Montag, 4. Mai 2020 23:15 Uhr

Überfliegerin LEA: „Womit habe ich das verdient?“

Foto: Cathleen Wolf

Wenn ab 5. Mai die siebte Staffel von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ auf VOX zu sehen ist, wird auch die Wahl-Berlinerin LEA (eigentlich Lea-Marie Becker) mit dabei sein. Mit ihrem Album „Zwischen meinen Zeilen“ schaffte sie es 2018 bis auf Platz 6 der deutschen Charts, als Feature-Gast auf der Single „110“ des Erfolgsrappers Capital Bra ein Jahr später sogar bis auf die Pole-Position.

Im Interview mit klatsch-tratsch.de-Star-Reporterin Katja Schwemmers erzählt die 27-jährige Singer-Songwriterin, wie sie sich in Berlin eingelebt hat, was ihr in Corona-Zeiten besonders zu schaffen macht, und warum sie so viele Lieder über ihre Familie singt.

Überfliegerin LEA: "Womit habe ich das verdient?"

Foto: Cathleen Wolf

Lea, du lebst seit zwei Jahren in Berlin. War es schwer für dich, dich einzuleben?
Ich hab lange in Hannover gewohnt, weil ich dort auch studiert habe. Aber ich war generell immer schon ein riesiger Berlin-Fan. Ich habe mich hier sofort wohl gefühlt. Geholfen hat, dass ich ganz schnell eine Wohnung gefunden habe. Das ist nicht gang und gebe in Berlin. Ich wohne in Neukölln und mag das Viertel.

Gibt es trotzdem etwas an Berlin, was dich ärgert?
Nur die langen Wege. Ich bin meistens mit Fahrrad oder U-Bahn unterwegs, ich laufe auch viel zu Fuß. Es braucht immer ewig von A nach B. Wenn ich doch mal ein Auto benötige, dann leih ich mir eins per Carsharing. Ich bemühe mich aber der Umwelt zur Liebe so wenig wie möglich Auto zu fahren.

Hat Berlin Einfluss auf dich als Künstlerin?
Ja, der Ort, an dem man gerade ist, beeinflusst immer auch das Songwriting. Und Berlin hat so viele Facetten, man kann sich so unterschiedlich fühlen in dieser Stadt. Für mich ist es einfach mein Zuhause geworden. Dieses Ankommen und Zuhausefühlen schwingt auch in meinen neuen Liedern mit.

Wie kommst du mit den momentanen Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus klar?
Ich kam vor vier Wochen von den „Sing meinen Song“-Dreharbeiten aus Südafrika zurück, quasi direkt in die Isolation. Das war schon krass. Für uns Künstler sind das jetzt generell ganz neue Erfahrungen, die auch Fragen aufwerfen: Wie gehe ich damit um, dass ich gerade keine Konzerte geben kann? Was mache ich daraus? Wie nutze ich die Zeit sinnvoll, so dass ich mich gar nicht erst der Depression hingeben muss, die man vielleicht erfährt, weil man sich nicht draußen treffen kann und keinen normalen geregelten Alltag wie sonst hat?

Wofür nutzt du die Zeit gerade?
Ich spreche viel mit Freunden übers Telefon und über Facetime. Ich kann gerade viele Dinge tun, die ich vielleicht sonst nicht machen würde; auch wieder mehr zu mir kommen und mich besser reflektieren. Denn wenn man immer unterwegs ist, hat man wenig Zeit dafür. Und eigentlich bin ich ein Mensch, der das total braucht, sich selber zu hinterfragen.

Überfliegerin LEA: "Womit habe ich das verdient?"

Foto: Cathleen Wolf

Du steckst noch mitten in den Aufnahmen für dein drittes Album „Treppenhaus“.
Ich versuche, es nun von zu Hause aus zu Ende aufnehmen. Die letzten Songs müssen also in meiner Wohnung entstehen. Das habe ich noch nie so gemacht, aber es muss funktionieren. Ich bin dabei, mir den Umgang mit dem Heimstudio draufzuschaffen. Ich bin gezwungen, mehr Klavier zu spielen, was gut ist.

Wird diese besondere Zeit auf dein Album Einfluss nehmen?
Mal schauen, es ist natürlich ein spannender Gedanke. Es werden während der Corona-Phase viele Songs entstehen von Musikern auf der ganzen Welt, die gerade zurückgezogen leben. Ich bin sehr gespannt, was da in der nächsten Zeit für Themen auf den Tisch kommen. Denn dass so eine Krise nicht nur ein Land oder einen Kontinent betrifft, sondern den ganzen Erdball, hat man ja so auch noch nicht erlebt.

Viele Musiker sind derzeit in ihrer Existenz gefährdet, weil sie nicht mehr auftreten können. Hilft es da, wenn man wie du bei einem Majorlabel unter Vertrag ist?
Wo man gesignt ist, hat damit erst mal nichts zu tun. Letztes Jahr konnte ich viele Festivals spielen. Die fallen dieses Jahr weg. Ob die November-Tour stattfinden wird, kann einem auch niemand garantieren. Das wird wahrscheinlich von Woche zu Woche neu entschieden. Aber dadurch, dass ich schon etwas länger im Geschäft bin und im Radio gespielt werde, muss ich nicht um meine Existenz fürchten.

Macht die Planungsunsicherheit dir zu schaffen?
Das ist für alle Künstler ganz schwierig. Alles, worauf man sich verlassen hat, gerät ins Wanken. Wenn man wüsste, dieser Zustand ist jetzt für einen Monat so, dann könnte man die Tage runterzählen; irgendwann ist es vorbei, und das normale Leben geht wieder los. Aber wann das normale Leben, so wie wir es kannten, zurückkommt, weiß niemand.

Hast du Hoffnung?
Die kann man immer haben! Aber während bei uns und in Italien die Ansteckungsrate langsam runtergeht, geht sie in anderen Ländern der Welt gerade rasant hoch. Selbst wenn wir uns in Deutschland erholen sollten, wird das Leben weltweit lange noch nicht wieder stattfinden wie früher. Wenn das Virus Länder mit nicht gut ausgestattetem Gesundheitssystem trifft, wird es eine Katastrophe. Das ist total besorgniserregend und gruselig. Für mich als 27-Jährige vermutlich nicht ganz so gruselig wie für die Risikogruppen. Es ist trotzdem gar nicht im Bereich des Vorstellbaren.

Glaubst du, dass die Corona-Krise auch eine Chance sein kann?
Schon. Es fühlt sich für mich eh so an, als würde die Weltkugel uns gerade zurückzahlen, was wir verbrechen. So schlecht wie wir unseren Planeten behandeln, ist es fast nicht verwunderlich, was gerade passiert. Natürlich ist es schrecklich, vor allem für die Risikogruppen und älteren Menschen ist es beängstigend. Und trotzdem glaube ich, dass es auch ein deutliches Zeichen dafür ist, dass wir unseren Umgang mit der Erde ändern müssen.

Bei Musikern scheint die derzeitige Lage unglaublich viel Kreativität freizusetzen. Jeden Abend kann man Konzerte im Live-Stream erleben. Auch du warst im Rahmen des #wirbleibenzuhause-Festivals an einem beteiligt.
Für uns Künstler ist es unersetzlich, live vor Publikum zu spielen, weil es das Allerschönste ist, wenn man den Menschen direkt dabei in die Augen schauen kann. Aber wir versuchen gerade, aus der Not das Beste zu machen und uns nicht unterkriegen zu lassen, obwohl alles abgesagt wurde. Mit dem Festival wollten wir ein Zeichen setzen, dass wir es unterstützen, dass alle Menschen gerade zu Hause bleiben. Denn Covid-19 betrifft uns alle.

Überfliegerin LEA: "Womit habe ich das verdient?"

Foto: TVNOW / Markus Hertrich

Hattest du den Eindruck, dass sich in Berlin an das Social Distancing gehalten wurde?
Es ist auf jeden Fall besser geworden. Die Leute haben den Ernst der Lage begriffen. Es sind ja meistens die jungen Leute, die sagen: „Mich tötet das Virus nicht, also ist es mir doch egal, ob ich daran erkranke oder nicht.“ Das ist sehr egoistisch und überhaupt nicht nachhaltig gedacht. Ich finde, das ist eine ganz schlimme Einstellung.

Du bist eh ein sozialer Mensch und hast früh Verantwortung übernommen, in dem du in Argentinien in einer Einrichtung für Kinder gearbeitet hast.
Meine Mitmenschen sind mir auf jeden Fall sehr wichtig und alles andere als egal. Ob das jetzt fremde Menschen sind oder Personen, die ich kenne. Ich wurde generell so erzogen, dass mich das Schicksal anderer nicht kalt lässt. Und ich spüre auch eine ganz große Verantwortung gegenüber unserem Planeten.

Du bist schon weit gereist. Ist es dann besonders schlimm, auf die eigenen vier Wände beschränkt zu sein?
Ich war ja gerade erst in Neuseeland und in Südafrika. Ich wäre also sowieso in Berlin geblieben für die nächsten Monate. Ich fliege nur einmal im Jahr weiter weg. Das ist die Regel, die ich für mich aufgestellt habe – der Umwelt zur Liebe. Ich brauche dann eine ganz krasse Auszeit, einen Reset für mich persönlich. Das mache ich immer zwischen Mitte Dezember und Mitte Februar, um Energie und Kraft für das anstehende Jahr zu sammeln. Aber es ist natürlich ein anderes Gefühl, wenn man weiß, dass man jetzt auch nicht einfach mal verreisen kann.

Überfliegerin LEA: "Womit habe ich das verdient?"

Foto: TVNOW / Markus Hertrich

Ab 5. Mai bist du in der neuen Staffel der VOX-Show „Sing meinen Song“ zu sehen. Hat die Zeit in Südafrika bleibende Eindrücke bei dir hinterlassen?
Oh ja, es war unglaublich. Ich hätte mir alles erträumt, nur nicht das, was am Ende passiert ist. Im Vorwege war ich schon skeptisch. Ich dachte: Das ist Fernsehen, wahrscheinlich superstressig, und wir haben als Künstler gar nicht viel Zeit miteinander. Aber diese Sorgen konnte ich sofort über Bord werfen, als wir dort ankamen. Wir waren eine tolle Gruppe von Menschen und richtig schockverliebt ineinander.

Wie drückte sich das aus?
Ich habe noch nie erlebt, dass man so schnell mit fremden Menschen so eine freundschaftliche, vertraute Beziehung aufbauen kann. Es waren die schönsten und sorglosesten Abende, die ich seit langem hatte und auch erst mal nicht mehr haben werde. Und es war das größte Kontrastprogramm zu dem, was zurück in Deutschland auf uns wartete. Umso dankbarer bin ich für die Tage mit den Kolleginnen und Kollegen. Die Zeit hat mir sehr viel Energie gegeben, von der ich die nächsten Wochen zehren kann.

Wie fühlte sich das für dich an, wenn Musiker wie Jan Plewka von Selig, die so lange im Geschäft sind, deine Songs singen?
Plewka ist in der deutschen Musikszene ein Urgestein, den ich vergöttert habe und es immer noch tue. Es ist etwas besonderes, wenn man dann mit solchen Leuten so viele Tage verbringen kann, tolle Gespräche mit tiefgründigen Themen führt und eine schöne persönliche Verbindung zueinander aufbaut. Als Plewka meinen Song sang, war bei mir alles aus. Das war eine Erfahrung, die ich so noch nie hatte und die ich mit nichts vergleichen kann. Es gab Momente, wo ich mich fragte: „Womit habe ich das verdient?“

Überfliegerin LEA: "Womit habe ich das verdient?"

Foto: TVNOW / Markus Hertrich

Du warst schon mit 15 ein YouTube-Star: Der Clip zu deinem Song „Wo ist die Liebe hin?“ verbucht 2,8 Millionen Klicks. Hast du das Gefühl, du gehörst schon vollends zur deutschen Musikszene dazu oder musst du erst noch ankommen?
In Südafrika war es tatsächlich so, dass es keine Hierarchien gab. Da war niemand, der die Gruppe anführte. Wir sechs waren total auf Augenhöhe und im Umgang miteinander sehr sensibel, gefühlig und offen. Wir waren wirklich begeistert voneinander und sind alle sehr dankbar, dass wir uns durch die Sendung gefunden haben. Das weiß ich, weil wir eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe haben und uns jeden Tag schreiben, wie sehr wir uns vermissen.

Anfang Juni soll dein drittes Album „Treppenhaus“ erscheinen. Darauf ist auch der Nummer-Eins-Hit „110“ enthalten, den zu 2019 mit Capital Bra veröffentlicht hast.
Aber diesmal singe ich ihn alleine – ohne Capital Bra. Denn mir war es wichtig, dass ich die Geschichte des Songs, die von einer Beziehung in der handfesten Krise erzählt, noch mal aus meiner Perspektive erzähle.

Das Lied „Sylt 98“ erzählt indes vom Aufwachsen mit deiner älteren Schwester.
Sie ist anderthalb Jahre älter als ich. Immer, wenn sie heutzutage bei mir ist, fühlt es sich so an wie Sylt ’98. Dann beamt es mich zurück in unsere wunderschöne Kindheit, die so sorglos war, wie eine Kindheit nur sein kann. Ich hatte wirklich großes Glück: Meine Eltern haben mir wertvolle Dinge mit auf den Weg gegeben und mich gut aufs Leben vorbereitet. Sie haben mir immer gesagt, was es für Konsequenzen hat, wenn ich dies oder jenes mache.

Und deshalb hast du deinen Eltern auch gleich noch ein Lied gewidmet?
Genau. Was ich von ihnen in Sachen Lebensweisheiten lernen konnte und wie dankbar ich darüber bin, davon handelt „Elefant“. Es sind auf dem Album viele Themen, die sich auf meine Familie beziehen. „Wenn nur Liebe hilft“ habe ich für eine gute Freundin geschrieben, die krassen Liebeskummer hatte. Ich war in der Zeit einfach für sie da. Für mich sind diese drei Lieder die wichtigsten der Platte, weil sie mir nah am Herzen liegen. Das Schönste an einem Album ist ja, dass es ein Zeitzeugnis ist und Jahre bündelt. Und wenn es fertig ist, ist auch wieder Platz für was Neues. So geht es immer weiter.

Die 7. Staffel „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ mit Gastgeber Michael Patrick Kelly, Max Giesinger, LEA, MoTrip, Nico Santos, Jan Plewka und Ilse DeLange läuft ab 5. Mai jeweils dienstags um 20:15 Uhr bei VOX und auch auf TVNow. Die Folge, die LEA gewidmet ist, strahlt der Sender am 9. Juni aus.

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