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Donnerstag, 28. März 2019 18:24 Uhr

Rammstein und „Deutschland“: Heftige Proteste um dieses Video

Provokation als Programm: In ihrem neuen Video „Deutschland“ präsentiert sich die Rockband Rammstein mit Anspielungen auf den Holocaust. Das löst heftige Proteste aus. Etwas voreilig allerdings.

Rammstein und "Deutschland": Heftige Proteste um dieses Video

Foto: Olaf Heine

Heute kurz nach 18 Uhr hatte mit „Deutschland“ der erste neue Song seit 10 Jahren der Berliner Band „Rammstein“ Premiere. Rund 120.000 Zuschauer waren beim Start des knapp 9 Minuten  langen Videos live dabei. Schon im Vorfeld ging es turbulent zu, brach ein medialer Feuerstum über die Band herein, angeführt von der ‚Bild‘-Zeitung. Vorurteile, Empörung, Proteste! Der ‚Berliner Kurier‘ titelte sogar „Berliner Grusel-Rocker schocken mit KZ-Video“. Bis dahin war lediglich ein 35-sekündiger Miniatur-Ausschnitt von Häftlingen in Sträflingskleidung zu sehen! Typisch Deutschland. Dabei ist das alles weit weg von Nazipropaganda. Der Clip beinhaltet einen wilden Ritt durch ganz viel deutsche Geschichte…

Wir fassen die Chronologie der Ereignisse um die mediale Vorverurteilung zusammen.

Häftlinge am Galgen

Häftlinge am Galgen, gelbe Sterne und ein bedrohlicher Sound: Ein Video der deutschen Band Rammstein mit Anspielungen auf deutsche Konzentrationslager hat scharfe Kritik und Fragen zum Umgang mit Holocaust-Bildern ausgelöst. Schon der 35 Sekunden lange Trailer zur neuen Rammstein-Single zeigt Band-Mitglieder rund um Frontmann Til Lindemann, deren Kleidung an die von KZ-Gefangenen erinnert. Am Ende des Trailers, den Rammstein auf ihrer Webseite veröffentlichten, ist das Wort „Deutschland“ in frakturähnlicher Schrift zu sehen. In lateinischen Buchstaben steht darunter das Datum 28.3.2019. Das komplette Video wollte die Band noch am Donnerstag auf ihrem YouTube-Kanal veröffentlichen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erklärte, es gebe zahlreiche Künstler, die sich in ihren Kunstwerken auf eine würdevolle Art mit der Schoa auseinandersetzten. „Wer den Holocaust jedoch zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch“, sagte Schuster.

Rammstein und "Deutschland": Heftige Proteste um dieses Video

Foto: Jes Larsen

Israelisches Außenministerium  meldet sich

Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums nannte den Rammstein-Clip mit Anspielung auf den Holocaust „beschämend“. „Wir schließen uns jenen an, die eine sofortige Löschung fordern“, schrieb er auf Twitter.

Rammstein wollen im Mai erstmals auf Stadion-Tournee durch Europa gehen. Dazu hatte die Band im vergangenen September ihr siebtes Studioalbum angekündigt – zehn Jahre nach „Liebe ist für alle da“.

Im neuen Trailer treten die Musiker mit jeweils einem Strang um den Hals auf. Zu sehen sind auf einigen gestreiften Jacken gelbe Sterne, ähnlich jenen Kennzeichen, die das NS-Regime nach den Nürnberger Rassegesetzen 1935 den Juden aufgezwungen hatte.

Rammstein und "Deutschland": Heftige Proteste um dieses Video

Screenshot: Youtube/Rammstein

Sollten Rammstein mit dem neuen Musikvideo aus dem Holocaust Profit schlagen wollen, wäre das geschmacklos und würde Millionen Menschen verhöhnen, die während der Schoa unsäglich gelitten hätten und auf grausamste Weise ermordet worden seien, sagte Schuster. Von der Band war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Zuerst hatte die „Bild“-Zeitung über das Video berichtet und angefangen damit die Deutungshoheit anhand eines kurzen Ausschnitts zu übernehmen.

„Anmaßend“ und „geschmacklos“

Gegen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust sei prinzipiell nichts einzuwenden, sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. „Wenn aber das Video nur zur Provokation und Verkaufsförderung erstellt wurde, um zu skandalisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen, dann wird damit eine rote Linie überschritten.“ Das wäre eine geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit.

Man müsse abwarten, was die Band in ihrem neuen Album aufgenommen habe. „Sollten es Lieder gegen den Judenhass sein, wäre ich positiv überrascht“, sagte Klein der Deutschen Presse-Agentur.

„Wie kommt Rammstein dazu, sich die Rolle der Opfer anzumaßen“, fragte Christoph Heubner, Geschäftsführer des Internationalen Auschwitz Komitees. „Geschmacklos“ und ohne jede Empathie für die Holocaust-Überlebenden sei eine solche Form der Darstellung, getrieben von Sensationsgier und dem Schielen nach Verkaufszahlen.

„Kasperletheater“?

Der Auftritt erinnere ihn an ein Kasperle-Theater, das immer wieder neue Bühnenbilder brauche, so Heubner. „Warum tritt die Band nicht in SS-Uniformen auf und schlüpft in die Rolle jener Männer, die die Hocker am Galgen umstießen?“ Das wäre vielleicht eine Möglichkeit zur ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Völkermord.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem kritisierte nicht generell den künstlerischen Umgang mit dem Holocaust. Solche Arbeiten dürften aber nicht die Erinnerung an die Schoa verhöhnen und nur der öffentliche Aufmerksamkeit dienen, erklärte ein Sprecher. Künstler sollten respektvoll mit der Erinnerung der Überlebenden umgehen.

„Wir kommen aus dem Osten“

Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller (CSU), lud die Band in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein. „Das Leid und die Unmenschlichkeit des Holocaust verbieten sich für Werbezwecke oder Effekthascherei zur Bekanntmachung von Produkten ganz gleich welcher Art – in diesem Fall wohl ein neues Musikalbum“, erklärte er.

Die Berliner Band hat mit brachialem Rock und martialischen Klängen immer wieder mit Nazi-Ästhetik gespielt. Für das Video zum Song „Stripped“ waren Ausschnitte aus Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm über die Olympischen Sommerspiele von 1936 zu sehen. Frontman Till Lindemann wies damals Nazi-Vorwürfe zurück. „Wir kommen aus dem Osten und sind als Sozialisten aufgewachsen. Wir waren früher entweder Punks oder Gruftis – wir hassen Nazis!“, sagte er dem Magazin „Rolling Stone“.

Zur letzten Echo-Verleihung vor einem Jahr hatten die Rapper Kollegah und Farid Bang mit Zeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ eine Diskussion über Antisemitismus in der Popmusik ausgelöst. Nach dem Skandal wurde der Preis abgeschafft.

Übrigens: Das 7. Album der Band erscheint am 17. Mai (dpa/KT)

UPDATE: Twitter-Reaktionen

– … Das Musikvideo ist ein cineastischer Hochgenuss und weitab von Nazipropaganda.

– Rammstein schießen, in KZ-Häftlingsklamotten, den Nazis direkt in die Fresse. Stabiler Move.

– Die Message des Rammstein-Videos lässt sich verkürzt so wiedergeben: #NazisRaus

– Das war von Anfang an so geplant. Die Medien mit KZ-Video schockieren, die alte „sind Rammstein Nazis“ Debatte wieder rausholen lassen und dann ein Video herausbringen das genau Deutschland kritisiert und Germania sogar als schwarze Frau darstellt.

– „Deutschland, meine Liebe kann ich Dir nicht geben.“
Hätte zwar weniger Inszenierung mit historischen Kontext gebraucht, aber ok.

– #Rammstein haben mit diesem Teaser und Ihrer Reaktion alles erreicht, was sie wollten: Aufmerksamkeit. (Gerichtet an ZDF heute Nachrichten)

– #rammstein bringen was sozialkritisches raus und werden erstmal wegen der Optik von denen angepflaumt, die sich eigentlich über diese Sorte der Reflexion freuen sollten.

– Es zeigt sich einmal mehr, in was für einer Welt von Idioten wir leben. Spätestens seit „Links 2, 3, 4“ müsste auch der letzte Volldepp mitbekommen haben, dass #Rammstein links sind.

– Wie ich es mir dachte. Das neue Lied von Rammstein „Deutschland“ ist ein kritischer Blick über die Zeiten hinweg. Ein Anprangern, Trauer, ein Aufzeigen des Wahnsinns. Eine Hommage an unseren Verstand, Mitgefühl. Liebenwollen aber es nicht können…

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