Stilvolles Wegdriften mit The Besnard Lakes

Eine Trip in andere Sphären mit The Besnard Lakes.
Eine Trip in andere Sphären mit The Besnard Lakes.

Joseph Yarmush/dpa

16.02.2021 12:35 Uhr

Dass das Erbe des Prog-Rocks der 70er Jahre durchaus noch lebendig ist, beweisen seit längerem die Kanadier The Besnard Lakes. Auch ihr sechstes Album ist stilvoller Bombast zum gepflegten Wegdriften.

Schon die mäandernden Album- und Songtitel zeigen, dass man sich The Besnard Lakes aus Montreal nicht als normale nordamerikanische Indierock-Band vorstellen sollte. Und ihre Musik verstärkt diesen Eindruck mit jeder neuen Platte mehr.

Auf drei Großwerken (hier trifft der Ausdruck wirklich mal zu) seit der Gründung vor 20 Jahren hat sich diese wunderliche Bombast-Psych-Folkrock-Truppe „Untertitel“ gegeben: Mal waren sie „das dunkle Pferd“ („The Besnard Lakes Are The Dark Horse“, 2007), dann „die brüllende Nacht“ („The Besnard Lakes Are The Roaring Night“, 2010), nun „die letzte der großen Gewitterwarnungen“ („The Besnard Lakes Are The Last Of The Great Thunderstorm Warnings“, 2021).

Dazwischen lagen die kaum weniger wuchtigen Albumnamen „Until In Excess, Imperceptible UFO“ (2013) und „A Coliseum Complex Museum“ (2016). Was immer diese für Progressive-Rock-Fans seit den 60er Jahren durchaus vertrauten Bandwürmer bedeuten mögen: Dahinter steckt stets ein Konzept, das man entweder in Ruhe genießen oder genervt abschalten kann. Die meisten Hörer tendieren zur erstgenannten Lösung – und das mit Recht.

Denn auch „…Thunderstorm Warnings“ (Full Time Hobby/Rough Trade) hat wieder viel Faszinierendes zu bieten und will als Ganzes genossen werden. Wunderbare Mann-Frau-Wechselgesänge des seit jeher prägenden Songwriter-Ehepaares Olga Goreas/Jace Lasek, geschichtete Spacerock-Klangkathedralen von gewaltigen Ausmaßen, eine mit viel Hall und orchestralem Dröhnen spielende Produktion – und Songs/Tracks, an denen man trotz mancher Exzesse nicht so schnell das Interesse verliert.

Stilistisch decken The Besnard Lakes damit ein weites Feld ab: Natürlich kommen dem Hörer Urväter des Progressive-Rock wie Pink Floyd, Hawkwind oder Yes in den Sinn, aber auch Filmkomponisten oder modernere Vertreter des ambitionierten Cinemascope-Rocksounds wie The Flaming Lips (Laseks Falsett erinnert oft an Wayne Coyne) und Mercury Rev.

Textlich befasst sich „…Thunderstorm Warnings“ nach Label-Angaben mit „der Dunkelheit des Sterbens und dem Licht auf der andere Seite“ – darunter machen es die Kanadier auch auf ihrem sechsten Album seit dem Debüt von 2003 nicht. Man mag das als aufgeblasen oder auch spinnert abtun – dem Reiz dieser wie ein träger Lavastrom fließenden, oft herrlich beruhigenden Musik kann man sich indes kaum entziehen. Besonders zu empfehlen: „Christmas Can Wait“ und „The Father Of Time Wakes Up“ (eine Trauerbekundung zum Tod von Prince).

Mit gut 70 Minuten ist die Platte (auf Vinyl natürlich als Doppelalbum) zwar überlang, die letzten elf Minuten des Titelstücks und Closers sind pure Ambient-Klangmalerei. Aber insgesamt ist auch diese epische Reise mit den Besnard Lakes wieder ein toller Trip.

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