Familiäre Abgründe: Krachts „Eurotrash“ uraufgeführt

dpadpa | 19.11.2021, 01:35 Uhr
Joachim Meyerhoff und Angela Winkler während einer Vorführung von «Eurotrash» von Christian Kracht. Regie führte Jan Bosse.
Joachim Meyerhoff und Angela Winkler während einer Vorführung von «Eurotrash» von Christian Kracht. Regie führte Jan Bosse.

Fabian Schellhorn/Schaubühne Berlin/dpa

Christian Krachts jüngster Roman „Eurotrash“ ist auf der Schaubühne Berlin uraufgeführt worden. Regisseur und Autor werden für den Ritt durch die menschliche Gefühlswelt gefeiert.

Mutter und Sohn haben drei Flaschen Wodka im Reisegepäck. Zudem sind Wattebäuschchen dabei und jede Menge Psychopharmaka. Der Weg in Christian Krachts jüngstem Roman „Eurotrash“ führt an den Rand familiärer Abgründe.

Angela Winkler („Blechtrommel“) und Joachim Meyerhoff („Hamster im hinteren Stromgebiet“) machen die Theaterfassung des Stoffes bei der Uraufführung am Donnerstag an der Schaubühne Berlin zu einem zweieinhalbstündigen Ritt durch die menschliche Gefühlswelt. Die beiden Akteure, das Team um Regisseur Jan Bosse und Autor Kracht wurden vom Publikum gefeiert.

Die Themen: Sucht, Missbrauch, Nazi-Großvater

„Es ist kein Zeichen von Gesundheit, sich an eine zutiefst gestörte Familie anpassen zu können.“ Der Sohn besucht die ebenso schwerkranke wie exzentrische Mutter in Zürich. Beide haben sich viel zu sagen, doch reden sie dabei permanent aneinander vorbei. Es sind vor allem Vorwürfe und Hinweise auf die Schwächen des anderen, gepaart mit viel Selbstmitleid: „Mein Leben ist eine einzige Anhäufung von Enttäuschungen.“ Zu den aufzuarbeitenden Themen gehören Sucht, Missbrauch, ein Nazi-Großvater oder der Vater, der die Familie mit Rüstungsgeschäften und Molkereien zu Reichtum gebracht hat.

Mutter und Sohn nehmen eine große Menge des Geldes und alle ihre Probleme und Psychosen mit auf eine Reise – angeblich nach Afrika, sie landen aber in den Schweizer Bergen. Die Inszenierung materialisiert den Parforceritt durch Erinnerung, Unausgesprochenes, Vergessenes in einem Segelboot auf der Bühne, das Mutter und Sohn für ihre Reise eher gegen- als miteinander nutzen. Am Ende des Abends heißt es: „Schreiben Sie kein Buch darüber.“ Kracht hat es erfolgreich getan. Sein „Eurotrash“ ist etwa auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse gelandet.