„Avocadolf“ Attila Hildmann auf der Flucht – aber was verrät sein Datenleak?

Sebastian GrünbergerSebastian Grünberger | 02.11.2021, 15:45 Uhr
"Avocadolf" Attila Hildmann auf der Flucht - was verrät sein Datenleak?
"Avocadolf" Attila Hildmann auf der Flucht - was verrät sein Datenleak?

IMAGO / Klaus Martin Höfer

Ein Leak von Attila Hildmanns privaten Daten gibt Einblicke in das irre Weltbild des ehemaligen Vegankochs — und deutet auch auf ein Spitzel in der Staatsanwaltschaft auf.

Früher kannte man Attila Hildmann (40) in erster Linie als Vegankoch — einer, der eine gänzlich ohne tierische Produkte auskommende Ernährung propagierte und sich als erfolgreicher, aber durchaus streitbarer Geschäftsmann präsentierte.

Eigene Lokale, eine erfolgreiche Buchreihe, genügend Medienpräsenz: Bei Hildmann schienen die Dinge geschäftlich auf Kurs zu sein.

IMAGO / Stefan Zeitz

Einige Jahre später hat sich das Bild radikal gewendet: Er ist behördlich gesuchter Rechtsextremist, der seine kruden Verschwörungstheorien in der Covid-19-Pandemie oft vor dem Berliner Bundestag skandierte. Hildmann, der oft spöttisch „Avocadolf“ (einem Kofferwort aus Avocado und Adolf), genannt wird, ist seit längerer Zeit abgetaucht und befindet sich nicht mehr in Deutschland, wo ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt.

Der Wutbürger spricht stets viel von Feindbildern. Vor einiger Zeit wurde aber auch er zum Feind erklärt — und zwar vom Hacker-Kollektiv Anonymous, das Zugang zu einer Fülle von Hildmanns Daten erlangte und diese mehreren Medien zur Verfügung stellte. In diesen Leaks sind mehrere aufschlussreiche Dinge herauszulesen.

Hildmann hatte Spitzel in der Staatsanwaltschaft

Wie das ARD-Politikmagazin „Kontraste“ und das Rechercheformat „STRG_F“ berichten, habe Hildmann einen V-Mann — beziehungsweise eine V-Frau — in der Staatsanwaltschaft gehabt, die ihn über die Haftbefehle gegen seine Person vorab informiert habe. Dabei soll es sich um eine 32-jährige Frau namens Efstathi M. gandeln, die Hildmann Anfang 2021 in der Türkei besucht habe — das erklärt Hildmanns ehemaliger Helfer Kai Enderes, der unter anderem für dessen Telegramm-Kanäle verantwortlich zeichnete.

Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin bestätigte, dass gegen eine ehemalige, mittlerweile fristlos gekündigte Mitarbeiterin der IT-Abteilung ermittelt werde. Der Verdacht: Verletzung des Dienstgeheimnisses und der versuchten Strafvereitelung. Laut „Tagesschau“ sei M. für ihre Nähe zur Querdenkerszene bekannt und soll bereits bei Polizeieinsätzen auffällig geworden sein. Hildmann soll aufgrund dieser Informationen frühzeitig die Flucht aus Deutschland angetreten haben.

Weitere Details zum Leak

Auch wenn sich Hildmann in der Vergangenheit gerne als erfolgreicher Geschäftsmann gab: Eine Ladung des Finanzamts zur Vermögensauskunft spricht von Zahlungsrückständen von 112.450,90 Euro. Seinen Porsche, mit dem er sich auch den Anti-Corona-Demos 2020 stolz präsentierte, überschrieb er laut den Berichten seinem Anwalt Wolfram Nahrath (59) — quasi als Sicherheit. Nahrath, ehemaliger NPD-Funktionär, wird der Neonazi-Szene zugerechnet. Die Leaks sagen auch über die Kommunikation zwischen Nahrath und Hildmann so einiges. So soll Hildmann etwa geschrieben haben: „Heil Herr Nahrath! Ich bin stolz, dass wir gemeinsam stehen“.

Im Chatverlauf sollen auch antisemitische Karikaturen zu sehen gewesen sein.

Hildmann und

IMAGO / Stefan Zeitz

Hildmann gibt Interview

Hildmann erklärte sich gegenüber „STRG_F“ zu einem Videointerview bereit. Seinen Aufenthaltsort nannte er darin nicht — und auch auf die Vorwürfe gegenüber dem vermeintlichen Spitzel in der Staatsanwaltschaft ging er nicht ein.

Allerdings verneinte er diese Vorwürfe definitiv nicht. Nach Deutschland wolle er nicht zurückkommen, da er nicht auf eine faire Behandlung der Justiz hoffen könne, erklärte Hildmann — schließlich sei die BRD kein deutscher, sondern ein jüdischer Staat. Seine Worte, so Hildmann, hätten erinnerten nicht ans Neonazitum sondern — wenn überhaupt — an den Nationalsozialismus. Auf die Frage, ob er sich als Nationalsozialisten bezeichnen würde, antwortete er, er sei „geschichtlich offen“. (Redaktion KuT)