Montag, 18. November 2013 14:19 Uhr

Eyjafjallajökull, Paraskavedekatriaphobie und die ADB

Manchmal müssen Nachrichtensprecher wahre Wort-Akrobaten sein. Wenn die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull in der Gemeinde Rangárþing eystra den europäischen Flugverkehr lahmlegt. Oder das mulmige Gefühl der Paraskavedekatriaphobie umgeht – die Furcht vor dem angeblichen Unglücksdatum Freitag, dem 13..

Jens Riewa

Für Herzklopfen sorgen auch die neuen Werke der französischen Schriftsteller Michel Houellebecq und Frédéric Beigbeder. Den Moderatoren sollte dann besser „WellBeck“ und „Begbedee“ anstelle von ‚Hellebeck‘ und „Bäschbehda“ über die Lippen gehen.

Wechselt der Generalsekretär der Vereinten Nationen von „Koo-fi Annahn“ zu „Bahn Ki-Muuhn“, verlassen sich Sprecher des öffentlich-rechtlichen Rundfunks längst nicht mehr auf veraltete Lexika oder Aussprache-Karteikärtchen. Exotische Namen und andere Zungenknoten lösen sie seit mehr als 16 Jahren mit der ARD-Aussprache-Datenbank (ADB) – einem Computerprogramm, das wie eine Art interne Wikipedia-Seite funktioniert, erklärt ihr Leiter, Roland Heinemann. Mit wenigen Klicks verrät das Programm, wie man schwierige Wörter korrekt ausspricht.

Heute stehen rund 340 000 Fachbegriffe, Ausdrücke oder Namen zum Abruf bereit – mehr als das ähnliche BBC-Archiv mit über 200 000 Einträgen. Jedes Jahr wächst die interne ARD-Datenbank um etwa 20 000 Informationen. Die Aussprache-Datenbank sei das wichtigste Hilfsmittel aller Nachrichtensprecher, sagt Jan Hofer, Chefsprecher der ‚Tagesschau‘.

‚Tagesschau‘-Sprecherin Linda Zervakis (Foto ganz unten) liest gerade die Morgennachrichten vor – ihr Chef hört mit. Hofer tastet nach einem schwanenhalsförmigen Mikrofon: „Das haben Sie sehr schön gemacht.“ Letztens habe er Zervakis indes bei einem „Sid-nei“ erwischt, ‚Sid-ni‘ sollte das aber heißen, sagt er.

Hofer fährt an einem Computer mit der Maus über ein blaues Suchfeld, tippt den Namen des früheren UN-Generalsekretärs ein. Die ADB spuckt „Annan“ in einer Liste aus – als Lautschrift, als verständlichere Umschrift, als Audio-Datei, als Hintergrund-Information. „Wir haben ihn Anfang Ännen genannt, da er aus Ghana kommt, da spricht man Englisch“, sagt Hofer.

Ein Korrespondent habe ihn später nach der richtigen Aussprache gefragt: „Annan, like German Anna“, lautete die Antwort. In der Datenbank ist sie nun als Quelle unter dem Zeitstempel 17.02.1998 verbucht. In der Regel würde jedoch in Botschaften, Konsulaten oder Auslandskorrespondenten nachgefragt, in Enzyklopädien nachgeschlagen oder fremdsprachige Kollegen angerufen.

Eyjafjallajökull und Paraskavedekatriaphobie: Die Geheimnisse der ARD-Aussprache-Datenbank

Die ADB wird seit 16 Jahren vom Hessischen Rundfunk verwaltet – ursprünglich wegen des kurzen Drahts zur Duden-Redaktion in Mannheim. „Der Aussprache-Duden war die Grundlage für die Aussprache-Datenbank. Allerdings ist er teilweise veraltet, weil sich die Sprache ständig ändert“, erklärt Hofer. Ein weiteres Problem: Das Nachschlagewerk lehne sich bei Ortsbezeichnungen eng an die Lautsprache an, berücksichtige aber kaum die regionalen Gepflogenheiten.

Aus manchen Sprachen könnten Aussprachen nicht Eins-zu-eins übernommen werden, etwa beim Arabischen. Diese Wörter würden für die Ohren hierzulande eingedeutscht, «weil manches auch in Deutsch merkwürdig klingen würde, wenn wir es so aussprechen würden“, sagt Hofer. Es gilt der Grundsatz: „Der Zuschauer muss immer wissen, um was es geht.“ Auch regionale Sonderregeln für die staatlichen schweizerischen, österreichischen und italienischen Rundfunksender, die ebenfalls an die ADB angeschlossen sind, wurden eingepflegt. Für Österreicher heißt es eben „Schiraffe“, nicht „Giraffe“, erklärt Heinemann.

Linda Zervakis

Das ZDF unterhält übrigens keine eigene Datenbank, sondern verlässt sich nach Angaben eines Sprechers auf die Kommunikation unter den Kollegen.

Die Regeln der ADB sind für alle Mitarbeiter im Sendegebiet der ARD verbindlich. Trotz des digitalen Helfers sind jedoch selbst erfahrene Ansager gegen manchen fiesen Versprecher nicht gefeit: „Mit Massachusetts habe ich es nicht so“, sagt Zervakis, „vor kurzem bin ich über das Wort irregulär gestolpert. Das kann passieren, vor allem nachts, wenn man unkonzentriert ist.“

Fotos: NDR/Sker Freist, NDR/Dirk Uhlenbrock,

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