31.12.2020 10:10 Uhr

Steve Earle: Verbeugung vor dem toten Sohn

Der Anlass für ein neues Cover-Album des großen US-Songwriters Steve Earle ist traurig. Es erscheint zum 39. Geburtstag seines Sohnes Justin Townes Earle, der in diesem August starb. Die Musik auf „J.T.“ feiert ein intensives, viel zu kurzes Leben.

Skip Bolen/EPA/dpa

Mindestens zwei Dinge hatten Grammy-Gewinner Steve Earle und sein Sohn Justin Townes Earle gemeinsam: ihr Talent als Singer-Songwriter zwischen Folk, Rock und Alternative-Country – sowie die lebensgefährliche Nähe zur Sucht.

Für den Jüngeren ging es nicht gut aus – er starb am 20. August mit nur 38 Jahren in der US-Musikmetropole Nashville an einer Rauschgift-Überdosis. Nun setzt ihm sein Vater, der ebenfalls lange gegen Alkoholismus und Drogen ankämpfte, per Tribute-Album ein beeindruckendes Denkmal.

Die schlicht mit den Initialen „J.T.“ betitelte Songsammlung erscheint digital an genau jenem 4. Januar, an dem Justin Townes Earle seinen 39. Geburtstag gefeiert hätte. Im März folgt eine Veröffentlichung auf CD und Vinyl. Steve Earle singt zehn Lieder des Sohnes – und ein eigenes Stück, das raue, rührende Requiem „Last Words“. Begleitet wird er von seiner treuen Band The Dukes, die ihn in unterschiedlichen Besetzungen schon seit Jahrzehnten begleitet.

Was als Nachruf-Konzept düster und traurig klingt, ist indes eine Feier des Lebens eines begabten jungen Musikers, der es geschafft hatte, aus dem überwältigenden Schatten des Vaters herauszutreten. Songs wie „Ain’t Glad I’m Leaving“ oder „They Killed John Henry“ sind fröhliche Schunkler mit Elementen von Bluesgrass, Blues und Gospel, der Track „Maria“ inklusive Pedal-Steel-Gitarre und Banjo verknüpft Bruce Springsteens Fernweh-Americana mit Nashville-Klängen, „Champagne Corolla“ ist wunderbar swingender Rockabilly.

Auch die schöne Folk-Ballade „Turn Out My Lights“ zeigt, dass sich Justin Townes Earle als Songautor nicht hinter dem Senior verstecken musste. „Es gibt viele Söhne und Töchter da draußen, die mit ihren Eltern nichts zu tun haben wollen. Kommt über diesen Mist mal hinweg“, sagte „J.T.“ einmal über das Verhältnis zum Vater. „Glaubt Ihr ernsthaft, man tue das, was man tut, ohne den Einfluss der Mutter oder des Vaters?“ Er habe es aber trotzdem geschafft, seinen eigenen Weg als Schreiber und Gitarrist zu finden.

Steve Earle (65), der etliche Male verheiratet war und drei Söhne von drei Ehefrauen hat, sagt über den Filius: „In guten wie in schlechten Zeiten, richtig oder falsch – ich liebte Justin Townes Earle mehr als alles Andere auf dieser Welt. Abgesehen davon habe ich diese Platte – wie jede andere Platte, die ich je gemacht habe – für mich gemacht. Es war der einzige Weg, den ich kannte, um Auf Wiedersehen zu sagen.“ Vor einigen Wochen veröffentlichte der Vater ein älteres Foto mit dem erwachsenen Sohn – in enger Verbundenheit, beide lachend.

Das letzte Lied, das der dreifache Grammy-Preisträger Steve Earle auf „J.T.“ nun covert, heißt „Harlem River Blues“. Es ist eine von Justin Townes Earles bekanntesten Kompositionen – sie wurde bei den Americana Music Awards 2011 mit dem Titel „Song of the Year“ geehrt, nachdem der damals 27-Jährige 2009 bereits in der Kategorie „Aufstrebender Künstler“ gewonnen hatte.

„Tell my mama I loved her/tell my daddy I tried/give my money to my baby to spend“ (Sag meiner Mutter, dass ich sie liebte/erzähle meinem Vater, dass ich es versucht habe/gib Geld an mein Baby, damit es was auszugeben hat) – so lauten einige Zeilen im „Harlem River Blues“. Eine bewegende Rückschau – vielleicht gar eine Anweisung für den Fall des eigenen Todes. Nun sollen alle Künstlereinnahmen und Tantiemen von „J.T.“ an eine Stiftung gespendet werden – zugunsten von Etta St. James Earle, der dreijährigen Tochter von Justin Townes Earle.

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