Sonntag, 6. Mai 2018 18:10 Uhr

DJ Koze: „Dieser Song wird meine Altersversorgung“

Mit seinem 2013 erschienenen Album „Amygdala“ wurde der in Hamburg lebende DJ Koze, auch „Kosi“ genannt und bürgerlich Stefan Kozalla, zu einem der gefragtesten Elektro-Produzenten weltweit. Er schaffte es in diverse Jahres-Bestenlisten und wurde mit dem Kritikerpreis beim Echo ausgezeichnet.

DJ Koze: „Dieser Song wird meine Altersversorgung“

Foto: Gepa Hinrichsen

Und es sieht ganz danach aus, dass er mit seinem dritten Album „Knock Knock“, auf dem sich u.a. Róisín Murphy und Speech von Arrested Development die Ehre geben, an den Erfolg anknüpfen kann. klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers sprach mit ihm über seinen Sommer-Hit „Pick up“!

Herr Kozalla, „Pick up“ ist der perfekte Song für den Sommer. Für den Track haben Sie ein „Motown“-Sample von Gladys Knight & The Pips benutzt.
Es hat ein Jahr lang gedauert, die Rechte für das Sample zu klären! Aber die Mühen waren es wert. Ich habe das Stück schon beim Coachella-Festival in Kalifornien gespielt – da ist die Hütte abgebrannt. Der Song wird meine Altersversorgung. (lacht)

Das Wort „Sad Disco“ fiel im Zusammenhang mit dem Stück.
Ich liebe eine gewisse Euphorie und Melancholie. Auf jeden Fall muss es etwas Melodisches sein, damit es mein Herz zum Schwingen bringt. Danach suche ich eigentlich bei jedem Lied. Ich könnte es nicht groß anders machen. Ich könnte nicht den David-Guetta-Sound machen. Auch wenn ich glaube, dass er seine Songs genauso fühlt wie ich meine. Und wenn etwas funktioniert, dann auch nackt vorm Spiegel rumtanzt.

Tanzen Sie nackt vorm Spiegel?
Ja, logo! Entweder das oder ich finde alles scheiße und muss den Papierkorb entleeren.

In Ihrem Genre sind sie ein international gefeierter Star. Wie ist das, wenn Sie beim renommierten Coachella Festival auflegen?
Super heiß! Keine drei Minuten konnte ich es ohne eine Pappe überm Kopf aushalten. Ich habe mit ein paar Leuten die Bar geleert. Man hat dann noch eine Woche Brückentage in Kalifornien, weil man an zwei Wochenenden auftritt. Aber es ist unglamouröser, als man denkt.

Haben Sie das Gefühl, es geschafft zu haben?
Ach, das ist ja so ein fließender Prozess und eher subjektiv. Ich bin froh, dass ich Ideen verwirklichen kann, dass ich mit meiner Plattenfirma Pampa Records eine Infrastruktur geschaffen habe, dass ich solche Künstler wie Sophia Kennedy und meine eigene Musik veröffentlichen kann, dass ich mit Leuten meine Musik machen kann, die ich früher schon bewundert habe. Und dass ich kein deutschsprachiger Rapper mehr bin.

DJ Koze: „Dieser Song wird meine Altersversorgung“

Foto: Gepa Hinrichsen

Sie würden also nicht noch mal wie in Ihren Anfängen mit Fischmob rappen?
Nein. Da habe ich das Gefühl, das den Jungen überlassen zu müssen. Die haben ihre eigenen Themen und Vertreter. Das ist auch richtig so. Im HipHop ist man Sprachrohr. Mit 45 noch den Nerv der Zeit zu treffen, ist schwer – altern im HipHop hart. Da gibt es dann Themenarmut: „Mein Bitcoin hat verloren“ oder „Meine Putzfrau ist zu teuer“ rappt sich nicht besonders gut.

Bei den Beginnern hat es dennoch funktioniert mit dem späten HipHop-Comeback.
Ich glaube aber nicht, dass 18-Jährige zu ihnen sagen: „Worüber ihr sprecht, ist genau das, was ich wissen will!“ Die haben doch eher Bock auf einen 19-Jährigen, der Codein nimmt.

Stehen Sie noch in Verbindung zu Leuten von früher?
So ein bisschen bin ich da noch drin. Von Dendemann höre ich öfter. Der macht auch gerade was Neues. Mit Jan Delay habe ich guten Kontakt, aber wir reden quasi über alles andere außer Musik, weil wir nicht den gleichen Musikgeschmack haben.

Worüber reden Sie denn?
Über gefrorene Weintrauben… Immobilienpreise… (lacht)

Wird Ihre Supergroup International Pony noch mal ein Revival erleben?
Nee, das glaube ich nicht. Vielleicht wenn wir abgebrannt sind. Wenn wir die Karriere runtergewirtschaftet haben, dann machen wir ein „Greatest Of Best Hits“-Album oder so. (lacht)

Ändert Erfolg einen Menschen?
Ich glaube, Erfolg macht in Anführungsstrichen einen guten Charakter. Auf jeden Fall hilft es, zufrieden mit sich zu sein und nicht neidisch. Wenn Leute Jahre lang Musik machen, es läuft nicht, und sie können nicht davon leben, dann ist es schwer, zu andern zu gehen und zu sagen: „Das finde ich klasse, was du machst, und ich freu mich, dass du im Privatjet fliegst. Aber ich bin auch glücklich mit RyanAir.“ Erfolg stimmt schon milder und hilft, nicht bitchy zu sein. Denn so verhält man sich nur, wenn man eine anstrengende Unzufriedenheit in sich trägt. Das ist bei mir heute nicht mehr der Fall.

Waren Sie mal bitchy?
Bitchy nicht, aber wenn man Mitte 20 ist, dann ist man vielleicht noch ein bisschen grünschnäbeliger und naiver. Alles muss schnell gehen, und man überschätzt sich. Irgendwann merkte ich: OK, das ist das, was ich wirklich kann, das andere kann ich einfach nicht. Das hat ja auch die Geschichte bewiesen. Man weiß irgendwann, welche Felder man beackern sollte. Und wenn man das dann gut macht, mit Fleiß und Leidenschaft, dann gibt es ja gar nicht mehr so viele Dinge, über die man sich aufregen kann.

DJ Koze: „Dieser Song wird meine Altersversorgung“

Foto: Gepa Hinrichsen

Wie kommt es, dass es bei Ihnen funktioniert hat?
Es ist wohl ein Vorteil, dass ich immer zwischen den Welten bin. Es ist nicht richtig HipHop, es ist nicht richtig Techno, es ist nicht richtig House. Die Stücke haben Pop-Appeal, aber keine Refrains und sind über 3 Minuten 50 lang. Sie widersetzen sich vielen Regeln. Damit wird es irgendwie unique. Das ist ja auch das Ziel, man möchte im besten Falle erkennbar sein, ohne aber eine Formel zu wiederholen, so dass Leute sagen: „Oh das klingt nach Kosi.“

Und darum bemühen Sie sich?
Immer. Wenn man das lange genug stoisch durchzieht, dann besetzt man eine Nische. Das ist sehr, sehr schwer. Wenn ich meine Deezer-, Spotify- oder iTunes-Listen durchgucke, dann ist der ganze HipHop autogetuned mit Trapbeats und der ganze Techno mit Bassdrum und kitschigen vier Akkorden versehen. Es klingt austauschbar, obwohl alles von verschiedenen Leuten kommt. Es ist nicht einfach, eine eigene Sprache oder Tonalität zu finden. Es ist auch nicht einfach, als deutscher Künstler akzeptiert zu werden. Wenn sich Leute kreatives, freshes Zeug anhören wollen, sagen die wenigsten: „Guck mal in der deutschen Playlist nach.“

Hat Hamburg Ihre Karriere verschlafen?
Ach, ich weiß nicht. Ich sehe mich gar nicht so sehr als Hamburger Künstler, mal abgesehen davon, dass ich meine Homebase hier habe. Mich hat immer schon Musik von überall interessiert und nicht nur ein kleines Biotop. Ich wohne das halbe Jahr in Spanien und reise immer rum. Denn es ist schwer, alt zu werden in der Stadt.

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Foto: Gepa Hinrichsen

Warum?
Je älter ich werde, desto mehr weiß ich die Natur zu schätzen, den Blick zum Horizont anstatt auf die nächste Hauswand. Wenn man jung ist, hat man Bock auf die Stadt und merkt nicht, ob das Wetter jetzt schlecht oder gut ist. Aber ab 40 kriegt man nach dem 100. Tag mit Bewölkung und Regen schon mal schwere Antriebsschwäche.

Wie lebt es sich denn in dem katalanischen Dorf, wo Sie vor 17 Jahren Ihr Zweitdomizil aufgeschlagen haben?
Ganz simpel. Ich lebe dort in einem kleinen Appartement. Und wenn ich morgens aufwache, geht’s nur darum: Wo kommt der Wind heute her – müssen wir uns die Jacke anziehen? Morgen ist Wochenmarkt – haben wir noch Kartoffeln? Wie das neue Album von XY klingt, ist total irrelevant. Meine katalanischen Nachbarn wissen auch gar nicht so genau, was ich mache. Die nennen mich nur den „Dee Jee“. Sie sagen dann: „Leg doch mal auf jetzt, du bist doch der Dietschie.“ Das ist gut fürs Ego und das Gegenteil von Superstar-Behandlung.

Wie bewerten Sie den Musikstandort Hamburg?
Wir haben hier schon wildere und frischere Zeiten erlebt, oder? Man denke nur an die damaligen HipHop-Partys im Millerntorstadion oder der Hamburger Schule. Es wächst nicht so richtig was nach, wovon man sagen könnte, dass Hamburg einflussreich war für die Identität dieser Musik.

Wie meinen Sie das?
Nicht auf die Waterkant-Romantik bezogen, sondern auf die subversive Attitüde. Pudel-Club und gegen große Marke und Majors sein – da war immer eine subversive Kraft, die andere Städte nicht unbedingt hatten. Egal, ob das HipHop oder Indie war – mit den Hamburgern war nicht gut Kirschen essen, weil sie nicht korrumpierbar waren oder sind.

Wo haben Sie das neue Album „Knock Knock“ aufgenommen?
In Hamburg und Spanien. Ich arbeite an einem Platz und mache am anderen weiter. Es ist auch gut, mit zwei verschiedenen Aggregatzuständen die Musik zu hören. In Hamburg bin ich fleißig – getrieben sogar – und eher verdrahtet mit der Modernität. Im Dorf habe ich ganz andere Ohren für Musik. Ich schaue dann immer, ob meine Musiker an diesem Platz auch Relevanz hat.

Wo trafen Sie Róisín Murphy, die zwei Songs auf der Platte singt?
In London. Aber wir hatten schon länger einen guten Kontakt und musikalisch schönen Austausch. Manchmal haben wir uns die Musik auch einfach hin- und hergeschickt. Persönliche Anwesenheit ist eh überbewertet. Ich bin ja Produzent und finde das gut, wenn ich erst mal alleine rumfrickeln kann. Denn Studiosessions mit mehreren Leuten sind selten so, dass alle Pfefferminztee trinken und sich zurücknehmen.

DJ Koze: „Dieser Song wird meine Altersversorgung“

Foto: Gepa Hinrichsen

Was mögen Sie an Róisín Murphy?
Sie ist eine super talentierte, sehr offene und freshe Künstlerin. Sie hat ständig irgendwelche Gesangsmelodien in petto, die alle eine eigne Qualität haben und nicht cheesy sind. Das zeichnet sie aus. Denn es ist gar nicht so einfach und eher selten, nicht so klebrige Gesangslinien zu haben.

War es einfach, die ganzen Feature-Artists für die Platte zu gewinnen?
Irgendwie ja. Abgesehen von Speech von Arrested Devolopment kannten mich die Künstler schon. Speech musste ich einfach dabei haben. Arrested Development waren ein großer Einfluss in meiner Jugend. Diesen Country-Farmer-HipHop, der so hippiemäßig, bunt und froh daherkam, mochte ich sehr gerne. Das war nicht so militant wie Public Enemy. Das Lied „Colors Of Autumn“, das ich für meine Platte gemacht hatte, klang eh nach seiner Band.

Wie haben Sie Speech dann für die Zusammenarbeit begeistert?
Ich hatte den Manager von Speech angeschrieben. Eine Woche später habe ich gesehen, dass Arrested Development eh in Hamburg spielen sollten. Speech hatte an dem Tag auch noch Geburtstag – es war ein tolles Konzert. Ich traf ihn danach, und es war eine unglaublich herzliche Begegnung. Er meinte: „Lass uns loslegen, ich schick dir nach der Tour was rüber.“ Und so war es dann.

Humor kommt bei Ihnen auch nie zu kurz. Dafür muss man sich nur mal das Album-Artwork, das Sie mit großem Hut auf einem Joshua Tree zeigt, ansehen…
Ich bin auch immer interessiert an einer visuellen Idee. Es bringt Spaß, eine kleine Welt für die Platten zu erfinden. Die muss gar nicht unbedingt zur Musik passen. Ich finde es sogar gut, ihr etwas entgegen zu stellen.

Album: DJ Koze „Knock Knock“ (Pampa/Rough Trade)

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