Dienstag, 25. September 2018 23:10 Uhr

Was macht eigentlich die Erste Allgemeine Verunsicherung?

Klaus Eberhartinger (l) und Thomas Spitzer machen bei der EAV die Tür zu. Foto: Lino Mirgeler

Die EAV hört nach über 40 Jahren auf und verabschiedet sich entgegen ihrem humoristischen Ruf mit einem sehr politischen Album – im Interview erklären die Sänger Klaus Eberhartinger und Texter Thomas Spitzer, warum.

Was macht eigentlich die Erste Allgemeine Verunsicherung?

SonyBMG/partners4music

Bald hat sich’s ausgeküsst: Die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) macht nach über 40 Jahren Schluss und verabschiedet sich mit einem letzten Album samt Abschiedstournee.

Die österreichische Band, die vor allem für Spaßhits wie „Küss die Hand, schöne Frau“ oder „Märchenprinz“ bekannt ist, kann aber auch ganz anders. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur sprechen Sänger Klaus Eberhartinger und Texter und Gitarrist Thomas Spitzer über politische Texte in lustigem Gewand, Hetze im Internet und die Pflicht von Künstlern, Stellung zu beziehen.

Der Titel des Verabschiedungsalbums lautet „Alles ist erlaubt“. Bei der EAV hat man nicht das Gefühl, dass ihr jemals was verboten war. Wie ist der Titel gemeint?
Spitzer: Das ist das Motto unserer Zeit. Man kennt heute weder verbal noch moralisch irgendwelche Grenzen – alles scheint erlaubt zu sein. Sowohl vonseiten der Menschen im Internet als auch vonseiten der Politik. Was heute jeder Politiker an Verfassungsfeindlichem sagen darf, da wäre er vor 20 Jahren noch seines Amtes enthoben worden.

Eberhartinger: Der Titel ist aber nicht nur politisch gemeint, sondern wendet sich tatsächlich auch an uns: Zum Ende hin ist uns alles erlaubt und das Album ist auch ein Geschenk an uns. Von uns wurde immer verlangt, dass die Kritik ein humoristisches Gewand hat. Diesmal fragt man sich oft: Und wann kommt der Gag?

Was macht eigentlich die Erste Allgemeine Verunsicherung?

Klaus Eberhartinger (l) und Thomas Spitzer machen bei der EAV die Tür zu. Foto: Lino Mirgeler

Weil es nichts mehr zu Lachen gibt?
Eberhartinger: Das Album ist einfach zeitadäquat. Es gibt heute eine unglaubliche Toleranz dem früher Unerhörten gegenüber. Es ist schamlos, wie die Rechten immer mehr in die Mitte rücken und die extremen Rechten mitrücken – das ist eine bedenkliche Entwicklung.

Spitzer: Ein Lied wird zwar nicht die Welt verändern, aber als intellektueller Künstler hat man die Pflicht, Stellung zu beziehen. Zu viele Künstler haben es in der Vergangenheit vermieden, Inhalte politischer Natur zu bringen, um das Käuferklientel nicht zu verlieren.

Ihr Kollege Wolfgang Ambros hat kürzlich die österreichische Regierung kritisiert und prompt einen Shitstorm kassiert…
Eberhartinger: … im Internet kann man ja heutzutage jemanden regelrecht liquidieren. Das passiert uns auch immer wieder, denn wo die persönliche Verantwortung nicht gegeben ist, teilen viel zu viele kräftig aus. Es ist sehr gut, dass endlich versucht wird, das Internet zu reglementieren und man die Hasstiraden bestraft.

Herr Spitzer, Sie haben vor ein paar Jahren mal gesagt, dass Sie sich in einem „EAV-Tralala-Korsett“ fühlen und haben sich deswegen auch zeitweise von der Band verabschiedet. Ist das der Grund, warum Sie nun aufhören?
Spitzer: Überhaupt nicht, wir sind nicht mehr die Jüngsten und es ist einfach an der Zeit, Zeit für was anderes zu haben. Der Tralala-Kommentar galt eher den Live-Konzerten. Da hab ich bei einer Tour noch die ersten 40 Shows gerne mitgemacht und dann konnte ich beruhigt wegbleiben.

Eberhartinger: Als Gitarrist warst du auch irgendwie unterbeschäftigt und das Publikum hat das akzeptiert. Und das neue Album ist eben nicht so ein Tralala-Album, wie es schon mal in größeren Stil war.

Trotzdem werden Sie wohl vor allem mit den Spaß-Hits im Gedächtnis bleiben, obwohl Sie schon immer sehr politische Texte hatten und sich das in den letzten Alben immer mehr verstärkt hat. Stört sie das?
Spitzer: Ach nein. Für diese Lieder braucht man sich doch nicht zu schämen. Wir waren damals sehr erfolgreich und haben eine Nische gefunden. Jede Band hat ihre Zeit und heute wäre der „Märchenprinz“ oder der „Banküberfall“ vermutlich ein Vollflop – dafür gibt es mittlerweile viel zu viele Comedians. Und auch wenn wir jetzt weniger Alben verkaufen, so machen wir jetzt eben das, was uns gefällt. Das ist auch vernünftiger als panisch zu versuchen, nur das zu machen, was andere mögen. Und dass die EAV noch funktioniert, sieht man ja an den verkauften Tickets.

Eberhartinger: Das liegt aber auch vielleicht daran, dass wir jetzt endlich aufhören (lacht).

Apropos, Sie haben Ihre Abschiedstour mit dem Zusatz „Die erste“ versehen. Ist das ein Abschied auf Raten?
Spitzer: Auf keinen Fall. Wir hören in der Form definitiv auf. Es war eine wunderbare Zeit, aber bald ist Schluss.

Und was kommt danach?
Spitzer: Musik und Texte schreiben und vor allem Malen. Ich habe noch über 200 nicht veröffentlichte Lieder daheim liegen, die nicht in das EAV-Korsett passen.

Eberhartinger: Wir werden in den Unruhestand gehen und sicher auch noch das eine oder andere zusammen machen. Ich habe noch einige Projekte im Fernsehen und auf der Bühne und will mehr Zeit für Hilfsorganisationen in Afrika haben. Und vielleicht lerne ich Kochen und Kitesufen.

Spitzer: Aber Kitesurfen bitte erst nach der Tournee. Bei seinem ersten Versuch hat er sich nämlich gleich mal sieben Rippen gebrochen.

Was macht eigentlich die Erste Allgemeine Verunsicherung?

Foto: SonyMusic

Zu den Personen

Thomas Spitzer (65) hat 1977 die EAV mitgegründet, nahezu alle Lieder und Texte der Gruppe geschrieben sowie die Albumcover und Illustrationen gemalt. Der studierte Grafiker lebt in Kenia. Klaus Eberhartinger (68) ist seit 1981 Sänger bei der EAV und lebt ebenfalls die Hälfe des Jahres in Kenia. Eberhartinger arbeitet auch als Moderator und Schauspieler.

Elena Koene, dpa

Das könnte Euch auch interessieren

OK

Hinweis: Durch Nutzung von klatsch-tratsch.de stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Mehr erfahren