Samstag, 20. Juli 2019 10:59 Uhr

Das Bootshaus verdrängt das Berghain als coolsten Club des Landes

Die einzigartige Technokathredale Berghain am Wriezener Bahnhof. Foto: imago images / Schöning

Bootshaus statt Berghain – ein Fachmagazin kürte dieses Jahr einen Kölner Club zum besten des Landes. Berlin hatte das Nachsehen. Das lässt die u.a. Frage aufkommen, wie es eigentlich ums deutsche Nachtleben steht.

Das Bootshaus verdrängt das Berghain als coolsten Club des Landes

DJ Snake legt im Kölner Club Bootshaus. Foto: Bootshaus

„Berlin is over, what’s next“, heißt es bei manchen. Berlin ist out, was kommt jetzt? Das internationale Fachmagazin „DJ Mag“ kürte dieses Jahr den Kölner Club Bootshaus statt wie jahrelang das legendär-verruchte Berliner Berghain zum besten Club in der Bundesrepublik. Im weltweiten Gesamtranking kam der Kölner Club auf Platz acht, das Berghain nur auf Rang zehn. Wie steht es eigentlich um das Nightlife in Deutschland – oder besser: im deutschsprachigen Raum?

Das Bootshaus befindet sich auf einem abgelegenen Werftgelände unter einer Kölner Rheinbrücke. Das hat sich herumgesprochen. Auf dem Parkplatz finden sich an einem heißen Sommerabend Autos mit Kennzeichen auch aus Berlin oder Frankreich.

Im Berliner Berghain gibt man sich noch immer betont exklusiv, die Türsteher sind berühmt und berüchtigt (siehe Video unten). Fotos und Videos strikt verboten. Im Gegensatz dazu: Ins Kölner Bootshaus dagegen darf jeder hinein, der will. Ein Promovideo von innen gibt’s auch. Die meisten Tickets werden – ebenfalls clubuntypisch – wie bei Konzerten vorab online verkauft. An der Tür wird niemand wegen seines Outfits abgewiesen, sagen die Betreiber. Nur zu betrunken oder aggressiv darf man nicht sein, „ansonsten ist hier jeder willkommen“.

Bootshaus mit ganz besonderer Atmosphäre

Über einen Außenbereich, der mit zusammengezimmerten Theken und hölzernen Emporen ringsherum wie eine Piraten-Lagune anmutet, gelangt man auf den Main Floor, den größten Partybereich. Im Vergleich zu vielen anderen Clubs auf der „DJ Mag“-Liste ist die Tanzfläche klein, gerade einmal 1500 Menschen finden hier Platz.

„Eine solche Atmosphäre hat man nirgendwo sonst“, sagt Fabian Thylmann, der Besitzer des Clubs. Die Abgeschiedenheit, die Enge, die Nähe zum Publikum, der Sound – für Thylmann ist es das Gesamtpaket, das nicht nur Gäste von weit her anlockt: David Guetta, Dimitri Vegas, Steve Aoki, Deadmau5, Skrillex – nicht nur dem Fachpublikum sind diese Namen bekannt. Und sie alle haben hier schon aufgelegt.

Das Bootshaus verdrängt das Berghain als coolsten Club des Landes

Die einzigartige Technokathredale Berghain am Wriezener Bahnhof. Foto: imago images / Schöning

Mancher wirft dem Club allerdings vor, zu sehr den Mainstream zu bedienen. Thylmann hält die Kritik für unberechtigt: „Wir spielen sechs oder sieben verschiedene Musikrichtungen, da gibt es genauso viel Abseitiges wie Populäres. Es soll für jeden etwas dabei sein.“

Lange Zeit gab’s den Berlin-Mythos

Der Frankfurter Kulturwissenschaftler Christian Arndt, der Anfang des Jahres das Buch „Electronic Germany – DJs, Klänge, Clubkultur“ herausgebracht hat, sagt: „Das Bootshaus hat sich musikalisch sehr breit aufgestellt, vieles, was hier musikalisch passiert, wäre zum Beispiel im Berghain oder auch im Robert Johnson in Offenbach bei Frankfurt undenkbar.“ Es gebe da sehr verschiedene Philosophien beim Booking, also dem Engagieren der DJs. Als Faustregel gelte: Je größer der Club, desto mehr „Mainstream-Techno“ und Electronic Dance Music (EDM) laufe – wobei das Berghain auch hier die Ausnahme bilde.

Seit Mitte der 90er sei Berlin als Nummer eins in Sachen Clubs eigentlich gesetzt, was sehr viel mit den historisch einmaligen Bedingungen zu tun hatte, dem Mauerfall, ungeklärten Eigentumsverhältnissen und Behörden, die Wichtigeres zu tun hatten, als ordnungspolitische Auflagen bis ins letzte Detail durchzusetzen. Die Lockerheit und Freizügigkeit beflügelte den Berlin-Mythos.

Clubkultur-Experte Arndt sagt, dass es früher in vielen größeren Städten mindestens einen, manchmal zwei oder drei Clubs mit bundesweiter Strahlkraft gegeben habe – man denke etwa ans Dorian Gray und Omen in Frankfurt. Heute sei im deutschsprachigen Raum neben Berlin interessanterweise das relativ kleine Zürich gut aufgestellt, wo es eine Handvoll Clubs wie das Hive, Zukunft, Klaus oder Space Monki gebe, die trotz hoher Preise Zulauf haben, und das obwohl der Druck auf dem Immobilienmarkt höher sei als in jeder deutschen Stadt.

Gentrifizierung verändert Clubkultur

„Nachtleben kann man entweder als Standortfaktor sehen, als kulturelle Bereicherung oder aber als potenzielles Drogen- und Lärmproblem“, sagt Arndt. Berlin habe den Wert seines Nachtlebens mit der seit mehr als 25 Jahren dominanten Technokultur als touristischen und kulturellen Faktor erkannt. Allerdings kämpfe die Szene auch hier mit Gentrifizierung, hohen Mieten und strengeren Auflagen.

Und wie steht Deutschland im Vergleich zum Ausland da? „Mit Ausnahme von Berlin wird Clubkultur wieder zur Randerscheinung, während es in anderen Ländern ganz anders abgeht, sowohl im Underground als auch im größeren und kommerzielleren Rahmen“, sagt Arndt. „Ibiza hat es vorgemacht, mit gigantischen Clubs, die eher Open-Air-Arenen gleichen und bis zu 5000 Menschen fassen. Solche Clubs gibt es mittlerweile auf allen Kontinenten, sie dominieren auch die „DJ Mag“-Charts. Vor allem in Asien, aber auch in Südamerika und rund um das Mittelmeer funktioniert Techno – oder dessen populäre Variante EDM – sehr gut.

Über den vermeintlichen Niedergang des deutschen Nachtlebens lässt sich viel spekulieren. Doch manchem geht die hiesige Club-Kultur noch immer – oder gerade jetzt – buchstäblich unter die Haut: Im Außenbereich des Bootshauses stehen die Menschen auch um halb vier an diesem Morgen noch Schlange – bei Tätowierern. Die einzigen Motive, die sie in dieser Nacht stechen: Schriftzug und Logo des Clubs (.Christoph Koopmann und Gregor Tholl, dpa)

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