Aufregung um Antibiotika-Regeln für Haustiere

In der EU sollen künftig weniger Antibiotika an Tiere gehen.
In der EU sollen künftig weniger Antibiotika an Tiere gehen.

Jan Woitas/zb/dpa

15.09.2021 11:52 Uhr

Fleisch mit antibiotikaresistenten Keimen drauf essen? Das will wohl keiner. In der EU sollen auch deshalb künftig weniger Antibiotika an Tiere gehen. Doch Pläne, bestimmte Stoffe vor allem Menschen vorzubehalten, treiben jetzt Tierfreunde auf die Barrikaden. Warum?

„Wenn meine Katze stirbt, stirbst du auch.“ Solche Morddrohungen kommen derzeit bei dem grünen Europa-Abgeordneten Martin Häusling an. Er setzt sich auf EU-Ebene dafür ein, dass fünf besonders wirksame Antibiotika-Gruppen künftig in erster Linie Menschen vorbehalten sind und nur noch in Ausnahmefällen an Tiere verabreicht werden.

Im Fokus hat er dabei die industrielle Tierhaltung, wo massenhaft Antibiotika an Hühner, Schweine und Co. gehen – trotz der Gefahr von Resistenzbildungen. Doch der jetzige Sturm der Entrüstung kommt von Hunde- und Katzenhaltern, die um das Leben ihres Haustiers bangen, wie Häusling erzählt.

Kampagne des Verbands praktizierender Tierärzte

Dahinter steckt eine Kampagne des Verbands praktizierender Tierärzte. Dieser fürchtet, dass Haustiere künftig nicht mehr adäquat mit Antibiotika behandelt werden könnten, sollte Häusling mit seinen Plänen Erfolg haben. Online werden Unterschriften dagegen gesammelt. Auf dazu veröffentlichten Bildern ist ein traurig dreinblickender Hund zu sehen, darüber die Worte: „Mein Leben ist in Gefahr.“

Laut Häusling ist das Ganze eine unredliche Fake-News-Kampagne. „Man macht Leuten Angst, die gar keine Angst haben müssen.“ Mittlerweile hat die Petitionsplattform change.org die Kampagne mit einem Warnbanner versehen, das dazu aufruft, sich vor Unterzeichnung eingehender mit dem Thema zu befassen.

Was genau ist da los? Am Mittwoch (16. September) stimmt das EU-Parlament über ein Veto Häuslings und des Umweltausschusses ab. Die Ergebnisse werden am Donnerstagmorgen erwartet. Das Veto richtet sich gegen einen Vorschlag der EU-Kommission zur Frage, welche Kriterien bei der Auswahl sogenannter Reserveantibiotika angelegt werden sollten. Häusling sind die Vorschläge aus Brüssel zu schwammig. Sollte sein Einspruch vom Parlament angenommen werden, würde die EU-Kommission aufgefordert, fünf Antibiotika-Gruppen auf die Liste der Reserveantibiotika zu stellen.

Resistenzen sollen verhindert werden

Reserveantibiotika sind Medikamente, die bei Infektionskrankheiten verwendet werden, wenn normale Antibiotika nicht mehr wirken. Ziel ist ein möglichst restriktiver Einsatz dieser Mittel, um ihre Wirksamkeit durch sich entwickelnde Resistenzen nicht zu gefährden. Der Grund: Je mehr ein Antibiotikum eingesetzt wird, desto eher setzen sich Erreger-Subtypen durch, denen das Medikament nichts anhaben kann – die resistent sind.

Diese sind gefürchtet: Laut der EU-Kommission sterben jedes Jahr in der EU 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Die Resistenzen entstehen, weil zu viele Antibiotika eingesetzt werden – beim Menschen, aber auch in der Tiermast. Schätzungen zufolge würden weltweit 66 Prozent aller Antibiotika für landwirtschaftliche Nutztiere verwendet und nicht für Menschen, erklärt Häusling. In Mastbetrieben würden auch nicht-infizierte Tiere über Futter oder Wasser standardmäßig mit Antibiotika behandelt.

Zwar ist die Menge der Antibiotika, die an Tierärzte abgegeben wurden, zuletzt deutlich gesunken. Doch wenn ein Mensch mit besonders häufigen multiresistenten Keimen besiedelt wird, ohne Symptome zu entwickeln, dann geht das in fast jedem fünften Fall auf eine Übertragung von tierischen Lebensmitteln zurück. Das schätzt ein niederländisches Modell. Die Deutsche Umwelthilfe hatte zuletzt in einer Stichproben-Untersuchung bei Putenfleisch der Haltungsstufe 2 von Lidl und Aldi auf fast jedem dritten Kauf antibiotikaresistente Keime festgestellt.

Behandlung von Haustieren nicht gefährdet

Trotzdem wolle er auf keinen Fall, dass künftig Tiere gar keine Reserveantibiotika mehr erhalten, betont Häusling. In seinem Veto fordert er, dass einzelne schwer kranke Tiere weiter auch mit diesen Reserveantibiotika behandelt werden können: also auch Katzen, Hunde oder Hamster. Wieso dann all der Aufruhr?

„Wenn dies so umgesetzt würde, würden für die Tiermedizin vier Wirkstoffklassen verboten“, sagt Heiko Färber, Geschäftsführer des Bundesverbands Praktizierender Tierärzte (bpt). Martin Häusling spreche zwar von Ausnahmemöglichkeiten für die Behandlung einzelner Tiere. „Das hört sich gut an“, sagt Färber, aber das sei unrealistisch. Denn für solche Ausnahmeregelungen müsste die jahrelang mühsam ausgehandelte Tierarzneimittel-Verordnung wieder neu aufgemacht werden – und dazu gebe es keinerlei politischen Willen.

Die Sichtweise von Tierärzten sei grundsätzlich: „Ich bin dafür da, kranke Tiere zu behandeln“, sagt Färber. „Und dafür sollten mir die besten Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Wenn man bestimmte Wirkstoffe wegnimmt, dann wird die Behandlung unter Umständen schlechter sein.“ Manche Stoffe könne man zwar eventuell durch ältere Antibiotika ersetzen. Aber teilweise habe das dann sogar Nachteile im Hinblick auf die Resistenzentwicklung.

Pauschales Verbot in der Kritik

Rückendeckung bekommt der Verband von der Nationalen Forschungsplattform Zoonosen. Diese schreibt in einer Stellungnahme, es fehle bisher der Beleg dafür, dass ein pauschales Verbot das Vorkommen von Resistenzen in der Humanmedizin substanziell und nachhaltig beeinflussen würde“. Daher sei ein solches Verbot unverhältnismäßig, heißt es beim Tierärzte-Verband. Schlussendlich gehe es um die Frage: „Kann man als Tierarzt kranke Tiere adäquat behandeln oder muss man bei bestimmten Erkrankungen Tiere einschläfern?“, sagt Färber.

Dieser Darstellung widerspricht Häusling vehement: Es sei kein Hexenwerk, einen Satz zu Ausnahmeregeln für Einzeltierbehandlung in die Verordnung zu schreiben. Für die meisten Stoffe gebe es zudem gute Alternativen. Andere Länder, etwa Dänemark, machten zum Beispiel vor, dass man in der Viehzucht auf Reserveantibiotika verzichten könne. Außerdem: Sollte sein Veto durchkommen, passiere erst einmal nichts – keine sofort in Kraft tretenden Verbote und auch keine sterbenden Tiere. Die EU-Kommission sei zunächst lediglich aufgefordert, neue Vorschläge zu unterbreiten.

Und letztlich könnte sein Veto sogar dem Verband in die Hände spielen: Denn die EU-Kommission plane gar keine Ausnahmen für die Einzeltierbehandlung, so wie er sie fordere. Möglicherweise fürchte der Verband am Ende mehr um lukrative Einnahmequellen als um Tierleben. Schließlich gebe es Praxen, die 80 Prozent ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Antibiotika für die Landwirtschaft erwirtschafteten. Der einflussreiche Deutsche Tierschutzverband will jedenfalls Häuslings Vorschlag unterstützen, allerdings nur, wenn eindeutig geklärt ist, dass einzelne kranke Tiere – ob in der Landwirtschaft oder zuhause – weiter die Mittel erhalten dürfen.