würden Tage vergehen. Tatsächlich waren es über zwei Tage. Es war, als würde die Zeit still stehen. Ich konnte ihn einfach nicht gehen lassen. Es war ziemlich traumatisch. Sein Tod passierte auch noch ausgerechnet zu einer Zeit, wo ich wieder bei ihm einziehen wollte. Ich hatte mich gerade von einer Liebe getrennt und war eh in miserabler Verfassung.

Sie hatten also Pläne mit Ihrem Vater?
Ja, er wollte mich aufmuntern, renovierte eigens Räume für mich. Wir waren kurz vor seinem Tod noch im Urlaub auf Barbados. Ihm ging es nicht gut, aber ich habe es nicht gemerkt. Sein Tod traf mich völlig unvorbereitet. Ich hatte bis dahin noch nie so etwas Schmerzvolles erlebt. Aber ich musste außerdem mit dem Schmerz anderer Leute fertig werden.

Inwiefern?
Mein Vater war Nationalheiligtum in Frankreich. Eine ganze Nation trauerte. Immer, wenn ich das Haus verließ, erzählte mir jeder, wie betrübt er wäre und was für ein Genie mein Vater gewesen sei. Ich versuchte, freundlich zu bleiben. Aber es war furchtbar, etwas so Privates und Intimes mit Fremden zu teilen. Es hat lange gedauert, bis ich mich mit seinem Tod abfinden konnte. Ich weiß, das klingt seltsam: Ich habe es nicht mal geschafft, seinen Haushalt aufzulösen. Ich habe ihn wie einen Schatz behütet und nicht ein Teil bewegt.

Bis heute nicht?
Bis heute nicht. Es sieht aus, als sei er erst gestern gegangen. Alles so wie 1991. Einige Sachen in der Küche sind explodiert. Einige wenige Möbel haben meine Brüder und Schwestern mitgenommen, aber sonst ist alles noch an seinem Platz. Niemand hat dort jemals wieder eine Nacht verbracht.

Wie wäre es denn mit einem Museum in den Räumlichkeiten?
Das war mein Wunsch. Aber das gestaltet sich schwierig, weil die Wohnung so klein ist. Man kann dort nicht wirklich umherlaufen. Ich muss mir etwas anderes überlegen. Oft bin ich an dem Punkt, wo ich sage: Jetzt verkaufe ich die Wohnung. Allein schon, um drüber wegzukommen. Aber wenn es dann soweit ist, sie auf dem Immobilienmarkt anzubieten, denke ich: Ich kann das nicht tun. Also entweder kommt eine Zeit, wo ich verzweifelt Geld brauche und mir keine Wahl bleibt oder ich werde die Wohnung bis zu meinem letzten Atemzug behalten. Dann können meine Kinder sie veräußern.

Sie hatten noch einen weiteren Schicksalsschlag zu verarbeiten: 2014 sind Sie eigens nach New York gezogen, um über den Tod Ihrer Stiefschwester durch einen Fenstersturz hinwegzukommen, worüber Sie auf Ihrem Album den Song „Kate“ singen. Hat das geholfen?
Nicht ganz. Der Schmerz wird immer da sein. Es gibt so viele Erinnerungen an unsere gemeinsame Kindheit, auch wenn ihr Vater John Barry war (britischer Filmkomponist, Anm. d. Red.). Sie war vier Jahre älter als ich und mir immer ein wichtiger Ratgeber. Aber der Umzug war trotzdem ein wichtiger Schritt, denn ich war nach dem Vorfall drauf und dran, depressiv zu werden. Mein Leben hat sich seither total verändert – ich komme in New York auf andere Gedanken.

Können Sie Ihrer Schwester Kate vergeben?
Wir können nicht sicher sagen, ob es Selbstmord war. Es ist immer noch sehr mysteriös. Sie war zerbrechlich, sie könnte sich umgebracht haben. Aber es gibt Widersprüche, was uns denken lässt, dass es kein Freitod war. Ich würde gerne genau wissen, was passiert ist. Aber ich muss damit leben, dass ich es nie erfahren werde.

Träumen Sie manchmal von Kate und Ihrem Vater?
Oh, ja. Von beiden! Nicht sehr oft, aber oft genug und auf sehr schillernde Weise. Es ist immer still. Aber wenn du träumst, sind die Menschen so lebendig, so dass der Schock, wenn du aufwachst, schwer zu verkraften ist.

Es gibt auch ein Stück auf Ihrer Platte, das davon handelt, wie sie das Grab Ihrer Schwester besuchen.
Genau genommen habe ich drei Personen, die ich auf dem Friedhof besuche: meinen Stiefvater, meinen Vater und meine Schwester. Sie liegen alle im selben Bereich. Wenn ich nach Paris fliege, verspüre ich den Drang, dorthin zu gehen. Als lediglich mein Vater dort lag, ging ich nie auf den Friedhof. Denn jedes Mal, wenn ich es probierte, war das Grab umzingelt von Leuten. Die hätten mich erkannt. Und es wäre peinlich geworden. Also ließ ich es ganz. Mittlerweile ist mir das egal. Ich verbringe am meisten Zeit am Grab meiner Schwester, aber alle drei Gräber zu besuchen ist mittlerweile zur Routine für mich geworden.

Sie brauchen das.
Ja, ich brauche es. Auch wenn es sehr deprimierend ist. Es ist ein Teil von Paris geworden. Ich brauche die Verbindung. Nach dem Tod meines Vaters habe ich immer Zwiegespräche mit ihm abgehalten, ich fühlte mich gehört. Heutzutage spreche ich mit ihm und Kate. Ich würde mich trotzdem nicht als spirituell bezeichnen. Ich glaube nicht an den Himmel oder so was. Aber ich brauche ihre Präsenz in meinem Leben.

Mochte Serge Gainsbourg Popmusik?
Oh ja! Er war ein großer Fan von allem, was gerade angesagt war. Er liebte Prince, er liebte David Bowie. Er favorisierte angelsächsische Musik über französische Popmusik. Ich glaube, mit der Musik, die ich heute mache, könnte er gut leben.

Wenn Sie Englisch singen, haben Sie so einen charmanten französischen Akzent. Wie reagieren die Menschen in Ihrer neuen Wahl-Heimat New York darauf?
Die verstehen nicht immer alles und fragen oft nach. Wenn ich ein Wasser bestellen will, kommt immer als Antwort: „Was bitteschön?“ Dabei sagt man doch eigentlich den Franzosen nach, dass sie sehr strikt im Umgang mit ihrer Sprache sind.

Aber es klingt sehr sexy.
Danke. Die Amerikaner sagen auch nie, dass es nicht charmant sei. Es gibt nur ab und an Verständigungsschwierigkeiten zwischen uns.

Was genau ist heute anders in Ihrem Leben?
Das erste Mal in meinem Leben kann ich anonym sein. Niemand erkennt mich in New York. Also muss ich nicht ständig im Auge behalten, was um mich herum passiert. Ich kann mit meinen Kindern ohne Aufsehen durch die Straßen schlendern, sie zur Schule bringen. Ich bin in der Lage, hochzuschauen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und Leute anzusehen. Ich genieße komplette Freiheit, wenn ich aus der Haustür gehe. Ich muss nicht in bester Verfassung sein. Und ich gebe auch zu, dass es mir mittlerweile egal ist, welche Klamotten ich trage – was sich für eine Französin eigentlich nicht schickt.

Sie genießen das Lotterleben!
(lacht) Genau! Ich habe echt Spaß in New York. Und wenn Leute mich doch mal erkennen, was mich immer überrascht, erkennen sie mich für meine eigene Arbeit. Meine Eltern sind den meisten dort kein Begriff. Sie reden mit mir also über die Filme, die ich mit Lars von Trier gemacht habe oder das Album davor, das ich mit Beck aufnahm. Das ist die grobe Zusammenfassung, wer ich für die Amerikaner bin.

Die ist gar nicht mal schlecht!
Nein, gar nicht. Ich bin sogar ziemlich stolz drauf. Sie bedanken sich für meine Arbeit. Das ist sehr ungewöhnlich. Denn in Frankreich sind die Leute zwar liebenswürdig, aber sie sagen immer, wie sehr sie meine Eltern bewundern. Es geht nie um mich! Ich reagiere zwar immer freundlich und bedanke mich – auch wenn es nicht um mich geht. Doch jetzt bin ich das erste Mal in der Lage, ich selbst zu sein. Ich bin 46. Es wurde auch höchste Zeit!

Warum fiel Ihre Wahl überhaupt auf New York City?
Weil es so einfach war! Hollywood hin oder her – aber Los Angeles wäre mir zu weit weg gewesen. New York war die erste Wahl außerhalb Europas. Und jetzt weiß ich erst, was für eine unglaubliche Stadt es ist. Ich habe viel gezeichnet, fotografiert, Songs geschrieben – ich war die letzten drei Jahre sehr künstlerisch unterwegs. In Paris konnte ich das nur im Geheimen machen, denn ich würde niemals meine Zeichnungen zeigen. An meinem neuen Zuhause ist das gar nicht wichtig. Jeder macht etwas in New York. Alle sind Künstler. Und anders als in Frankreich wird dir nicht das Gefühl gegeben, dass du ein Genie sein musst, damit deine Kunst etwas taugt.

Inwiefern hat das alles Ihr neues Album beeinflusst?
Mein Produzent Sebastian hatte bereits in Frankreich an der Musik gearbeitet, und ich hatte bereits einige Texte dort geschrieben. Doch erst in New York fühlte ich mich bereit, und die Sache nahm Fahrt auf. Wir buchten uns in ein Studio in Brooklyn ein. Ihm gefielen meine Texte, was mir wichtig war, denn es ist ja das erste Mal, dass ich selbst geschrieben habe. Das Studio wurde zu meinem Trauerplatz, an dem ich mir Nostalgie und Schmerz von der Seele schrieb. Es war der Ort, an dem ich durch die Texte zu meiner Schwester Kate und zu meinem Vater sprechen konnte. Aber es sollte auch keine total dunkle, depressive und zu intime Platte werden. Deshalb war es gut, dass Sebastian mit warmen, energetischen Elektronik-Klängen für den Kontrast sorgte. Seine Musik war mein Schutzschild.

Und dann kam auch noch Paul McCartney vorbei!
Ich hatte ihn schon um eine Lunch-Verabredung gebeten, da wusste ich noch gar nicht, wann ich überhaupt ein nächstes Album mache. Er willigte ein, mich in London zu treffen. Meine Plattenfirma hatte das für mich eingefädelt.

Wie ist es dann, wenn man im Restaurant auf McCartney wartet?
Ich war tatsächlich als Erstes dort! Ich ging zur Rezeption und sagte: „Ich bin hier zum Mittagessen verabredet mit Mr. McCartney.“ Und die Dame antwortete: „Sie meinen Sir Paul.“ Sie führte mich in ein Séparée. Die Begegnung lief total natürlich ab. Wenn du so eine Legende triffst, willst du natürlich nicht zeigen, wie sehr es dich einschüchtert. Ich bin mir sicher, er hat es mir angesehen. Aber ich habe alles gegeben, um so cool und relaxt wie möglich rüberzukommen. (lacht)

Vermutlich setzt er voraus, dass die Tochter einer Legende solche Treffen gewöhnt ist.
Keine Ahnung. Am Ende des Treffens bat ich ihn jedenfalls darum, wenn er mal einen Song übrig hätte, ob er dann an mich denken könnte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er sich noch mal meldet. Tat er auch nicht. Er schickte einfach nur das Lied „Songbird In A Cage“. In meiner Mailbox hatte ich also ein Demo von Paul McCartney, wie er eine sehr süße Melodie singt. Monate vergingen, und es war mir schon etwas peinlich. Als wir uns endlich dran machten und seinen Song an den Rest des Albums anpassten, schickte ich ihm den fertigen Song. Er liebte ihn und kam tatsächlich noch im Studio vorbei, um Instrumente dafür einzuspielen. Ich war natürlich wieder ganz cool.

Cool scheinen Sie auch zu sein, wenn es um die Auswahl Ihrer Filme geht: In Lars von Triers Skandalfilmen „Antichrist“ und „Nymphomaniac“ entblößen Sie sich. Meinen Sie, das würde Ihren Vater, der selbst gerne provoziert hat, gefallen?
Nein, gar nicht! Ich glaube, er wäre schockiert! Natürlich hat er oft auf sexuelle Provokationen gesetzt, aber immer auf schöne, irgendwie liebliche Art: „Je t’aime Mon Non Plus“, sein Duett mit meiner Mutter, war ja wie ein vertonter Beischlaf und ziemlich schockierend zu der Zeit – aber eigentlich war es schlichtweg ein Liebeslied. Ähnlich war es beim Duett mit mir als Zwölfjährigen für „Lemon Incest“, was als Stück über den Inzest zwischen Vater und Tochter gewertet wurde. Wohingegen ich in meinen Filmen Dingen auf den Grund gehe, die die kalte, weniger liebevolle Seite von Sex aufzeigen.

Und das hätte Ihr Vater abgelehnt?
Ja. Ich meine, nicht das er Liebes-Hass-Spielereien nicht gemocht hätte. Aber seine Tochter inmitten derber Masturbation zu sehen…? Nein, stolz wäre er darauf sicher nicht gewesen. Dass ich es trotzdem getan habe, liegt vermutlich auch an dem Wunsch, mich beruflich frei zu machen von seinem Schatten.

Jedenfalls müssen Sie eine starke Frau sein, wenn Sie solche Rollen spielen können.
Ich fühle mich stark. Aber das Bild, was die Öffentlichkeit von mir hat, ist das einer sehr zerbrechlichen, sehr schüchternen Frau mit einer sanften Stimme. Und das war ich auch lange Zeit. Schüchtern vor allen Dingen. Ich wollte diskret sein und wollte nicht viel Aufsehen erregen. Aber ich liebe es, mich nun langsam aus der Haut zu schälen. Darum mache ich das. Wenn man eine Schauspielerin ist, sollte man ein bisschen die Grenzen ausloten. Und in dem letzten Film, den ich drehte, habe ich eine Rolle gespielt, die sehr nah an der Mutter meines Vaters dran war. In „Promise At Dawn“ ging es um die Beziehung des Schriftstellers Romain Gary zu seiner Mutter. Ich spielte die Mutter, einen sehr lauten Charakter über die Zeitspanne von 30 Jahren – bis zu ihrem Tod. Der ganze Prozess, zu einer 60-jährigen Frau zu werden, erforderte, dass ich einen anderen Körper habe. Ich war also überhaupt nicht ich. Und es war mir so eine Freude, eine andere Stimme anzunehmen. Das alles lässt mich unglaublich stark fühlen.

Ihr Lieblings-Regisseur Lars von Trier wurde von Björk beschuldigt, sie sexuell bedrängt zu haben. Sie sagen, Sie hätten generell nie solche Erfahrungen gemacht. Wie erklären Sie sich das?
Ich habe ja sehr jung, im Alter von zwölf Jahren, mit den Filmen angefangen. Damals sah ich aus wie ein Baby und war sehr unsicher. Ich habe mich aber immer sehr wohl und nie bedrängt gefühlt von den Männern am Filmset. Sexuelle Witze sind natürlich recht geläufig in der Branche. Aber es hat mich nie gekümmert, und ich fühlte mich auch nie belästigt oder in einer unkomfortablen Situation. Ich habe mal mit einem Regisseur gearbeitet, der mich als Frau nicht mochte und allen anderen Schauspielerinnen viel respektvoller gegenübertrat als mir. Aber ich beschwere mich darüber nicht. Es war einfach nur eine schlechte Erfahrung, die nichts mit sexueller Belästigung zu tun hatte.

Nun haben wir über so vieles gesprochen, nur nicht über Ihre tolle Mutter Jane Birkin.
Von ihr wird man bald hören! Ich arbeite an einer Dokumentation über sie. Ich habe dafür in Japan mit ihr gedreht, über das Konzept, das sie dort verwirklicht hat. Ich habe mir das Filmmaterial noch nicht angeguckt, ich habe zu viel Angst davor, dass ich versagt habe. Ich werde es weiterführen, aber ich weiß noch nicht, aus welcher Perspektive. Es ist auch nicht einfach, weil sie mir so nahe steht. Aber ich hoffe, wenn ich mir die Aufnahmen ansehe, weiß ich, wie es weitergehen muss.

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