Jetzt auch auf Tonträger: Jeff Tweedy und Fleet Foxes

Erstaunlicher Autor und starker Singer-Songwriter: Jeff Tweedy.

Kabir Dhanji/EPA/dpa

03.02.2021 12:41 Uhr

Ausgerechnet zwei Alben mit besonders edlen Cover-Artworks erschienen im vorigen Herbst zunächst nur digital. Jetzt gibt es die Werke von Wilco-Frontmann Jeff Tweedy und den Fleet Foxes endlich auch auf Vinyl und CD.

Das Phänomen trifft man inzwischen häufiger an: Ein neues Album wird zunächst – gleichsam hastig auf den Markt geworfen – nur in digitaler Form veröffentlicht. Und dann warten viele Fans ungeduldig, bis die Platte auch in ganz klassischer, physischer Form erscheint.

Bei zwei US-Folkrock-Werken des vergangenen Jahres, die zu Recht in vielen Bestenlisten für 2020 auftauchten, hat das Warten ein Ende: „Love Is The King“ von Jeff Tweedy und „Shore“ von den Fleet Foxes gibt es nun auch auf CD und Vinyl. Die Tonträger werden von prächtigen Cover-Artworks umhüllt, die das aufwendige Format absolut rechtfertigen: eine historische Robert-Capa-Fotografie bei Tweedy, Naturaufnahmen von Hiroshi Hamaya bei den Fleet Foxes.

JEFF TWEEDY: WIEDER ZUM BUCH EIN SOLALBUM

Er gehört zu den produktivsten, ernsthaftesten Künstlern in der US-Rockszene – und zu den vielseitigsten. Schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre erwies sich Jeff Tweedy (53) nicht nur als einer der stärksten amerikanischen Singer-Songwriter, sondern auch als erstaunlicher Autor.

Nach dem 2019 erschienenen Album „Ode To Joy“ mit seiner Virtuosen-Band Wilco waren es nun eine Soloplatte und ein weiteres Buch, mit denen er zu überzeugen wusste. Dabei spiegeln die elf Lieder von „Love Is The King“ (dBpm/ADA/Warner) Tweedys knorrig-freundliche Persönlichkeit ebenso wie die knapp 180 Seiten des autobiografisch angehauchten „How To Write One Song“.

Ähnlich verwöhnt wurden die Fans schon 2018, als Soloalbum und Memoiren einen perfekten Zweiklang ergaben. Tweedy zeigt sich sowohl in seinen wunderbaren Liedern als auch in Lebenserinnerungen und Gedanken über Musik als stets authentischer, oft auch sympathisch verletzlicher Autor.

„Love Is The King“ entstand während des Corona-Lockdowns im Chicagoer Wilco-Studio zusammen mit Jeff Tweedys Söhnen Spencer und Sam. Das Ergebnis ließ sich eher mit den reduzierten Solo-Vorgängern „Warm“ und „Warmer“ vergleichen als mit den epischen Band-Werken „Yankee Hotel Foxtrot“ (2002), „Sky Blue Sky“ (2007) und „The Whole Love“ (2011).

Gleichwohl enthielt auch diese zunächst so bescheiden klingende Folk- und Countryrock-Scheibe einige besonders schöne Tweedy-Momente: das nachdenkliche „Troubled“, die Ballade „Bad Day Lately“, „Even I Can See“ als bewegende Liebeserklärung an seine Ehefrau Sue, aber auch „Guess Again“ und der hoffnungsvolle Titelsong.

Denn dass die Liebe das Höchste ist („Love Is The King“) – darauf beharrt Tweedy hoffnungsvoll trotz aller Verzweiflung über den Zustand seines zerrissenen Landes. „Ich habe versucht, nicht zu viel Zorn zu empfinden“, sagte er, auch mit Blick auf Donald Trumps Präsidentschaft, dem Magazin „Esquire“. Es sei nun mal „eine traurige Tatsache, dass viele Leute etwas Monströses stärken und unterstützen. Doch sie sind nicht alle Monster.“

FLEET FOXES: SCHÖNKLANG – AUF DIE SPITZE GETRIEBEN

Bei der Erneuerung der US-Folkmusik zu einem so ambitionierten wie massentauglichen „Indie-Folk“ sind die Fleet Foxes neben Grizzly Bear, Bright Eyes und Bon Iver das Maß aller Dinge. Dabei hat sich die Band aus Seattle rar gemacht: Seit 2008 erschienen nur drei Studioplatten. Aber die waren allesamt Ereignisse – wie im September 2020 auch wieder das von einem Film begleitete „Shore“ (Anti-/Indigo).

Robin Pecknold (34), der hochbegabte Foxes-Frontmann, hatte vor der digitalen Veröffentlichung einige wenige Andeutungen gestreut: Es sei „seltsam, aus der Quarantäne ein Album zu veröffentlichen“, und er sei sehr aufgeregt. Gleich 15 Lieder wurden es dann, die dieser fantastische Singer-Songwriter mit honigsüß-warmer Stimme zu einem bombastischen Barock-Folk-Referenzwerk veredelte.

Auch wenn man von den Vorgängern „Fleet Foxes“ (2008), „Helplessness Blues“ (2011) und „Crack-Up“ (2017) schon einiges an hymnischer Wucht gewohnt war – feierlicher, epischer und raffinierter als auf „Shore“ kann Folkrock nicht mehr klingen. Pecknold muss sich angesichts dieser Cinemascope-Produktion wohl tatsächlich fragen, ob er am Limit seines grandiosen Zuckerbäcker-Konzepts angelangt ist.

„Ich wollte ein Album machen, das das Leben im Angesicht des Todes feiert“, sagte der Musiker, der mittlerweile mehr oder weniger allein für das Projekt Fleet Foxes steht. Begleitet von prominenten Gästen, führte er auf „Shore“ über 55 Minuten Spieldauer Einflüsse aus sechs Pop-Dekaden (angefangen bei Joao Gilberto, den Beach Boys, Simon & Garfunkel) bis hin zu noblen Bläser-Arrangements und Choralmusik zusammen.

Eine Übung in Überwältigung – auch gut vier Monate nach dem ersten Kennenlernen immer noch faszinierend.

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