Samstag, 15. November 2014 19:13 Uhr

80er-Ikone Holly Johnson über Liebe, Lebenskrisen und Lebensretter

Holly Johnson hat uns als Sänger von Frankie Goes To Hollywood nicht nur durch die Achtziger begleitet – er versüßt uns mit „The Power Of Love“ auch jedes Weihnachtsfest! Gerade hat sich der 54-jährige Brite mit seinem ersten Soloalbum seit 15 Jahren zurückgemeldet, da folgt auch schon die Tour. Seine Stimme ist zum Glück immer noch so fantastisch wie früher. klatsch-tratsch.de sprach mit Holly Johnson über Liebe, Lebenskrisen und Lebensretter!

Holly Johnson über Liebe, Lebenskrisen und Lebensretter

Mr. Johnson, Ihr neues Album handelt von der Liebe.
Ja, es geht um die verschiedenen Arten von Liebe und darum, wie sich Beziehungen verändern.

Bei Frankie Goes To Hollywood drehte sich noch alles um Sex!
Eigentlich war das nur bei „Relax“ und vielleicht noch einem weiteren Song der Fall. „Two Tribes“ war politisch und hatte eine Anti-Kriegs-Botschaft. „The Power Of Love“ wurde dank des Videos zum Weihnachtslied. Aber aus irgendeinem Grund erinnern sich die Leute nur an den Sex! (lacht)

Vermutlich, weil es im dazugehörigen Video auch eindeutig um Gay-Sex ging.
Das war damals noch ein Tabu-Thema, insofern wurden wir als absolut kontrovers gesehen und sogar zensiert. Aber das war ja alles Strategie: Wir wollten eine handfeste Alternative sein zu Teeniebands wie Spandau Ballet oder Duran Duran.

Tabus zu brechen ist seither an der Tagesordnung.
Ja, das ist eine Tradition, die letztendlich Madonna etabliert hat. Wir hatten in Amerika das gleiche Management wie sie. Madonna besuchte unseren ersten Shows in New York. Sie versuchte, unseren Produzenten Trevor Horn dazu zu bewegen, ihr Debütalbum zu produzieren. Ich denke, sie hat damals erkannt, wie effektiv Kontroversität sein kann. Miley Cyrus steht da hinten in der langen Schlange – nach Madonna und Lady Gaga.

Wirklich provozieren kann doch heute nichts mehr, oder?
Weil es schon mal vorher origineller gemacht worden ist. Selbst Justin Bieber mit seinem Bad-Boy-Image erfüllt doch nur noch ein mediales Wunschdenken im Bezug auf seine Person. Wir haben heute so viele Medienkanäle, die mit Geschichten gefüttert werden wollen. Das war noch anders in den Achtzigern, da gab es nur die Bravo.

Dass Frankie Goes To Hollywood trotzdem vom Mainstream akzeptiert wurden, war ziemlich erstaunlich!
Das hat mich selbst komplett überrascht. Ich hatte mit einem Kult-Erfolg gerechnet. Die Tatsache, dass wir sogar in der „Bravo“ regelmäßig stattfanden, war verrückt.

Waren Sie denn auch privat der Typ in den Latex-Handschuhen, die Sie im Video zu „Relax“ trugen?
Nein, das war alles nur inszeniert! Frankie war ein Charakter, den ich mir zulegte und mit dem ich in eine Fantasiewelt abtauchte – so wie Ziggy Stardust ein Charakter von David Bowie war. Mein neues Album kommt der echten Person näher. Privat bin ich eher soft!

Im Gegensatz zu einigen Ihrer Kollegen hatten Sie aber kein Problem damit, sich als schwul zu outen, oder?
Nein, überhaupt nicht. Als wir uns längst zum Schwulsein bekannt hatten, hielten George Michael, Boy George und Marc Almond immer noch hinterm Berg. Wohl auch, um keine wirtschaftlichen Nachteile davonzutragen.

80er-Ikone Holly Johnson über Liebe, Lebenskrisen und Lebensretter

Hatten Sie die denn?
In Amerika hatten wir Nachteile. Frankie Goes To Hollywood haben dort intensiv getourt. Aber nur in New York, San Francisco und Los Angeles spielten wir große Shows. Im mittleren Westen, Texas usw. war der Zuspruch eher klein! Wir hatten also nicht den großen Erfolg, den zum Beispiel Wham! und Culture Club dort feierten. Aber man kannte uns, weil „Relax“ 1984 in Brian De Palmas Film „Body Double“ zu hören war. Das hat uns in Amerika zumindest zu unserem einzigen Top-Ten-Hit dort verholfen.

Ihr bekanntester Solosong ist „Americanos“. Haben Sie damit die amerikanische Kultur auf die Schippe genommen?
Schon! Weihnachten 1988 besuchte ich eine Schwester meines Lebenspartners Wolfgang in Amerika. Ich hörte im Radio, dass Spanisch die zweithäufigste Sprache in den USA ist. Da kam mir die Idee für einen Song über illegale Immigration von Menschen aus Lateinamerika, die glaubten, ein wundervolles Leben in Amerika führen zu können. Die Realität sah aber anders aus, denn sie bekamen meist nur minderwertige Jobs in Küchen und Wäschereien. Auch die Tatsachen, dass es noch nie einen US-Präsidenten mit Lateinamerikanischer Herkunft gegeben hat und in Hollywood nur wenige Schauspieler von dort Fuß fassen konnten, inspirierten den Song. Das Lied ist natürlich fröhlich und ironisch, und das Video hat was vom Film „Hairspray“. Aber dahinter verbirgt sich eine ernste Botschaft.

Viele der Achtziger-Stars hatten ihre Probleme: Boy George und George Michael mit ihren Drogenexzessen, Adam Ant mit einer psychischen Erkrankung. Wie schneiden Sie im Vergleich dazu ab?
Nachdem die Achtziger vorbei waren, war es fast so, als wäre eine Hexe vorbeigekommen und hätte mich mit einem bösen Schwur belegt! Mein zweites Soloalbum lief nicht so gut, und ich erhielt die Diagnose, HIV-positiv zu sein. Fast alle Menschen im Musikbusiness wandten sich von mir ab. Mein deutscher Lebenspartner Wolfgang, mit dem ich mittlerweile 30 Jahre zusammen bin, kümmerte sich mit unglaublicher Hingabe um mich. Aber unsere Beziehung veränderte sich: Er wurde von heute auf morgen zu meiner Krankenschwester.

Und dann starb Freddie Mercury!
Mit der richtigen Medizin könnte er heute noch leben! Ich musste fünf Jahre darauf warten und war mir sicher ich wäre der nächste.

Hat man auch deshalb so lange nichts mehr von Ihnen gehört?
Ja. Alle meine Energie ging ins Überleben! Heute fühle ich Schuld, aber auch großes Glück, dass ich überlebt habe. Auf gewisse Weise lebe ich mein Leben für alle die, die es nicht geschafft haben. Die neue Platte ist ein Manifest dafür, dass Beste aus dem Leben rauszuholen!

Holly Johnson auf „Dancing With No Fear“-Tour:

08.12.2014 Stuttgart-Wangen, LKA-Longhorn
09.12.2014 München, Tonhalle
11.12.2014 Berlin, Astra Kulturhaus
13.12.2014 Köln, Live Music Hall

Interview: Katja Schwemmers, Fotos: WENN.com

 

OK

Hinweis: Durch Nutzung von klatsch-tratsch.de stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Mehr erfahren