Freitag, 25. Oktober 2019 21:49 Uhr

Jon Anderson: Der Hitsänger mit der glockenhellen Stimme hat Geburtstag

Yes-Sänger Jon Anderson wird 75. Foto: Andreas Gebhard/dpa

Harte Arbeit und eine unverwechselbare Stimme: Vor über fünfzig Jahren gründete Jon Anderson die Band Yes und verfolgte gleichzeitig viele Soloprojekte. Nun wird er 75.

Jon Anderson wehrt mit seiner unverkennbar hellen Stimme ab: „Ich betrachte mich nie als Rockstar, obwohl ich das Glück habe, in der Hall of Fame zu sein. Ich bin nur eine ganz gewöhnliche Person.“

Ganz gewöhnlich? Nicht jeder findet ein Album in seiner Garage: Anderson entdeckte dort Bänder mit dreißig Jahre alten Aufnahmen wieder und produzierte daraus sein neues Album „1000 Hands“. Heute feiert der Rockstar, der keiner sein will, seinen 75. Geburtstag.

„Ich arbeite jetzt immer noch“

„Alles ist möglich, wenn man nur daran arbeitet“ ist sein Motto, und sein Lebensweg ist das beste Beispiel dafür. Mit neun oder zehn Jahren begann er auf einem Bauernhof Kühe zu melken und lieferte die Milch in seiner nordenglischen Heimatstadt Accrington aus. „Ich war immer ein glückliches Kind. Ich habe als Kind hart gearbeitet“, sagt Jon Anderson der Deutschen Presse-Agentur kurz vor seinem 75. Geburtstag: „Ich habe früh angefangen. Ich arbeite jetzt noch.“

Morgens macht er Stimmübungen und meditiert. „Jeden Tag muss ich Zeit finden, um einfach die Welt anzuhalten und in mich hineinzugehen, mich zu entspannen“, sagt er. „Ich atme langsam und versuche, mich mit der Energie zu verbinden, die alle und alles umgibt.“ Vor allem der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse habe ihn beeinflusst. „Ich habe seine Bücher am Anfang von Yes gelesen. ‚Siddhartha‘ hat mir geholfen zu erkennen, wer du wirklich bist.“

Anderson sang mit seinem älteren Bruder bei The Warriors, aber sie probten ihm nicht oft genug. Musik war für ihn ein Abenteuer, deshalb verließ er sie und landete in München: „Ich wollte kein Popstar sein, weil ich dachte, ich sei zu alt dafür. Ich wollte nur Musiker finden, die Musik machen wollten.“ Im Englischen Garten in München habe eine Stimme zu ihm gesprochen. „Ich weiß, es ist verrückt, aber es war eine sehr schöne Stimme, die sagte: ‚Mach dir keine Sorgen, dass alles klappt. Du musst nur hart arbeiten.'“

1968 ging es mit Yes los

Zurück in London verdiente er Geld, indem er nachts eine Bar putzte. Dort traf er den Bassisten Chris Squire (1948-2015), mit dem er 1968 die Band Yes gründete. „Ein wunderbares Chaos“, schrieb er in seinen Memoiren. Die Band wechselte später oft die Besetzung. Vor 50 Jahren kam ihr erstes, gleichnamiges Album heraus. Damals machten sie überwiegend psychedelische Musik, die sich später zu Progressive Rock wandelte.

Jon Anderson sang fast auf jedem Yes-Album. Doch 2008 wurde bei ihm – kurz vor der Jubiläumstour zum 40-jährigen Bestehen der Band – akutes Lungenversagen diagnostiziert. Daraufhin ersetzten ihn seine Bandkollegen kurzerhand mit dem Sänger einer Coverband, ohne Anderson darüber zu informieren. „Enttäuscht und missachtet“ fühle er sich, kommentierte der Mitbegründer von Yes damals. Inzwischen wurde auch der Ersatz-Sänger wieder ausgewechselt.

Seit 1976 verfolgte Anderson immer wieder Soloprojekte und trat auch außerhalb der offiziellen Formation mit Yes-Musikern und anderen auf. So spielte er unter dem Namen „Jon und Vangelis“ von 1980 bis 1991 mit dem griechischen Keyboarder Vangelis Papathanasiou vier Alben ein. Das Duo hatte mit ‚I Hear You Now‘, ‚State Of Independence‘ und ‚I’ll Find My Way Home‘ echte Welthits.

Er klingt immer noch wie früher

Zuletzt tourte er 2017 als „Yes featuring Jon Anderson, Trevor Rabin and Rick Wakeman“. Dass es die Band Yes manchmal in zwei Versionen gibt, sorgt nicht nur bei Fans für viel Verwirrung.

Den Sommer über tourte er, um sein neues Album vorzustellen: „1000 Hands“. Es besteht aus Material, das er vor knapp 30 Jahren in den Bergen bei Los Angeles aufgenommen hatte. Er war kurz danach mit Kitar? und dann mit Yes unterwegs, deshalb verstaute Anderson die Bänder in seiner Garage und vergaß sie dort. Produzent Michael Franklin schlug ihm vor, das Album fertigzustellen und kombinierte die Originalaufnahmen mit Gastbeiträgen zu einem überraschend alterslosen und eleganten Album mit positiven Vibes. „Wir haben den gleichen Gesang verwendet wie vor dreißig Jahren. Zum Glück klinge ich immer noch genauso“, erklärte Anderson.

Wie der Titel von den 1000 Händen andeutet, haben viele berühmte Gastmusiker mitgewirkt, darunter Yes-Gitarrist Steve Howe, Pianist Chick Corea, Jazz-Geiger Jean-Luc Ponty, Jazz-Schlagzeuger Billy Cobham, Ian Anderson von Jethro Tull, Journey-Keyboarder Jonathan Cain, Vanilla-Fudge-Schlagzeuger Carmine Appice sowie Gitarrist Rick Derringer.

Anderson lässt in Interviews immer wieder durchblicken, dass er noch Pläne mit Yes hat: „Ich denke, es wird ein großartiges Yes-Album geben, aber nicht jetzt, nicht nächstes Jahr, vielleicht übernächstes Jahr. Aber ich träume immer von etwas wirklich Spektakulärem.“ Ans Aufhören denkt er noch lange nicht – zu viel Musik liege in der Luft und außerdem stünden uns aufregende Zeiten bevor, prophezeit Jon Anderson: „Dies ist ein großer Moment in der Geschichte unserer Welt. Wir rücken in das Jahr 2020 vor. Es wird so sein wie in den 1960ern“, sagt er mit einem Lachen. „Jeder wird erwachen. Hört auf, dem Geld nachzujagen!“ (Uli Hesse, dpa)

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