Maddalena Fingerle und die Macht der Wörter

dpadpa | 22.03.2022, 10:15 Uhr
In Maddalene Fingerles Debüt geht es um die Wirkungsmacht der Sprache.
In Maddalene Fingerles Debüt geht es um die Wirkungsmacht der Sprache.

Julia Mayer/Folio Verlag/dpa

Wörter sind sauber, wenn sie das sagen, was sie sagen sollen. Für einen jungen Mann im mehrsprachigen Südtirol wird der Kampf gegen „dreckige Wörter“ zur Obsession.

Wer in Südtirol Urlaub macht, der behält die Hauptstadt Bozen mit ihrer pittoresken Laubengasse, dem Obstplatz und dem Alpenpanorama meist in schöner Erinnerung.

Doch Paolo Prescher hat von seinem Geburtsort im Norden Italiens, den er als beengend und deprimierend empfindet, die Nase ebenso voll wie von seiner nervigen Mutter und seiner verlogenen Schwester. Kaum mit der Schule fertig, packt er seinen Rucksack und setzt sich ab nach Berlin.

Paolo Prescher ist die Hauptfigur in Maddalena Fingerles Debütroman „Muttersprache“. Diejenige des jungen Mannes ist Italienisch, die Mehrheitssprache in der Autonomen Provinz Bozen aber ist Deutsch, dritte Amtssprache ist Ladinisch, eine Variante des Rätoromanischen. Die Deutschen sprechen einen für Paolo unverständlichen Dialekt, und die Italiener sprechen das Italienische falsch aus. Die angebliche Zweisprachigkeit der Südtiroler ist für Paolo nur Fiktion, weil die wenigstens Menschen wirklich zwei Sprachen beherrschen.

Wahn und Obsession

Aber nicht nur deshalb wird Sprache für Paolo zur Obsession. Ihn quälen die „dreckigen Wörter“. Das sind für ihn Wörter, die nicht das sagen, was sie sagen sollen. Vor allem seine Mutter ist es, die aus seiner Sicht die Wörter „dreckig“ macht.

Auf der Suche nach einer Sprache weit von den heimischen Verhältnissen entfernt flieht er also in die deutsche Hauptstadt, wo er Arbeit findet und sein Deutsch vervollkommnet. Er lernt dort die Italienerin Mira kennen, die ihm hilft, die Wörter zu „reinigen“. Als sie von ihm schwanger wird, kehren sie nach Italien zurück. In Bozen holt Paolo sein Wahn wieder ein, und die Geschichte nimmt, so viel sei verraten, kein gutes Ende.

Mehrfach ausgezeichnetes Debüt

Auch die 1993 geborene Autorin ist eine Italienisch-Muttersprachlerin aus Bozen, ihr Nachname stammt von einem Münchner Urgroßvater. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität München und lebt mit ihrem deutschen Mann im Allgäu. „Muttersprache“ ist ihr erster Roman und wurde in Italien mehrfach ausgezeichnet. Er ist keine Abrechnung mit Bozen und Südtirol und auch kein Lobgesang auf Berlin, sondern ein Buch über die Wirkungsmacht der Sprache.

Der Übersetzerin Maria Elisabeth Brunner – auch eine Südtirolerin – gelingt es ausgezeichnet, Fingerles Wortspiele ins Deutsche zu übertragen. Der Roman ist reich an literarischen Anspielungen und Zitaten. Die Namen aller Figuren sind Anagramme, Paolo Prescher etwa steht für „parole sporche“ (dreckige Wörter). All das wird in einem Anmerkungsteil erläutert, den Brunner und Fingerle zusammen erstellt haben und der in der italienischen Originalausgabe fehlt.

Maddalena Fingerle: Muttersprache. Aus dem Italienischen von Maria Elisabeth Brunner, Folio Verlag, Wien, 180 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-85256-849-2