28.05.2019 21:58 Uhr

Manipuliert der deutsche Hip Hop die Charts?

Beispielfoto: Shutterstock/ Gorodenkoff

Seit Monaten werden die Charts hierzulande immer öfter vom Hip Hop dominiert. Aus Szenegrößen werden  immer schneller deutschlandweit bekannte Popstars. Dabei ist das doch gar nicht so einfach, denkt man.

Nun soll es also tatsächlich vorkommen, dass manch Neueinsteiger  dank schmutziger  Tricks an der Chartsspitze landet. Das sei alles nur eine Frage des Geldes, behauptet ein Hacker in der aufsehenerregenden Dokumentation „Der Rap Hack: Kauf Dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden.“

Manipuliert der deutsche Hip Hop die Charts?

Beispielfoto: Shutterstock/ Gorodenkoff

Eine Reportage sorgt für Furore: In dem Video des jungen Journalisten-Teams „Y-Kollektiv“ erklärt ein deutscher Hacker –  der Kai genannt und nicht erkannt werden werden möchte – von dubiosen Machenschaften,  mit denen sich Musiker-Manager schnell gute Chartplatzierungen für ihre Klienten erhoffen: „Es kommen Manager zu mir, die mir sagen: ‘Wir haben hier gerade einen Künstler und wir haben hier 50.000 Euro. Was kannst Du damit anstellen?’”

Es sei kein Zufall, dass seit etwas zwei Jahren die Charts hierzulande von auffallend vielen Deutschrap-Songs dominiert werden. Denn mit vielen Streams und guten Chart-Positionierungen könne man sehr viel Geld verdienen, sagt Kai. Es fallen sogar die Worte „Schwarzgeld“ und „Geldwäscherei“.

Das System, mit dem er – und auch andere – Streamingdienste aushebeln und somit angeblich die Charts manipulieren können, sei in der Zwischenzeit so perfektioniert, dass er aus einem gänzlich unbekannten Rapper einen gefeierten Star machen könne. Weswegen Reporter Ilhan Coskun im Selbsttest als “Error281” einen Rapsong namens „8K“ aufnahm und zum Ergebnis kommt, dass sich mit gekauften Plays durchaus nennenswerte Erfolge verzeichnen lassen. Auch auf Youtube – wenngleich auch nicht so erfolgreich.

Für die 5 größten Top-Künstler gearbeitet

Insider „Kai“ behauptet in der Doku, dass er in der Vergangenheit bei den Chart-Platzierungen einiger großer Stars nachgeholfen habe. Das habe er „für die größten fünf Top-Künstler in Deutschland“ gemacht. Freilich ohne Namen zu nennen. „Auch wenn die es nicht wüssten – ihre Manager wissen es. […] Diese Künstler können da noch nicht einmal was für, weil die Leute, die zu mir gekommen sind, die haben es im Verborgenen gemacht […] ‚Ich kann aus dir einen Star machen“ Es ist mega einfach, aus dem Nichts in die Charts zu kommen.”

Bei dieser Masche würden die von den Auftraggebern gewünschten Songs in Dauerschleife von mehreren tausend Profilen gleichzeitig abgerufen bzw. gestreamt. Er habe nämlich Zugriff auf „150.000 oder 250.000 deutsche Accounts und die hören dann nonstop den Song, den ich haben möchte. Ich erstelle Playlisten, die mehrere tausend Follower haben. Es wird unterschiedlich gemacht, damit es nicht auffällt.“ Ein weiterer Punkt, um nicht aufzufallen sei, dass dabei  auch weitere Songs von großen und unbeteiligten Stars mitgestreamt würden, die dadurch aber mitverdienen würden.

“Wenn du zu mir kommst und mir sagst, dass du zehn Millionen Streams brauchst, dann nehme ich Anzahlungen und rechne es mir aus. Ich rechne mir aus, wie lange und oft ich den Song hören kann und dann erstelle ich einen Preis, bevor wir einen Preis ausmachen und dann ist alles gut. […] Das einzige, was du brauchst, ist Geld und ein Lied”

Das sagt die GfK Entertainment

In einer Stellungnahme der GfK, dem Unternehmen, das die deutschen Charts ermittelt, heißt es auf Anfrage von klatsch-tratsch.de: „Das erwähnte Video „Der Rap Hack: Kauf Dich in die Charts!“ ist uns bekannt. Es zeigt, wie mit krimineller Energie nicht nur versucht wird, mittels offenbar manipulierter Accounts auf Streaming-Plattformen auf illegale Weise Geld zu generieren, sondern damit auch Einfluss auf die offiziellen Chartplatzierungen zu nehmen.“

Man nehme solche Angelegenheiten sehr ernst: „Wir setzen uns zu jeder Zeit kompromisslos für einen fairen und legalen Wettbewerb ein und sind im Hinblick darauf auch in ständigem Austausch nicht nur mit den Streaming-Plattformen selbst, sondern auch mit unseren Partnern aus der Industrie sowie dem Bundesverband Musikindustrie als Auftraggeber der Offiziellen Deutschen Charts. Kriminelle Vorgehensweisen und der Versuch zur Manipulation haben in den Charts nichts verloren. Wir setzen alles daran, Manipulationen zu erkennen und diesen gezielt entgegenzuwirken. Deshalb ist Qualitätssicherung ein zentraler Bestandteil der Offiziellen Deutschen Charts. Bei Verdachtsfällen wird sofort ein umfassender Prüfprozess ausgelöst, den auch die Industrie und der Bundesverband intensiv begleiten und unterstützen.“

Die Reportage sorgt für Schlagzeilen

Der Prüfprozess habe auch in einem im Video erwähnten Fall gegriffen. „Der wesentlichste Teil der unerwünschten Zugriffe wurde erkannt. Das hatte zur Folge, dass im dargestellten Fall ein Einzug in die Offiziellen Deutschen Charts nicht funktioniert hat.“

Der GfK-Pressesprecher erklärt ferner, wie das Prozedere im Fall eines Verdachts ablaufe: „Wann immer wir Hinweise auf versuchte Chartmanipulation oder andere Vorgehensweisen haben, die nicht unserem Regelwerk entsprechen, werden umgehend die entsprechenden Gremien informiert, die im Einzelfall über Sanktionen entscheiden und auch Künstler/Titel aus den Charts ausschließen können.“

Auch die Macher der Doku meldeten sich zu Wort und kündigten bereits eine baldige Fortsetzung an: „Die Reportage macht Welle, das habt ihr sicher alle schon mitbekommen. Wir sind gerade dabei ein weiteres Video zu dem Thema aufzunehmen.“

Eine große Plattenfirma hat bis zur Veröffentlichung dieses Beitrages nicht auf eine entsprechende Anfrage reagiert.

Anmerkung: Die Offiziellen Deutschen Charts werden von GfK Entertainment ermittelt. Sie decken 90 Prozent aller Musikverkäufe ab und sind das zentrale Erfolgsbarometer für Industrie, Medien und Musikfans. Basis der Hitlisten sind die Verkaufs- bzw. Nutzungsdaten von 2.800 Einzelhändlern sämtlicher Absatzwege. Dazu zählen der stationäre Handel, E-Commerce-Anbieter, Download-Portale und Musik-Streaming-Plattformen.