#FreeLayla„Layla“: Sollte man Songs wirklich verbieten, nur weil sie dumm sind?

Sebastian GrünbergerSebastian Grünberger | 14.07.2022, 20:19 Uhr
Party-Mob auf Mallorca
Leute feiern auf Mallocra eine Party

zixia/Shutterstock

Der Streit um den Chart-Hit „Layla“ nimmt kein Ende. „Verbot!“, schreien die einen. „#FreeLayla“ die anderen. Wir schauen uns die Fall nochmal genau an … und erörtern, ob man Lieder (egal wie dumm) verbieten sollte.

Tag drei in der „Layla“-Kontroverse. Oder sollen wir „Laylagate“ sagen? Ein kurzer Rückblick: Nachdem der Song von DJ Robin & Schürze wochenlang den ersten Platz der deutschen Singlecharts belegte, wurde am 12. Juni 2022 ein regelrechter Skandal daraus. Der Grund: Die Stadt Würzburg verbot das Spielen des Stücks auf dem Kiliani-Volksfest.  

„Es wird sichergestellt, dass das Lied künftig nicht mehr gespielt wird“, zitierte die Mainpost am Dienstag einen Sprecher der Stadt. Der Grund für das Verbot: Der Liedtext sei sexistisch. Einen Tag darauf legte auch die Düsseldorfer Kirmes nach: Auch hier gilt absolutes Layla-Verbot. Und der einschlägige Sender „Schlager-Radio“ spielt den Song ab jetzt nur noch Nachts, wie „Bild“ berichtete.

„Layla“: Ist das jetzt Sexismus oder einfach nur stumpfer Schlager?

Ich hab‘ ’nen Puff und meine Puffmama heißt Layla / Sie ist schöner, jünger, geiler“, heißt es in dem Lied extra. Einfach dumpfes Schlager- und Bierzeltgegröle — oder tatsächlich etwas, das verboten werden sollte? Darüber entbrannte eine heiße Diskussion, wie „klatsch-tratsch.de“ mehrfach berichtet hatte. Die Meinungen darüber gingen teils weit auseinander. Musikfachmann Michael Fischer von der Universität Freiburg attestierte dem Lied etwa ganz klar Sexismus. Die Frage laute seiner Meinung nach eher: Was wollen wir als Gesellschaft?“ Ein Song mag rechtlich einwandfrei sein, aber „ich finde schon, dass der Träger einer Veranstaltung wie die Stadt Würzburg auch das Recht oder vielleicht schon die Pflicht hat zu sagen: Wir wollen das nicht“, so Fischer. 

Puffmutter „Layla“: Sexismus-Vorwürfe gegen die Nummer eins der deutschen Charts

Musikwissenschafter Markus Henrik sieht das ähnlich. „Das Lied ist kalkuliert hochgradig sexistisch. Vermutlich ist das auch eine schräge, unterbewusste Antwort auf die Me-Too-Debatten der letzten Jahre, nach dem Motto: „Hier ist jetzt mal kurz alles egal“, erklärte er  im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, wohlwissend:  „Das Spiel mit Tabus ist bei Ballermann-Hits elementar.“

Die Sache mit dem als Frau verkleidetem Mann

Der Musiker Schürze, der den Song mit DJ Robin zu verantworten hat, relativiert die Sache. „Wenn man sich die ganze Geschichte mal im Kopf durchgehen lässt und auch unser offizielles Musikvideo anschaut, da spielt ein Mann die Layla. Weil wir gar nicht drauf aus sind irgendwie Sexismus da reinzubringen“, erklärt er. Die vermeintliche Puffmutter sei in Wirklichkeit ein Mann mit Perücke — also nix mit Sexismus. Oder doch?

Musikwissenschafter Fischer ist sich sicher, dass das Faktum, dass Layla in Wahrheit ein Mann sei, nichts an der Causa ändere. Trans- oder Ironieaspekte spielen keine Rolle. Das ist einfach ein sexistischer Song“

Sind wir alle Spießer?

Ist es jetzt also politisch und moralisch korrekt, dieses Lied zu verbannen — oder sind wir einfach nur überempfindlich geworden und lassen uns alles von einer dauerbeleidigten, dauerempörten Twitterblase diktieren? „Geht’s noch, ihr Spießer?“ fragt die „Bild“ etwa in einem Artikel — und beruft sich auf die Kunstfreiheit. Sind wir also Spießer? Und seit wann sind Karnevalsvereine „woke“ (Neuzeitsprech für politisch übertrieben korrekt)?



Die schlechte Nachricht: Auf gewisse Weise sind wir das tatsächlich geworden, besonders all jene, die sich vor nicht allzu langer Zeit noch vehement für Kunstfreiheit eingesetzt haben. Nicht, dass man nicht über alles reden, den öffentlichen Diskurs analysieren sollte. Nicht, dass Sexismus (genauso wie die meisten anderen -ismen)  auch nur irgendeinen Platz in dieser Gesellschaft haben sollte. Es geht nicht darum, DASS es diskutiert wird. Es geht darum, wie es mittlerweile diskutiert wird. Überhastet, hysterisch — den moralischen Zeigefinger schon vor dem Gegenargument ganz weit in die Luft gestreckt, die Lust am Verurteilen (a priori, ohne vorherigen Prozess) offensichtlich. Weg mit allem, das uns nicht in den Kram passt.

„Layla“: Ein saudummer Song — aber deshalb gleich verbieten?

In den 1980er-Jahren kämpfte die liberale Seite noch gegen Zensur in Songtexten. Gegen den Puritanismus von Tipper Gore, gegen eine kreuzbrave, biedere Welt mit genau kartographiertem Duktus. Ja, es ging damals um andere, wichtigere, wahrscheinlich auch edlere Dinge. Und „Layla“ ist zweifellos kein Shakespeare-Sonett oder Bob-Dylan-Song — sondern ein wirklich primitives Ballermann-Stück.  Ein Text mit dem Intelligenzquotienten eines Eimers Sangria. In einer Liga mit „Ich hab ’ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner“ und „Zehn nackte Friseusen“.

Mit jeder Sekunde, den man diesen Song hört, geht der eigene IQ um 0,1 Punkte runter. Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Barkeeper…

Zehntausende unterzeichnen Online-Petition für Song „Layla“

Generell gilt das Hausrecht: Wenn eine Veranstaltung nicht möchte, dass Song XY gespielt wird, ist das ihr gutes Recht. Die Debatte geht aber viel weiter. Sie erstreckt sich bis zur Frage des sofortigen „Verbot!“-Geschreis. Bis zur Lust auf Zensur, vor allem jene der sogenannten permanent erregten „Tastaturkrieger“.

Einen Song zu verbieten, sollte der letzte Ausweg sein. Es gibt Instanzen, bei denen das unter Umständen gerechtfertigt ist. Bei Stücken, die eindeutig zur Gewalt aufrufen, Gesetze verletzten, Hassrede, Rassismus propagieren. Und dann gibt doofe Stücke wie Layla, die man auch einfach getrost ignorieren könnte. Sonst wachen wir irgendwann im puritanischen „Woke-istan“ auf — und dort ist es möglicherweise noch viel, viel schlimmer als in der Ballermann-Disse, die uns „Layla“ ins Ohr schmettert. Anders formuliert: Es gibt Leute, die wollen blöde Pimmelwitze einfach nicht hören. Zensieren und verbieten aber auch nicht.