Das Schreiben geht weiter – Martin Walser wird 95

dpadpa | 23.03.2022, 16:22 Uhr
Martin Walser feiert seinen Geburtstag im engsten Kreis der Familie.
Martin Walser feiert seinen Geburtstag im engsten Kreis der Familie.

picture alliance / dpa

Ohne Worte gäbe es ihn nicht, hat Martin Walser einmal gesagt. Gespräche meidet er im hohen Alter mit wenigen Ausnahmen wegen Corona, doch der Stift in seiner Hand ruht nicht.

Still ist es zuletzt geworden um Martin Walser – zumindest bezogen auf das gesprochene Wort. Mit Beginn der Corona-Pandemie habe er sich zurückgezogen, sagte der Schriftsteller der „Rheinischen Post“ im vergangenen Jahr. „Ich habe keinerlei Berührung mit der gefährlichen Corona-Welt.“

Diesem Kurs ist Walser weitgehend treu geblieben. „Er würde ein Gespräch führen, allerdings nur persönlich“, sagt eine Sprecherin des Rowohlt Verlags vor seinem 95. Geburtstag am 24. März. „Aber wegen der Covid-19-Situation möchte er derzeit keine Besuche empfangen.“

Gratulationen werden ihn aus der Ferne dennoch erreichen. Mit Walser feiert der vielleicht berühmteste lebende deutsche Schriftsteller Geburtstag. Für seine Dutzenden Romane und Geschichten, die er in 67 Jahren literarischen Schaffens geschrieben hat, wurde er mit fast allen bedeutenden Preisen ausgezeichnet (nur der Nobelpreis, für den er immer wieder gehandelt wird, fehlt). Über die Jahrzehnte lösten seine Texte oder öffentlichen Reden Bewunderung, aber auch heftige Kritik aus.

Wilde Fantasien im „Traumbuch“

Und obwohl ihn, wie er zum Beispiel vergangenes Jahr einem Journalisten des „Spiegel“ erzählte, langsam sein Gedächtnis verlasse, bleibt er aktiv in dem, was ihm erklärtermaßen am wichtigsten ist: dem Schreiben. Diese Woche erschien im Rowohlt Verlag mit „Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf“ das nächste Werk – nur gut ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Sprachlaub“. Der Verlag bestätigt außerdem, dass Walser bereits an seinem nächsten Buch sitze.

Mit seinem „Traumbuch“ legt er nun seine Träume aus mehreren Jahrzehnten vor, illustriert mit farbgewaltigen, augenzwinkernden Collagen von Cornelia Schleime. Man lernt: Auch einen Schriftsteller vom Kaliber eines Martin Walser beschäftigen im Traum die üblichen Themen wie Scham oder die Angst vor dem Scheitern. Mal soll er im Fernsehen ein Gedicht vorlesen und hat den Text auf einmal nicht mehr parat. Mal fürchtet er, dass seine Mutter ihn beim Sex erwischt.

Selbstverständlich tauchen in den niedergeschriebenen Träumen auch all die alten Recken auf: Hans Magnus Enzensberger, Rudolf Augstein und, wie soll es anders sein, der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, dem Walser jahrelang in tiefer Abneigung verbunden war.

Geboren wurde Martin Walser 1927 als Sohn eines katholischen Gastwirts im bayerischen Wasserburg. Schon als Zwölfjähriger soll er erste Gedichte geschrieben haben, nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er unter anderem Literaturwissenschaft. Seinen ersten Erzählband „Ein Flugzeug über dem Haus“ veröffentlichte er 1955, den ersten Roman „Ehen in Philippsburg“ 1957 – in den Jahren darauf folgten unzählige Werke.

„Ein titanisches Werk“

Inzwischen umfasst Walsers Material zwei Dutzend Romane, zahlreiche Novellen und Geschichtensammlungen, eine Vielzahl von Theaterstücken, Hörspielen und Übersetzungen sowie Aufsätze, Reden und Vorlesungen. „Ein titanisches Werk“, sagte Literaturkritiker Denis Scheck im vergangenen Jahr über Walsers Wirken als Autor.

Dazu passt auch der Ort, an dem Walsers gesamtes Material seit Anfang März aufbewahrt wird. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar befinden sich die rund 75.000 handschriftlichen Seiten in Gesellschaft von Manuskripten von Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin, Franz Kafka und Hermann Hesse.

Auch wenn sich Walser darüber hinaus schriftlich oder mündlich äußerte, stießen seine Worte oft auf große Resonanz – etwa als er der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel mehrfach Schönheit attestierte: „Bei Frau Merkel werden wir Zeuge, wie Geist und Natur zusammenfinden, und eben deshalb ist sie schön.“

Umstrittene Friedenspreis-Rede

Es gebe immer wieder Themen, „da kann ich nicht schlafen, wenn ich mich nicht dazu verhalten habe“, sagte Walser einmal. Eine der größten Kontroversen löste seine umstrittene Rede zur Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche aus.

Walser hatte damals von der „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ gesprochen. „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.“ Für seine Worte erntete der Schriftsteller heftige Kritik – es entbrannte eine monatelange Diskussion über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland.

Walser selbst war immer wieder mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert. Im Sammelband „Unser Auschwitz“ (2015) dokumentierte er seine lebenslange Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld. Viele Kritiker sahen in dem Buch das Umdenken eines alternden Schriftstellers oder gar den Versuch einer Rehabilitierung.

„Ich finde das absurd“, sagte er nach Erscheinen des Buchs der Deutschen Presse-Agentur. „Entschuldigung, Rehabilitation, was heißt denn das? Das heißt, irgendein Verbrecher muss rehabilitiert werden. Da sieht man den leichtfertigen Umgang mit Fremdwörtern.“

Mit gesprochenen Worten hält sich Walser in der Öffentlichkeit in diesen Tagen zurück. Die Corona-Pandemie erlebt er bislang vor allem in seinem Haus in Überlingen am Bodensee. Dort wird er auch seinen Geburtstag feiern, im engsten Kreis der Familie, wie der Verlag mitteilt.

Bundespräsident gratuliert zum Geburtstag

Glückwünsche gab es von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Zu Ihrem 95. Geburtstag gratuliere ich Ihnen von Herzen und mit Hochachtung vor einem so langen, so reichen und so wirkungsvollen Leben für die Literatur“, sagte er.

Als herausragender Schriftsteller habe Walser das politische Bewusstsein Deutschlands nach 1945 nicht nur reflektiert, sondern auch selbst mitgeprägt, so Steinmeier weiter. „Wer Walser las, verstand entscheidend mehr über das Land, in dem er groß wurde.“