Donnerstag, 17. Februar 2011 17:22 Uhr

„The Naked And Famous“: Synthi-Pop vom anderen Ende der Welt

Los Angeles. In ihrer Heimat Neuseeland schafften es ‚The Naked And Famous‘ mit Debut-Single und Album direkt auf Platz 1 der Charts. Der ‚New Musical Express‘ nahm das Quintett aus Auckland auf seine „Ones-To-Watch-List“ und auch beim renommierten “BBC-SOUND OF 2011-Ranking“ gelang der Sprung in die Top 15.

Demnach ist es nicht verwunderlich, dass die Band bereits als „neuseeländische Antwort“ auf Bands wie ‚Empire of the Sun‘ oder ‚MGMT‘ gehandelt werden.

Hinter besagtem Namen verbergen sich vier Jungs und ein Mädel aus Auckland, denen es mühelos gelingt, die Ausgelassenheit und die Art von Hooks, wie man sie von den relevanten Electro-Pop-Acts der Stunde kennt, mit etwas ganz eigenem zu vereinen – etwas Größerem, Tiefgründigerem, Atmosphärischerem. Diese besondere Mischung hat ‚The Naked And Famous‘ in ihrer Heimat schlagartig zum Durchbruch verholfen: die Single “Young Blood“ stieg direkt auf Platz 1 in die neuseeländischen Charts ein, ebenso wie ihr Debut “Passive Me, Aggressive You“.

In den letzten Monaten hat sich der Hype um die Band wie ein Flächenbrand ausgebreitet. Ihre Tracks schlugen, vor allem in der „Blogosphäre“, ein wie eine Bombe und waren im Handumdrehen in aller Munde. Ein erster Höhepunkt war schließlich mit der internationalen Veröffentlichung vom “Young Blood“ erreicht, das auf einem der wohl stilsichersten Labels überhaupt erscheint: Neon Gold (Marina & The Diamonds, Ellie Goulding).

Thom und Alisa lernten sich 2008 während des Musikstudiums kennen und taten sich bald als Songschreiberteam zusammen. Aaron, ein alter Schulkollege von Thom, war am selben College eingeschrieben und gesellte sich schon wenig später als Produzent dazu, wenn die beiden spät abends in den Aufnahmeräumen der Hochschule oder in irgendwelchen Schlafzimmern an ersten Songideen herumfeilten. Diese Ideen wiederum landeten schon bald auf ihren ersten Veröffentlichungen – den beiden EPs “No Light“ und “This Machine“.

Zu diesem Zeitpunkt ging es Thom und Alisa in erster Linie um die Arbeit im Studio; Live-Auftritte und die Suche nach weiteren passenden Mitstreitern dafür waren zweitrangig. Nachdem sie dann jedoch die ersten gemeinsamen Gehversuche im Rampenlicht gemacht hatten, zunächst mit der Unterstützung von irgendwelchen Gastmusikern, konnten sie Aaron dazu überreden, seine Rolle als Tontechniker hinter den Kulissen zu erweitern und ab sofort alles auf der Bühne zu erledigen, was mit Knöpfen, Reglern und Tasten zu tun hatte. Sprich: Aaron war nunmehr offiziell ihr Mann fürs „Gefrickel“.

Schließlich fand das Trio mit Jesse und David, zwei weiteren Buddys aus High-School-Tagen, auch noch die passende Besetzung für die Rhythmussektion. Das ganze Jahr 2009 verbrachten ‚The Naked And Famous‘ im Proberaum, feilten an ihrer Show und unzähligen neuen Demosongs, und nach und nach wuchs ihr Sound zu demjenigen massiv-explosiven Gemisch aus leinwandgroßen und epischen Klangwelten und eingängigen Hooks heran, das inzwischen zu ihrem Markenzeichen geworden ist: „Ich glaube, dass die meisten wirklich großen Popsongs einen so sehr bewegen, weil sie ganz tiefe Gefühle oder tief sitzende Erinnerungen ansprechen“, meint Alisa. „Nur weil es Songs sind, zu denen man feiern oder tanzen kann, bedeutet das ja nicht, dass man darin keine anspruchsvollen Themen behandeln oder nichts ansprechen darf, was auch mal wehtut.“.

Ihr Debut-Album “Passive Me, Aggressive You“ haben ‚The Naked And Famous‘ in unterschiedlichen kleinen Studios im Großraum Auckland aufgenommen: Wie üblich war es der bekennende „Kontrollfreak“ Thom, der im Studio die Fäden in der Hand hatte; während Aaron, der sich mit Thom auch die Rolle des Produzenten teilte, immer wieder seinen elektronischen Senf dazugab, war Alisa für einen Großteil der Melodien verantwortlich.

Die beiden Singles “Young Blood“ und “Punching In A Dream“ dürften für die Welt der dreidimensionalen Synthie-Hymnen schon bald denjenigen Stellenwert haben, den MGMT-Klassiker wie “Time To Pretend“ oder “Kids“ für das Psychedelic-Revival vor ein paar Jahren hatten. Andere monumentale Album-Highlights, so das unglaublich massive “No Way“ oder das treibende Stück “Eyes“, ziehen einen auf ziemlich schräge Weise magisch in ihren Bann. “Jilted Lovers“ hingegen zeichnet sich durch eine überaus krasse Dissonanz aus, die an Nine Inch Nails erinnert (im Übrigen die einzige Band, auf die sich alle in der Gruppe einigen können), während es bei “A Wolf In Geek’s Clothing“ ähnlich stürmisch zur Sache geht, nur dass die Band in diesem Fall so weit gehen, dass sie mal eben alles mit dem Klangteppich platt walzen.

Ob sie nun flüchtige Melodienbögen wie die von “The Source“ kreieren oder krasse Glitch-Refrains im Soundbett ersticken wie bei dem Song “Spank“, steht eines fest: ‚The Naked And Famous‘ haben keine Angst, diejenigen Grenzen zu dekonstruieren, in denen sich Indie-Bands normalerweise bewegen. Das Resultat ist ein Album, das gerade in Zeiten von schnellen Track-Downloads und flüchtigen Hörerlebnissen als Ganzes funktioniert und schon deshalb aus der Menge hervorsticht.

Dabei gibt es da noch einen Song: Jeder, der das Glück hatte, die Band schon mal außerhalb ihres „natürlichen Lebensraums“ (dem Studio nämlich), also auf der Bühne zu erleben, wo ihre Songs noch satter und berauschender klingen, wird bezeugen können, dass “Girls Like You“, der letzte Track des Albums, die wohl monumentalste Nummer von allen ist. Womöglich ist es sogar ihr bester Song: der perfekte Clash von astreinen Hooks, die zum Mitsingen animieren, und unwirklichen Soundexperimenten, die aus irgendeinem Paralleluniversum zu stammen scheinen.

Fotos: Universal

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