Dienstag, 1. Juni 2010 12:35 Uhr

Stromae: Aus dem Wohnzimmer zur Weltkarriere

Berlin. „Alors on danse“ heißt der Dancefloor-Hit des 25-jährigen Belgiers Stromae (heißt eigentlich Paul Van Haver), der in den Clubs seit einigen Monaten rauf und runter läuft. Jetzt steht er mit seinem ersten Album „Cheese“ in den Startlöchern. Mit mehr als 300.000 verkauften Einheiten erreichte der Clubhit im frankophilen Gewand Platin Status. „Te Quiero“ (siehe Video!) heißt die zweite Single und ist ab 11. Juni erhältlich.

Der smarte Belgier hat den Kopf voller Ideen, unbestreitbares Talent und die weltweite Begeisterung auf seiner Seite. Zu bemerkenswerten Beats philosophiert er über die Musik, das Leben im Allgemeinen und seine Zukunft im Besonderen. Stromaes Stil: Old-school-Sound des Minimal-Technotronic der 90er aufgepeppt mit eindringlich-poetischen Texten und klassischen Electro-Beats!

Wir trafen Stromae in einem Berliner Hotel, als er gerade an seinem Laptop an einer seiner neuen „Lektionen“ für YouTube arbeitete. Unserer Klatschtante Jana assistierte unser Französisch-Dolmetscher Karim.

stromae_0006

Stromae (klappt den Laptop zu): Das waren meine Unterrichtsstunden. Kennst du meine Unterrichtsstunden?

Welche?
Das sind Aufnahmen, die ich aufgenommen habe und zur Belustigung ins Internet gestellt habe. So erkläre ich meine Kompositionen.

Auf Youtube?
Ja, genau. Das war die nächste, die ich machen muss. Ok, wir können anfangen mit dem Interview. Auf Französisch auch noch! Wunderbar, Super! Danke!

Bist du das erste Mal in Berlin?
Das ist schon das zweite Mal. Ich war schon mal hier in einem Club … obwohl, ich glaub das ist sogar das dritte Mal. Und da hab ich ein bisschen Berlin besichtigt. Nicht so viel, aber einen Teil der Berliner Mauer, die große Tür, so eine Art Eingangstür, das Symbol… das Brandenburger Tor!

Hast Du den Erfolg von „Alors on danse“  erwartet?
Niemals im Leben. Das ist sicher. Aber ich hätte gedacht, dass es im französischen Raum etwas werden würde. Aber niemals im Leben in Deutschland. Und erst recht nicht in Deutschland schneller als in Frankreich. Anfangs ging es ja schneller als in Frankreich und dann hat es aufgeholt, aber… nein niemals im Leben hab ich mir das vorgestellt. Vor allem als ich meine Musik  in meinem Zimmer komponiert habe. Und ich sage noch einmal danke… danke 1000 Mal. „Dankeschön“. Ehrlich.  Weil… es ist einfach wunderschön. So auf französisch singend von Euch ertragen zu werden. Ich glaub davon gibt es nicht soviel. Ja und ich denke, das ist eine große Chance für mich. Und ich danke allen Leuten, die mich unterstützt haben.

Ok, und alles was du komponierst, machst du in deiner Wohnung?
Ja, genau. Das war wirklich so, das war keine Inszenierung. Das ist das echte Leben.

stromae_0002

Wie kommst du den auf den Text von „Alors on danse“? Du singst da ja von Problemen und so. Sind es Sachen, die du selbst erlebt hast ?
Das ist es. Ich denke so ist es bei allen Leuten, auch bei den Künstlern. Das sind Sachen, die nicht nur aus deinem Leben erzählen. Ich denke man ist nicht objektiv genug, um über sein eigenes Leben zu reden. Aber ich glaube auch, man fügt Sachen aus seinem eigenen Leben ein, auch wenn du es manchmal nicht willst. Aber im Grunde sind es mehr die Geschichten meiner Nächsten, die manchmal schwierige Perioden im Leben durchmachen.
Es ist nur so, Probleme sind Teil vom Leben, und um versuchen die zu vergessen geht man in die Disco. Ich habe Leute gesehen, die amüsieren sich mit einem breiten Lächeln und der Champagner Flasche und so. Ich finde Discotheken sind Orte die fröhlich und auch traurig sind. Wie der Job, das Zuhause und so. Das ist halt einfach Teil des Lebens.

Du gehst auch viel aus?
Jetzt nicht mehr so viel. Auch wenn ich viele Clubs besucht habe. Es ist mehr für die „Arbeit“. Aber es ist nicht wirklich Arbeit wenn du diesen Erfolg hast. Viele Clubs in Brüssel und überall in Belgien. Und das hat mich so inspiriert für „Alors on danse“

Woher kommst du denn eigentlich?
Aus Brüssel. Ich bin in Brüssel aufgewachsen. Vor fünf Jahren bin ich mit meiner Mutter nach draußen gezogen. Nicht weit von Brüssel. In einen angesagten Ort, nicht reich, aber auch nicht arm. Sehr gemischt… kulturell. Meine Mutter ist Flämin. Also vom Norden. Aus einem kleinen Dorf. Und dann ist sie in die Hauptstadt gezogen, als sie mein Vater kennengelernt hat. Den es jetzt nicht mehr gibt, den ich sowieso nie kennen gelernt habe. Der aus Ruanda kommt. Hier der schöne Rouandese.

stromae_album_cheese_cover - CMS Source

Am 25. Juni kommt ja dein Album raus. Du hast es „Cheese“ genannt.
Ich will jetzt erstmal einen Test machen. Ich mach bei den Leuten immer diesen den Test. An was erinnert es dich denn?

Naja.. Erst mal an den Käse.
In der Tat.

Und dann, heißt das auch noch, das man ein Grinsen aufsetzt.
Genau. Es ist gut. Ich bin happy. Das heißt, du hast es erfasst. Das ist es. Einerseits die Seite mit dem Käse, dass nichts mit meinem Album zu tun hat. Ich rede nicht über Käse. Aber dieses Wort wird überall in der Welt verwendet um, wenn man ein Foto macht, zu sagen „lächelt mal!“. Im Großen und Ganzen gesehen ist das so ein Wort, dass genau das Konzept vom Album erklärt, das halt „Cheese“ heißt.

Du machst also Elektro.
Ja, klar. Die Hauptrichtung des Albums ist ganz klar Elektro. Mit überwiegenden Einflüssen der 90er, New Beat, alte Sachen halt. Ein gutes Beispiel ist der Klassiker Technotronics „Pump up the Jam.“ Der famose Song, der übrigens von uns kommt. Und von Snap, das von euch kommt, glaub ich – „Rhythm Is A Dancer“. Solche Sachen halt. Es gibt auch Sachen wie von Inner City. Das hat großen Einfluss auf‘s Album. Mit dem Zeitgeist von Heute. Und dann noch ein bisschen was von Chanson. Ich weiß nicht ob ihr Jaques Brel kennt. Den Belgier Jaques Brel, der sehr viele Chanson gemacht hat. Viel auf den Text achtet. Und das ist es, was ich wunderbar an seinen Stücken finde. Ich mag es nicht, wenn man entweder den Text bevorzugt oder die Musik. Für mich ist beides super wichtig. Bei mir muss das Wort gut klingen, und das Wort soll bei mir auch was bedeuten.

Die Musik die den Text unterstützt und der Text die Musik.
Genau. Weil, sonst würde ich ja Gedichte machen. Oder ich wäre einfach nur Komponist. Aber ich mache beides. Aber ich will, dass beides auf dem gleichen Level ist. Das sind meine Anforderungen.

Stromae - CMS Source(2)

Wie hast du mit der Musik angefangen?
Das war mit 12 Jahren. Ich habe mich in der Musikschule eingeschrieben und da hab ich Schlagzeug gelernt und klassische Unterrichtstunden bekommen. Für einen Jugendlichen ist es etwas langweilig, nach der Schule aber noch hinter der Bank zu sitzen und noch Diktate zu schreiben. Naja, das alles hat mein Ohr geschult und im Nachhinein denk ich mir, ich hätte es zu Ende machen sollen. Aber da man mich mit 15/16 Jahren ins Internat schickte, weil ich in der Schule versagt habe, konnte ich meine Musik nicht weiter machen. Ich hab trotzdem weiter gemacht. Ich hab Rap gemacht. Ich habe eine Rap-Gruppe im Internat gegründet.
Und da habe ich begonnen meine ersten Texte zu scheiben. Dann sagte mir mein Kumpel: „Du, hör zu, ich hör auf. Ich schreib zwar weiter, aber nur noch Bücher. Ich hab keine Lust mehr zu singen“. Und da hab ich alleine weitergemacht. Er hat mir gesagt: „Ich sehe es, du hast Lust weiter  zu gehen , tiefer in deinem Vorhaben einzusteigen. Gib bloß Gas, mach dein eignes Ding“. Das war hart, wir hatten ja was aufgebaut. Aber er ist heute noch ein guter Kumpel von mir, aber ich hab keine Lust mehr mich wieder zu binden. Ich mach auf jeden Fall alleine weiter. Es sei denn vielleicht für Kollaborationen.

Es war also ein Punkt für dich erreicht, wo du sagt, ich dreh mein eignes Ding.
Ja.

Auch um dich zu befreien…du wurdest ja im Internat eingeschlossen, die Musik wurde dir genommen. Und jetzt willst du dich öffnen, mehr von dir zeigen.
Ja, das Leben zeigen und nicht rassistisch zu sein. Auch musikalisch nicht. Ich will nicht mit solchen Sprüchen ankommen: „Ich bin ein echter Hip Hopper“, „Ich bin der Gangsta“, „Ich komme von der Straße“. Ich komm ja auch nicht von der Straße. Die meisten Leute die Rap machen und sagen „Ich komme von der Straße und ich mache Hip Hop“, die kommen aus Bezirken wie meinem. Vielleicht ein bisschen gefährlicher. Naja, und nicht deswegen machst du gleich bessere Musik, das hat damit nichts zu tun. Für mich gibt es gute und schlechte Musik. Es gibt nicht Rap, Hip Hop oder was anderes. Es gibt Musik und das war‘s. Ich bin kein Rapper, sonder Musiker.

Kennst du auch deutsche Popstars?
Ich hab von Sido gehört, er ist ein Rapper, glaub ich. Der, der so ’ne Maske trug. Der hat mich sehr schockiert, weil er so ne Totenmaske hatte. Und dann hat er sie abgenommen und man hat mir das Konzept erklärt. Und man hat mir von Bushido erzählt.

Fotos: klatsch-tratsch.de/Louzifer (2), Universal Music

OK

Hinweis: Durch Nutzung von klatsch-tratsch.de stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Mehr erfahren