Sven Regeners Trompete glänzt im Jazz-Trio

Die schönere, die andere Stimme: Sven Regener und seine Trompete.
Die schönere, die andere Stimme: Sven Regener und seine Trompete.

Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

04.03.2021 14:22 Uhr

Cool-Jazz gegen Corona-Blues: Mit dem neuen Trio-Album von Sven „Herr Lehmann“ Regener wird der Lockdown erträglicher. Dass der Sänger von Element Of Crime hier aufs Singen verzichtet, fällt nicht negativ auf - wo er doch so schön Trompete spielt.

Wenn Sven Regener in Konzerten von Element Of Crime mitten im Lied zu einem melancholischen Trompetensolo ansetzt, dann ahnt man es schon: Dieser Musiker liebt sein Instrument, dessen Klang perfekt zu den rumpeligen Deutschpop-Chansons der schon ein gutes Vierteljahrhundert erfolgreichen Berliner Band passt.

Jetzt hat der seit dem 1. Januar 60-jährige Sänger und Romanautor („Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“, „Wiener Straße“) die Leidenschaft für coolen Jazz in ein Trio-Album gegossen, das ganz ohne seine herbe Stimme auskommt.

Oder zumindest ohne seinen norddeutsch eingefärbten Schnodder-Gesang. „Ich hab‘ ja die Trompete immer als meine schönere Stimme empfunden“, sagt Regener im Zoom-Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin augenzwinkernd. „Na, jedenfalls als die andere Stimme.“ Von deren Sound hat „Ask Me Now“, das Debüt seines Trios mit den bewährten Element-Of-Crime-Begleitern Richard Pappik (Schlagzeug) und Ekki Busch (Klavier), reichlich zu bieten.

In Kompositionen, die von Legenden wie John Coltrane, Thelonious Monk, Dizzy Gillespie, Billie Holiday oder Charlie Parker berühmt gemacht wurden, zeigt Regener respektvoll, aber furchtlos sein Können als Trompeter. Trio-Interpretationen von „Chasin‘ The Trane“, „Nature Boy“, „Holy Land“ oder „’Round Midnight“ leben von Spielfreude und der jederzeit spürbaren Begeisterung aller drei Instrumentalisten für diese gut abgehangenen Klassiker.

Die gefürchtete „Jazz-Polizei“ – also naserümpfende Stil-Puristen – ist Regener dabei piepegal. „Ach, das hat’s noch nie gebracht – sich zu vergleichen. Besser, schneller, höher, weiter“, sagt der mit seiner Familie seit langem in Berlin lebende gebürtige Bremer. „Wir haben das gespielt, weil wir daran Spaß hatten, und dann einen eigenen Zugang gefunden. Man kann es als Ergänzung sehen zu dem, was es an Interpretationen dieser Stücke schon gibt.“

Und, noch deutlicher im typisch trockenen Regener-Sprech: „Wenn man’s mag, dann mag man’s, und wenn nicht, braucht man es nicht zu hören.“

Weil die ikonischen Originale aus den 40er bis 60er Jahren „so wunderbar“ seien, habe das Trio seine Aufnahmen bewusst „relativ pur so gelassen, mit einer Art Cool-Jazz-Ansatz“, erklärt Regener. „Das hat Spaß gemacht. Eigentlich war es toll, mal Musik ohne Worte zu machen.“ Dass mancher Fan seiner Band den Gesang (und die damit transportierten klugen, oft witzigen Texte) dennoch vermissen wird, erwartet er nicht. „Es ist eben keine Element-Of-Crime-Platte, deshalb brauche ich da auch nicht zu singen. Das wäre ja sonst Etikettenschwindel.“

Eher freut sich Regener darauf, mit seinen feinen Trompetenmelodien im Mittelpunkt des Trio-Klangbildes wieder einmal zu überraschen. Manchmal hat man als Hörer den Eindruck, dass der 60-Jährige – zum Glück ganz uneitel – hier auch zeigen kann, was er an dem Instrument drauf hat. „Unterfordert ist ein gutes Wort“, sagt er im dpa-Gespräch auf eine entsprechende Frage. „Bei Element Of Crime singe ich meistens, und oft spiele ich auch noch Gitarre dabei, da gibt es nur manchmal die Möglichkeit, mit der Trompete was zu machen.“

Die Mischung auf dem zwölf Stücke umfassenden, gut 40 Minuten langen Album habe „sich eigentlich über die Stücke ergeben, mit denen wir die schönsten, interessantesten Ergebnisse hatten“, erzählt Regener. „Wir haben jetzt auch einige schnellere Stücke dabei, aber es ist bei den drei Akteuren auch keine Überraschung, dass wir zu den balladesken Stücken einen schnelleren, einfacheren Zugang hatten.“

Tatsächlich vermittelt etwa der titelgebende Opener „Ask Me Now“ ein aufgekratztes New-Orleans-Feeling (gewiss nicht das Schlechteste in Pandemie- und Lockdown-Zeiten), während schwermütigere Stücke wie „Don’t Explain“ oder „Theme For Ernie“ sich nach einem ans Herz gehenden 50er-Jahre-Film anhören. Allen Tracks gemeinsam ist die sympathische Unverkrampftheit, mit der sich drei bestens etablierte Popmusiker hier dem klassischen Jazz nähern.

Man möchte diese Trio-Stücke nun ganz bald mal auf kleiner Bühne in einem gemütlichen Musikclub hören. Vielleicht wird daraus ja noch was, ehe sich Sven Regener wieder Roman-Lesungen (demnächst für das im September geplante Buch „Glitterschnitter“ rund um die Figur Karl Schmidt) und größeren Konzerten von Element Of Crime zuwendet.