Freitag, 18. Mai 2018 20:00 Uhr

Wisst Ihr noch? Andy Bell von Erasure im großen Interview

Was denkt Andy Bell von Erasure über die Königliche Hochzeit? Warum lebt er mittlerweile in Miami? Wie kommt er mit Robbie Williams klar? Und werden Erasure es Soft Cell gleichtun und sich auflösen? Auf all diese Fragen fand der Sänger der Synthie-Popband Antworten im großen Interview mit klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers.

Wisst Ihr noch? Andy Bell von Erasure im großen Interview

Vince Clark und Andy Bell (rechts). Foto: Doron Gild

Mr. Bell, bald findet sie statt: die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. Viele Schwule lieben ja die Royals. Wie ist das bei Ihnen?
Ich bin glücklich für die Beiden! Ich liebe William, pardon, Harry wirklich. Er ist ein großartiger Typ. Aber im nächsten Moment muss ich dann gleich an den royalen Apparat dahinter denken, der sich in Bewegung setzt und der es mit der Hochzeit maßlos übertreiben wird. Ich stelle mir die spezielle Münzprägung vor, die sie zu dem Anlass rausbringen werden, denn das tun sie immer. Das ganze Merchandise, das es zu kaufen gibt, scheint sowieso das Wichtigste zu sein.

Haben Sie auch so eine Teetasse mit royalem Aufdruck zu Hause?
Nein, danke, das brauche ich wirklich nicht! Es ist ja in Ordnung, wenn sie mit so einem Event den Tourismus im Land aufleben lassen. Aber mir wird schon übel, wenn ich immer und immer wieder lesen muss, was die Beiden zum Mittagessen hatten, usw. Das ist wie bei den Kardashians. Es ist zwar nicht ganz so schlecht, aber der gleiche Prozess.

Ich hörte, Sie leben heutzutage eh in Florida.
Ja, überwiegend. Mein Partner wohnt in Miami. Es gibt schlechtere Ecken.

Frönen Sie dem Miami-Lifestyle?
Nicht wirklich. Aber ein bisschen Schaulaufen gibt es schon. Denn wir haben einen großen Hund, einen Dobermann. Er ist neun Jahre alt und unglaublich schön. Und er ist echt ein Star! Wenn ich mit ihm in Miami spazieren gehe, weiß niemand, wer ich bin, aber den Hund, den kennen sie alle. Er ist echt eine Berühmtheit.

Im Ernst?
Ja, tatsächlich! Leute kommen zu mir und fragen: „Können wir ein Foto machen?“ Und dann stellt sich heraus, dass sie nur den Hund fotografieren wollen. Ich weiß also, wo ich stehe in Miami. (lacht) Aber das ist gut, sehr gut sogar.

Haben die Amerikaner Erasure mittlerweile vergessen?
Eigentlich nicht. Ich würde sogar sagen, dass wir über die Jahre dort populärer geworden sind. Wir haben allerdings nie in Florida gespielt, was sonderbar ist, denn es ist ein Lieblingsurlaubs-Domizil der Briten und Deutschen und zudem das Tor zu Südamerika, wo Erasure auch sehr beliebt sind. Miami ist generell ein sehr merkwürdiger Ort. Die Leute arbeiten dort hart, keiner guckt den anderen an, alles ist eher oberflächig. Und wenn ich als kreidebleicher, bierbäuchiger Engländer die Promenade entlang flaniere, bin ich geradezu unsichtbar. Aber es hat was, unsichtbar zu sein.

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Foto: Doron Gild

Dem Fitnesswahn sind Sie also nicht verfallen?
Oh, nein. Manchmal besuche ich das Fitnessstudio, aber ich bin sehr schnell gelangweilt. Die längste Zeit, die ich so was intensiv durchziehen kann, liegt bei zwölf Wochen. Und selbst wenn ich das tue: Den Bauch werde ich nicht los – vergiss es!

Dann müssen Sie auf der gemeinsamen Tour mit Robbie Williams im letzten Sommer einen guten Austausch gehabt haben: Williams ist doch auch ständig auf Diät.
Leider gab es nicht so viel Kontakt zwischen uns. Ich glaube, Robbie hätte gerne mehr mit uns geredet. Aber er war ständig beschäftigt, und seine Produktion war riesig: Wir haben zwei Laster und eine Crew aus 18 Leuten. Robbie hat 100 Laster und einen Riesentross von Leuten. (lacht)

Also war auch kein Klamottentausch mit Robbie drin?
Nein. Aber er war sehr entzückend. Er hat sich ein paar Mal mit mir unterhalten. Es ist seltsam: Wir mussten einen Vertrag unterzeichnen, dass alles, was auf der Tour vor sich geht, vertraulich behandelt wird. Aber dann kommt Robbie zu dir, erzählt dir alle seine Probleme, von seinen Finanzen und allen Projekten, die er am Laufen hat oder plant. Man sieht zu, dass man ja kein Wort darüber verliert. Und ein paar Tage später steht es dann doch groß in der Zeitung, weil er es der auch erzählt hat. Robbie kann einfach nichts für sich behalten, er erzählt sowieso alles weiter.

Vermutlich wird man so, wenn man seit Teenagerjahren im Rampenlicht steht und Robbie Williams ist.
Da ist was dran. Mit Vince (Clarke, Erasures andere Hälfte, Anm. d. Red.) ist es genauso. Er ist ein Star, seitdem er 16 ist. Ich glaube, im Kopf bist du dann so trainiert darauf, dass du Teil des Systems wirst und dich ohne das wie ein Waise fühlst.

Wie ist das bei Ihnen?
Ich war 21, als ich mit Vince durchstartete. Ich komme aus einer sehr großen Familie mit wenig Geld. Mich hat der Erfolg eher verwöhnt. Aber wenn man so erfolgreich wird, dass man nicht mehr die Straße entlanggehen kann, so wie es bei uns 1992 war, als wir die „ABBA-esque“-EP veröffentlichten, dann ist die Gefahr groß, dass man total durchdreht. Es war damals einfach zu viel Ruhm und Rummel.

Ihre letzte Deutschland-Tour war auch ohne Rummel schon Wochen vorher ausverkauft.
Ja, das ist heute etwas anders. Wir sind jetzt älter, und es fühlt sich so an, als wäre es ein Erfolg, den wir über die Jahre selbst erarbeitet und aufgebaut haben. Es ist weniger eine Sache der Musikindustrie, der Charts oder des Hypes.

Wisst Ihr noch? Andy Bell von Erasure im großen Interview

Foto: Doron Gild

Apropos Tour: Hat es da eigentlich irgendwelche Missgeschicke mit Ihrer doch recht außergewöhnlichen Garderobe gegeben?
Nicht wirklich. Ich habe ja diese Strumpfhosen mit aufgemalten Tattoos getragen. Manchmal führen die dazu, dass es mir etwas peinlich ist. Als ich den einen Abend darin rumtanzte, erblickte ich eine Dame, die auf meinen Pimmel starrte, beziehungsweise das, was sich von ihm auf der Leggins abzeichnete. Sie zeigte sogar darauf. Natürlich ist es auch ein Akt der Provokation mit meinen Kostümen, aber von so was bin ich dann doch peinlich berührt, weil es etwas zu privat wird. Es fühlte sich an wie in der Schule, wenn jemand mit dem Finger auf dich zeigt.

Auf Ihrem neuen Album „World Beyond“ interpretieren Sie die Stücke Ihres letzten Studioalbums „World Be Gone“ mit Violine, Harfe, Cello, Kontrabass, Klavier, Glockenspiel und Vibraphone nochmal neu. Eingespielt wurden die Songs von der belgischen Klassik-Band Echo Collective. Ihre Stimme klingt sehr anders zu dieser Musik – irgendwie dramatischer und intensiver.
Oh, ja, es ist eine andere Art des Gesangs. Ich liebe das. Die Stimme vibriert zu den Streichern. Man spiegelt sie quasi darin, begibt sich auf dieselbe Wellenlänge zu den Streichern. Wenn man zu Synthesizern singt, saugen diese quasi deine Stimme und Teile der Resonanz auf. Das ist ein Unterschied! Vor kurzem war ich in einer Bar in Köln. Der Barmann fragte mich, welches Lied von meinen eigenen momentan mein Lieblingssong sei. Ich spielte ihm „Aftermath“ von Dave Audé vor, auf dem ich singe. Und er sagte sofort: „Oh, das klingt so nach Achtzigern!“ Und ich dachte nur: Nein, das tut es nicht.

Ärgert Sie das, mit den Achtzigern in Verbindung gebracht zu werden?
Schon, die Leute haben sich so an die Synthies in Verbindung mit meiner Stimme gewöhnt, dass sie das automatisch dort verorten. Ihnen fehlt die musikalische Vorstellungskraft, außerhalb dieser Parameter zu denken. Sie haben die Erasure-Songs zu oft im Radio gehört, die ewigen Drei: „ Little Respect“, „Sometimes“ und „Blue Savannah“. Die Leute halten das für unsere Karriere. Und genau deshalb gibt es nun dieses Album. Ich wäre hocherfreut, mehr von solchen Songs aufzunehmen. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen meine Stimme noch gar nicht kennen – mal abgesehen von den Hardcore-Fans.

Waren Sie selbst überrascht über das, was da aus Ihnen rauskam?
Ziemlich! Ich war so nervös während der Aufnahmen. Es ist Live-Gesang, nach einer kurzen Probe in zwei Takes pro Song aufgenommen.

Handeln die Songs von der modernen Welt?
Um ehrlich zu sein, kann ich das gar nicht genau benennen. Vince und ich schreiben die Songs, und dann reflektiere ich sie. Erasure haben so viele Lieder über das Meer und das Versinken im Meer gemacht. Über das Zurückzukommen von einer Reise, auf der du getrennt von deinem Partner warst oder ihn verloren hast. Über das Zurückkehren zu deinem Partner, um in seinen Armen zu liegen. In unseren Liedern liegen sich die Leute wirklich oft in den Armen! Es werden Mauern zum Einstürzen gebracht und Schranken durchbrochen. Offenbar haben wir Gefallen daran, diese Themen ständig zu wiederholen. Und davon steckt auch viel in der neuen Platte.

Was für Bilder haben Sie beim Singen dazu im Kopf?
Ich stehe bei den Docks am Hafen, schaue raus aufs Wasser und warte auf das Schiff, das zurückkommen soll – so fühlt es sich für mich an. Deshalb gefällt mir der Schiffsmast mit der Figur auf dem Albumcover so gut. Ich fühle mich wie die Person, die dasteht und auf jemanden wartet. Ich glaube, das kommt, weil ich so oft getrennt bin von meinem Partner. Er kommt zwar auch oft nach England, aber lebt nun mal in Amerika. Das ist auch irgendwie schön. Denn ich habe nie alleine gelebt, seitdem ich von Zuhause ausgezogen bin. Und nun bin ich oft alleine. Aber ich kann das gut. Ich habe jetzt sogar Spaß daran. Ich liebe den Freiraum, den es mir gibt.

Sie haben jüngst Ihr Idol Dave Ball von Soft Cell getroffen.
Ja, in London. Ich hatte ihn zuvor noch nie getroffen. Er ist ein Riese! Er war sehr liebenswert. Ich hätte ihn nicht mal erkannt, aber seine Freundin kam rüber zu mir und meinte: „Dave würde dir gerne Hallo sagen.“ Ich merkte, dass er sehr froh war, mich kennenzulernen. Er hat auch mal einen tollen Remix für Erasure gemacht. Ich habe mich gleich wohl in seiner Anwesenheit gefühlt. Ich weiß, dass es Krach zwischen ihm und Marc Almond gab. Ich kenne Marc nicht besonders gut. Ich habe ihn zwei, drei Mal getroffen. Ich kenne ihn eher durch Freunde, die Welt ist ja sehr klein, besonders, wenn du schwul bist. Holly Johnson, Marc Almond, Boy George – die haben alle schon mal was zusammen gemacht. Aber man kennt sich nicht, weil man sich bereits getroffen hat, sondern weil der eine dem anderen was erzählt. Die Geschichten machen die Runde. Da wird viel getratscht.

Welche Geschichten werden über Sie getratscht?
Keine Ahnung. Aber alle sind immer nett zu mir. Ich glaube, manchmal finden die Leute, dass ich zu nett bin. Sie vermissen den Schmutz. Das macht sie misstrauisch. (lacht)

Soft Cell spielen Ende September Ihre allerletzte Show in London. Denken Erasure auch darüber nach, aufzuhören?
Um ehrlich zu sein, kommt auch mir das Aufhören manchmal in den Sinn. Einfach, weil ich finde, dass ABBA es auf so würdevolle Weise gemacht haben. Andererseits sind meine Helden Blondie und die Rolling Stones immer noch dabei. Also sehe ich keine Notwendigkeit, so eine Entscheidung zu treffen und sie zur Sorge werden zu lassen. So lange ich noch Lust habe, mit Vince Lieder zu schreiben – und dafür bräuchten wir Erasure nicht mal – bin ich glücklich.
Album: Erasure feat. Echo Collective „World Beyond“ (Mute Records)

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