Damon Albarn über die Sexyness der Gorillaz und Grace Jones

30.04.2017 17:43 Uhr

Steve Martin! Grace Jones! Noel Gallagher! Jean Michel Jarre! De La Soul! Das sind nur einige der namhaften Gäste auf dem neuen Gorillaz-Album. Fast schon wähnte man die virtuelle Popband im digitalen Nirwana. Denn die kreativen Köpfe dahinter – Musiker Damon Albarn und Comiczeichner Jamie Hewlett – waren sich nicht immer grün. Im Interview mit klatsch-tratsch.de-Reporterin Katja Schwemmers erklärt Damon Albarn, wieso er der König der Gorillaz ist.

Fotos: Warner Music

Damon, muss ich dich jetzt Makandjan Kamissoko nennen? Denn in Mali haben sie dir ja letztes Jahr den Namen eines lokalen Königs verliehen, um dein musikalisches Engagement mit afrikanischen Musikern zu würdigen.
Richtig. Aber ich bin kein König. Ich trage nur seinen Namen. Aber das ist eine wunderschöne Sache und große Ehre. Weil es mir die Möglichkeit gibt, Zeit an einem Ort zu verbringen, den ich wirklich liebe und an dem ich hoffentlich noch viel lerne, was für mich die Essenz ist, warum ich das alles mache.

Was bedeutet denn dein Mali-Name?
Makandjan steht für groß und stark wie ein Löwe. Und Kamissoko ist einer von sieben Original-Namen des Malireichs. Ziemlich beeindruckend, oder?

Wie sah denn die Zeremonie aus?
Es war fantastisch. Der Imam des Dorfes flüsterte magische Worte in mein Ohr. 5000 Leute waren zugegen.

Das sind so viele wie bei einem Blur-Gig in Deutschland.
Ein bisschen mehr sogar. Und sie haben mir ein Stück Land geschenkt.

Was wirst du damit anstellen?
Einen Buchladen eröffnen? Nein, ich werde das Land wohl nicht selber nutzen, ich brauche es ja nicht. Es ist nur nett, gewürdigt zu werden. Und das Merkwürdige ist, dass ich ein paar Monate später damit beauftragt wurde, eine echt große Sache fürs französische Theater über Mali zu machen. Aber darum kümmere ich mich dann im nächsten Jahr.

Du hast dich jüngst mit einem Farmer verglichen, der nacheinander seine verschiedenen Projekte aberntet.
Ich liebe es nun mal, immer andere Sachen zu machen. Ich mag frische Felder. Und wenn ich ein Feld für fünf, sechs Jahre in Ruhe lassen, ist es wieder wie neu. Dann hat es die richtigen Nährstoffe, um zu wachsen. Ich weiß aber nie, was aus der magischen Saat entstehen wird.

Fotos: Warner Music

Was bedeuten dir die Gorillaz?
Es ist sehr befreiend, für die Gorillaz tätig zu sein. Man kann sie auch mal alleine lassen. Aber mit ihnen ist es immer gesellig, weil man viele Leute durch sie trifft.

Das letzte Studioalbum der Gorillaz ist sechs Jahre her. Comiczeichner Jamie Hewlett sagte, dass ihn „Plastic Beach“ an den Rande des Wahnsinns getrieben hätte. War es für dich ähnlich herausfordernd?
Ich glaube, damit es funktionieren kann, müssen wir beide an einem Strang ziehen, so wie bei der neuen Platte. Bei „Plastic Beach“ war das nicht immer so. Ich meditierte damals über Müllrecycling und Umweltverschmutzung, was nicht wirklich ein sexy Thema für Popmusik ist. Aber Jamies Art zu Zeichnen hat Sexyness. Sein Stil ist immer leicht erotisch. Darauf steht er einfach. Recycling sexy aussehen zu lassen, bescherte ihm Kopfschmerzen. Bei „Humanz“ hat er es leichter.

Ganz offensichtlich: In dem 360-Grad-Virtual-Reality-Video zu „Saturnz Barz“, das binnen zwei Tagen fünf Millionen Mal auf Youtube angeklickt wurde, ist Gorillaz-Bassist Murdoc erstmals splitternackt zu sehen!
Ja, Murdoc ist nackt, und was er zu zeigen hat, ist wirklich beeindruckend. Vermutlich hat das Video deshalb den Rekord unter den VR-Videos gebrochen. Bedauerlicherweise blieb der Clip nur 20 Minuten unzensiert im Netz. Danach wurden seine prächtigen Genitalien unkenntlich gemacht. Dabei war es nicht mal ein erigierter Penis!

Fotos: Warner Music

Sex sells also auch bei den Gorillaz?
Das wollen wir mal schwer hoffen! Ich bin mir sicher, dass es irgendwann für alle die Möglichkeit geben wird, die Version von einem durch den Weltraum schwebenden Murdoc zu sehen, an dem sein Teil runterbaumelt.

Im kommenden Jahr werden die Gorillaz 20.
Ja, sie sind ein Jahr älter als meine Tochter Missy.

Aber die Gorillaz altern nicht?
Sie altern anders. Noodle sieht weiblicher aus als früher. Aus irgendeinem Grund ist sie mehr gereift als alle anderen. Zumindest ist das Jamies Sicht der Dinge. 2-D hat weniger Haare. Murdoc ist genauso wie er immer war. Russel hat etwas abgenommen, der scheint öfter ins Fitnessstudio gegangen zu sein. Aber abgesehen davon, sind die Vier dieselben geblieben.

Fotos: Warner Music

Jamie und du waren eine Zeit lang nicht gut aufeinander zu sprechen.
Der eigentliche Grund für die lange Pause der Gorillaz war, dass Jamie sich in Paris in eine Schauspielerin verliebt hatte. Es gab eine Phase von 18 Monaten, wo wir uns kaum in die Augen gucken konnten. Aber dann haben wir wieder angefangen, uns in den Arm zu nehmen. Es wäre auch gar nicht anders gegangen. Unsere Kinder sind zusammen aufgewachsen. Es gab also nie einen Punkt, wo wir uns total voneinander entfremdet hätten.

Auch mit deinem ehemaligen Britpop-Widersacher Noel Gallagher machst du dem Album gemeinsame Sache. Bist du auf Kuschelkurs?
Noel und ich kommen aus derselben Ära und haben mit unseren Bands ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir pflegten den gleichen Lifestyle, hingen mit denselben Leuten ab. Da gibt es so viele Parallelen, dass sich eine Freundschaft geradezu aufdrängte.

Fotos: Warner Music

Das Gorillaz-Debüt wurde von Noel Gallagher allerdings noch als Kinder-Musik abgetan.
So falsch lag er damit nicht. Denn ich wollte mit den Gorillaz-Platten immer meiner Tochter Missy imponieren. Sie hatte immer Mitspracherecht, wenn es darum geht, was cool ist und was nicht. Wenn ihr etwas gefällt, fühle ich mich jedenfalls merklich cooler.

Die Gorillaz sind also das Projekt, das deine Tochter am meisten begeistert?
Für jemanden ihren Alters ist es vermutlich am ehesten greifbar. Aber sie ist ein großer Unterstützer von allem, was ich gemacht habe. Sie ist brillant. Ich hoffe, dass ich ihr im Leben auch immer so helfend zur Seite stehen kann.

Allerdings nicht Morrissey, den du als Gast für die Platte angefragt hattest. Warum wollte er nicht?
Es ist einfach nicht passiert. Ich schrieb ihm, wie sehr ich ihn und The Smiths als Teenager geliebt habe. Aber er ist offenbar genauso wenig wie ich Fan von endloser Email-Korrespondenz. Für mich spielt es keine Rolle, denn in meinem Kopf ist die Zusammenarbeit passiert. Ich habe ein Demo aufgenommen, auf dem ich singe wie Morrissey. Es existiert also ein Lied der Gorillaz, das klingt, als hätte Morrissey darauf gesungen.

Fotos: Warner Music

Hast du es ihm geschickt?
Das habe ich. Vielleicht bekommt er eines Tages doch noch Lust?

Grace Jones konntest du überzeugen!
Das hat mich entschädigt. Sie hat im Studio vier Stunden am Stück gesungen und Handstand dabei gemacht. Sie ist krass, aber fabelhaft.

Auf „Humanz“ sind noch mehr Künstler unterschiedlichster Couleur involviert als bei jedem anderen Gorillaz-Album. Ist es wichtiger denn je, ein multikulturelles Statement abzugeben?
Dafür gibt es eine Dringlichkeit. Es geht auf „Humanz“ eigentlich um Beziehungen zwischen Männern und Frauen – auf merkwürdige, abstrakte Gorillaz-Art und vor dem Hintergrund, dass in der Zukunft ein Reality-TV-Star Präsident der USA wird. Als wir Ende 2015 anfingen daran zu arbeiten, konnten wir noch gar nicht wissen, dass Trump Präsident wird. Es hätte für uns aber auch keinen Unterschied gemacht, wenn Trump es nicht geschafft hätte, denn in der Gorillaz-Welt wäre er sowieso Präsident geworden.

Existiert noch eine Version des Albums, bei der du von einem erfreulicheren Ausgang der US-Wahl ausgingst?
Nein. Aber kurz nach der Entscheidung für den Brexit hatten wir das Gefühl, die Platte besser in die Tonne zu treten, weil das Imaginäre immer mehr zur Realität wurde.

Wie fühlst du dich damit, Trump als Präsident vorhergesehen zu haben, als noch keiner daran glaubte?
Für mich war es nur ein Vehikel, den Gastmusikern eine Vorstellung davon zu geben, wie die Welt der Gorillaz diesmal aussieht. Ich sagte ihnen: „Stellt euch vor, wie es sich anfühlt, wenn Donald Trump die Wahl gewinnt.“ Wir spielten das durch. Zu dem Zeitpunkt passierte das nur in unseren Köpfen. Aber meine Tochter witzelte jüngst, ich solle mir ein kleines Häuschen mit Kristallkugel einrichten und mich als Hellseher verdingen.

„Hallelujah Money“, auf dem der Brite Benjamin Clementine singt, zeichnet das dunkelste Szenario.
Als ich das Lied zu allererst meiner Mutter vorspielte, meinte sie: „Oh, das wird also eine zynische Platte.“ Und ich antwortete: „Nicht wirklich, aber ich weiß, was du meinst.“ Der Song entstand im März 2016. Ich stellte mir beim Schreiben die Amtseinführung von Donald Trump vor. Viel dunkler geht es ja kaum.

Der letzte Song heißt „We Got The Power“, gesungen von Savages-Sängerin Jehnny Beth. Ist die Tatsache, dass ein Teil der Bevölkerung gegen das, was gerade passiert, auf die Straße geht, die positive Seite?
Absolut, vielleicht führt das zur Revolution. Die simple Message des Songs bringt auf den Punkt, was das Album ausmacht: Es steckt voll dunkler Vorahnung, aber es ist auch eine aufmunternde Party-Platte. So nach dem Motto: „Jetzt feiern wir uns den Frust weg!“

Es sind zwei Schauspieler auf der Platte: Steve Martin ist mit seinem Stück „Non-Conformist Oath“ (zu deutsch: der nonkonformistische Eid) zu hören.
Ich fand es genial, wie er in ein paar Sätzen ziemlich genau auf den Punkt bringt, wie jemand wie Trump gestrickt ist. Die Aufnahme von Steve Martin ist übrigens schon viele Jahre alt.

Auch der Australier Ben Mendelsohn aus „Rogue One: A Star Wars Story“ mischt bei den Gorillaz mit.
Ein Hauch von „Star Wars“ auf der Platte zu haben, ist ein großartiges Extra! Ich hoffe, er kommt mal in seinem weißen „Star Wars“-Outfit mit uns auf die Bühne. Dann wird das alles noch verrückter. Ich weiß allerdings nicht, ob George Lucas die Idee auch so toll findet.

Bei den Gorillaz treffen Realität und Fiktion aufeinander. Ist die Vermischung von Beidem nicht genau das Problem unserer Zeit?
Ich würde sogar behaupten, dass die Gorillaz mit ihrem Konzept weit ihrer Zeit voraus waren. Und nun fügt es sich nahtlos in die moderne Welt ein. Man kann irgendwelchen Bullshit erzählen, es wird vervielfältigt, und es besteht die Chance, dass es zur weltweiten News wird. Als wir 2001 das Debüt veröffentlichten, war es noch schwierig, Interviews mit den Charakteren der Gorillaz in Zeitungen gedruckt zu bekommen. Heutzutage ist das kaum noch ein Problem. Wenn man so will, haben wir also die „Fake News“ erfunden. Vermutlich glauben die Menschen das jetzt tatsächlich.

Hast du schon die sogenannte Mixed-Reality-App der Gorillaz ausprobiert?
Kann man auf dieses alte Handy die App runterladen? (zeigt auf sein Handy) Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte.

Die Gorillaz sind 2017 mehr denn je auch ein digitales Ereignis. Interessiert dich die technische Seite gar nicht?
Doch. Ich bin bloß kein Technikfreak. Aber ich kann sehr gut delegieren. Wir haben versierte Leute in unserem Digital-Team. So sind die Gorillaz immer innovativ und auf dem neusten Stand. Die Ehre dafür kann ich mir nicht auch noch einstreichen.

Am 20. Juni spielen die Gorillaz in Köln. Was können wir erwarten?
Wir haben eine unglaubliche Band diesmal, vielleicht die beste, mit der ich jemals zusammen gearbeitet habe. Ich glaube wirklich, dass wir die neuen Earth, Wind & Fire sein können. Ich wollte mir auch die Lizenz dazu erteilen, Overalls und Haarbänder zu tragen. Und hochhackige Boots.

Das ist keine so gute Idee. Prince hatte dadurch Hüftprobleme.
Bei mir sind eher die Knie das Problem. Die habe ich mir durch das ganze Rumhüpfen mit Blur in den Neunzigern versaut. Aber es beeinträchtigt nicht mein Pingpong-Spiel. Das ist die gute Nachricht.

11.11.2017 München, Zenith
17.11.2017 Berlin, Max-Schmeling-Halle
18.11.2017 Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
19.11.2017 Hamburg, Sporthalle